Frauentag

«In den Köpfen muss ein Umdenken stattfinden»

Anlässlich des Tags der Frau hat die ZSZ zwei Kantonsratskandidatinnen verschiedener Generationen getroffen und mit ihnen über Mut, Vorbilder und die Frauenquote gesprochen.

Die Kantonsratskandidatinnen Monica Spinas-Negri und Leah Heuri sind sich einig: Bis Mann und Frau wirklich gleichgestellt sind, gibt es noch viel zu tun.

Die Kantonsratskandidatinnen Monica Spinas-Negri und Leah Heuri sind sich einig: Bis Mann und Frau wirklich gleichgestellt sind, gibt es noch viel zu tun. Bild: Sabine Rock

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Wie ist es als Frau in der Politik?
Leah Heuri: Was wir in der SP merken, ist, dass Frauen mehr Hemmungen haben als Männer, wenn es darum geht, sich für ein politisches Amt zur Verfügung zu stellen. Frauen denken oft ‹Ich weiss noch nicht genug› oder ‹Ich kann das nicht›,während Männer sich diese Fragen eher nicht stellen.Sie machen einfach.

Monica Spinas-Negri: Genau. Diese Gedanken halten viele Frauen davon ab, sich zu engagieren. Bei Sachthemen stellt sich das Problem weniger. Aber sobald es politisch wird, kommen die Rückzieher, weil man es sich nicht zutraut.Mich erstaunt, dass diese Angst bei jungen Frauen heute auch noch Thema ist.Denn ich habe das Gefühl, dass die jungen Frauen heute selbstbewusster sind. Auch weil sie andere Vorbilder haben als wir damals. Meine Hoffnung ist, dass diese Entwicklung weitergeht und die jungen Frauen selbstbewusster aufwachsen.

Frauen stehen sich also selbst im Weg, weil sie alles perfekt machen wollen?
Spinas-Negri: Nicht unbedingt perfekt, aber bestimmt nicht schlechter als ein Mann. Und es fehlt an Selbstvertrauen.

Heuri: Ich habe mich lange nicht getraut, für ein Amt zu kandidieren, weil ich dachte, ich sei noch nicht so weit und brauche mehr Erfahrung. Dann habe ich den Sprung in den Vorstand gewagt und habe Spass an meiner Aufgabe. Ich bin froh, bin ich über meinen Schatten gesprungen. Wir haben in der Partei spezielle Anlässe zur Frauenförderung. Beispielsweise Rhetoriktrainings für öffentliche Auftritte. Das hat mir geholfen, meine Hemmschwelle zu überwinden. Zudem habe ich gelernt, dass alles eine Frage der Übung ist.

«Dass man versucht, sich vor Lohnanalysen zu drücken, ist ein Skandal.»Monica Spinas-Negri, Kantonsratskandidatin CVP Meilen

Frau Spinas-Negri, Sie sind 62. Welches Rollenbild hat Sie geprägt?
Spinas-Negri: Ich bin in einer traditionellen Familie aufgewachsen. Mein Vater hat gearbeitet, meine Mutter hat sich um uns vier Kinder gekümmert. Später wurde ich Pflegefachfrau, ein typischer Frauenberuf also. Mein Mann hat eine medizinische Karriere angestrebt. Dabei habe ich ihn unterstützt. Das bedeutete aber auch, dass ich beruflich zurückstecken musste. Als dann unser Sohn zur Welt kam, war die Kinderbetreuung nicht mit dem Beruf vereinbar. Ich habe es genossen, Zeit zu haben, mein Kind aufwachsen zu sehen. Den beruflichen Wiedereinstieg habe ich aber nicht mehr richtig geschafft und mich stattdessen freiwillig engagiert. Natürlich habe ich mitverfolgt, wie die ersten Frauen in den Bundesrat gewählt wurden. All diese Frauen haben eine Vorreiterrolle übernommen und sind mir deshalb Vorbilder, ganz unabhängig von der Parteizugehörigkeit. Denn sie haben sich in eine Domäne gewagt, die bis heute stark von Männern dominiert wird. Das finde ich sehr bemerkenswert.

Frau Heuri, Sie gehören mit 18 Jahren zu einer andere Generation. Wie sieht es bei Ihnen aus?
Heuri: Meine Eltern haben Elektrotechnik studiert. Bis ich in die Mittelstufe kam, haben beide 100 Prozent gearbeitet. Ich hatte erst eine Tagesmutter, dann hat meine Oma nach der Schule auf mich aufgepasst. Ich fand es immer toll, meinen Eltern am Morgen dabei zuzusehen, wie sie sich für die Arbeit bereit machten. Politisch habe ich zwei grosse Vorbilder: Das eine ist die Sozialistin Rosa Luxemburg. Sie gehörte zu den wenigen politisch aktiven Frauen um 1900 und bewies grossen Mut indem sie aufstand und für ihre Anliegen kämpfte. Mein zweites Vorbild ist die Kantons- und Stadträtin Carmen Marty Fässler. Sie ist Lehrerin,zweifache Mutter und bringt alles unter einen Hut.

