Männedorf

In der Stille des Ostermorgens

Vor Sonnenaufgang haben sich zwei Dutzend Menschen zur Ostermeditation getroffen – mit einem Osterfeuer im Freien und Taizé-Liedern in der reformierten Kirche.

Die Besucher entzündeten mit dem Feuer der Osterkerze Kerzen in einem Kreuz und brachten Licht in die dunkle Kirche.

Die Besucher entzündeten mit dem Feuer der Osterkerze Kerzen in einem Kreuz und brachten Licht in die dunkle Kirche. Bild: Sabine Rock

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Die Morgendämmerung taucht die Landschaft und den Zürichsee in silbriges Licht. Wolkenschwaden werden die bald aufgehende Sonne verdecken, sie tun es um Viertel vor sechs Uhr auch mit dem abnehmenden Vollmond, der seine Konturen nur durch einen milchigen Dunst zu erkennen gibt. Der Blick von der erhöhten Terrasse vor der reformierten Kirche fällt auf ein stilles Dorf, dessen Bewohner um diese Stunde noch schlafen. Ausser den zwei Dutzend Menschen, die hier oben um ein loderndes Feuer stehen. Jede und jeder tritt hintereinander zu den Flammen und legt ein Stück Holz in die Feuerschale. Das Feuer steht sinnbildlich für die Kraft, wie Pfarrerin Marjoline Roth vorträgt, die nicht nur ein Hölzchen zu verwandelt vermag, sondern gerade an Ostern auch einen neuen Menschen auferstehen lassen kann.

Melancholischer Klagegesang

Von diesem Osterfeuer entzündet die Pfarrerin die schwere Osterkerze, die vom Sigrist Urs Frick ins Kircheninnere getragen wird. Es ist die einzige Lichtquelle in der noch dunklen Kirche. Die Besucher nehmen in einem Halbkreis vor einem am Boden platzierten Kreuz im Chorraum Platz. In dieser Stille stimmt Sophia Bohren von der erhöhten Galerie einen nonverbalen Klagegesang an: Es sind ergreifende Laute voller Melancholie. Sie sollen die Verzweiflung von Maria Magdalena ausdrücken, welche als erste das leere Grab vorfindet und sich aufmacht, Jesu zu suchen – so beginnt die Geschichte von Jesus Auferstehung, die die Pfarrerin vorliest.

Dieser Frühgottesdienst ist von der reformierten Kirche als Meditationsfeier mit Taizé-Liedern angekündigt worden. Der offizielle Ostergottesdienst wird am späteren Vormittag auch noch stattfinden. Während Marjoline Roth auf der elektronischen Orgel die ersten Takte anschlägt, singt Sophia Bohren die zwei Zeilen des ersten Liedes vor: «Bleibet hier, und wachet mit mir! Wachet und betet! Wachet und betet!»

Allmählich folgen die restlichen Anwesenden und der Gesang erfüllt den Chorraum. Typisch für Taizé-Lieder ist gerade der kurze Text, der mehrmals wiederholt wird und dadurch eine besondere Atmosphäre schafft. So auch an diesem Morgen in Männedorf im noch dunklen Raum.

Feierliche Zeremonie

In dieser Dunkelheit entzündet die Pfarrerin von der brennenden Osterkerze eine kleinere Kerze, um damit eines der Teelichter anzuzünden, die im liegenden Kreuz eingelassen sind. Darauf wandert die Kerze von Hand zu Hand, so dass jede und jeder Teilnehmende ans Kreuz treten und ein Teelicht zum Leuchten bringen kann. Die musikalische Begleitung dieser Zeremonie unterstreicht das Feierliche des Momentes.

Während des folgenden meditativen Singens, von dem eine sanfte Ruhe ausgeht, dringt allmählich das erste Tageslicht ins Kircheninnere und verleiht den farbigen Glasfenstern eine magische Strahlkraft. Besonders dasjenige in starkem Rot vom Karfreitag mit dem gekreuzten Christus, aber auch jenes daneben, auf dem ein weisser Engel gen Himmel zeigt und auf Ostern hinweist. Und weil Ostern, so erklärt es Marjoline Roth, stets mit einer Taufe einhergeht, weil mit der Auferstehung die Menschen zu glauben begonnen hätten, lässt sie diesmal eine mit Wasser gefüllte Schale durch die Reihen zirkulieren. Die einen halten fast schon andächtig die Schale vor sich, blicken ins Wasser und scheinen für einen Moment zu beten oder zu meditieren, andere benetzen einen Finger und bekreuzen sich.

Es ist nun eine Stunde vergangen und das Morgenlicht des Sonntags hat sich vollends in der Kirche ausgebreitet. «Mit dem Sonnenaufgang wandelt sich die Trauer in Freude», verkündet die Pfarrerin mit froher Stimme und feiert die Auferstehung mit einem «Halleluja, halleluja, amen, amen.»

Im Anschluss an die Feier sind alle zum Eiertütschen eingeladen, es gibt aber auch Kaffee und Zopf für die Frühaufsteher.

Erstellt: 21.04.2019, 18:50 Uhr

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