Sprechen wir über Gleichberechtigung. Fühlen Sie sich im Alltag gleichberechtigt den Männern gegenüber?
Heuri: Auf den ersten Blick könnte man schon meinen, Frauen und Männer seien in der Schweiz gleichberechtigt. Doch wenn man einzelne Aspekte beleuchtet, etwa den Unterschied beim Lohn oder dass Carearbeit noch immer grösstenteils von Frauen bestritten wird, sieht man die Unterschiede. So werden Männer, die in der Kinderbetreuung arbeiten, auch heute noch schräg angeschaut, weil es als typischer Frauenberuf gilt. Ich hoffe deshalb, dass die Gesellschaft irgendwann so weit ist, dass nicht mehr in so geschlechtspezifischen Berufskategorien gedacht wird.

Wo sehen Sie die grössten Baustellen, Frau Spinas-Negri?
Spinas-Negri: In Sachen Möglichkeiten sind die Geschlechter gleichgestellt. Jedem steht frei, welche Ausbildung er oder sie wählt. Nehmen wir die Medizin als Beispiel: Die Mehrheit der Medizinstudenten ist weiblich. Doch wo bleiben diese Frauen nach dem Studium, wenn es um die Karriere geht? Das Rollenbild in den Köpfen ist unverändert. Frauen, die sich nicht zwischen einer akademischen Karriere und Kindern entscheiden wollen, werden zu wenig unterstützt. Natürlich ist es möglich, beides zu haben. Die Ausbildung dauert aber viel länger, und letztlich erhält dann eventuell eher der jüngere Mann den Zuschlag für eine Stelle.

Der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau beträgt in der Schweiz noch immer gut acht Prozent. Ist hier die Politik in der Pflicht, oder müssen wir Frauen einfach lernen, härter zu verhandeln?
Spinas-Negri: Es ist ganz eindeutig die Pflicht der Politik, bei den Löhnen für Transparenz zu sorgen. Seit 1981 ist die Gleichstellung der Geschlechter in der Bundesverfassung verankert. Dazu gehört auch die Lohngleichheit. Dass dieses Gesetz noch immer nicht durchgesetzt wird und man sogar versucht, sich vor Lohnanalysen zu drücken, ist ein Skandal.

Heuri: Politisch muss sich eindeutig etwas tun. Doch es ist auch an den Frauen, aufzustehen und eine Veränderung zu fordern. Das tun wir beispielsweise mit dem Frauenstreik am 14. Juni. Nur so können wir deutlich machen, dass dieses Problem angegangen werden muss. Wir Frauen müssen jetzt am Ball bleiben.

«Heute hätte ich kein Problem damit, gegen einen Mann anzutreten.»Leah Heuri, 
Kantonsratskandidatin SP Adliswil

Braucht es eine Frauenquote?
Heuri: Ja, ich glaube, eine Quote würde helfen, mehr Frauen in die Politik zu holen. Ich bin letztlich auch deswegen in den Vorstand gegangen, weil der freie Sitz von einer Frau besetzt werden musste. Wenn wir Ersatz für einen Mann brauchen, gibt es viele Bewerbungen. Bei der Besetzung der Frauensitze sind wir oft monatelang auf der Suche. Hier kommt die Förderung ins Spiel, weil sie den Frauen hilft, selbstbewusster zu werden.

Hätten Sie sich nicht um den Vorstandssitz beworben, wenn Sie gegen einen Mann hätten antreten müssen?
Heuri: Heute hätte ich kein Problem, gegen einen Mann anzutreten. Vor einem Jahr hätte mir der Mut dazu gefehlt. Dank unserer internen Frauenförderung habe ich jetzt das nötige Selbstvertrauen.

Spinas-Negri: Der Begriff «Frauenquote» ist leider sehr negativ behaftet. Man müsste wohl ein anderes Wort dafür finden. Es braucht Gleichstellung und mehr Akzeptanz unter den Geschlechtern. Frauen machen 50 Prozent der Bevölkerung aus und sollten folglich auch zu 50 Prozent in den Räten vertreten sein, in welchen die Entscheidungen getroffen werden. Bis das erreicht ist, braucht es Zeit, und die Frauen müssen gestärkt werden. Dass sich eine solche Förderung lohnt, sehen wir an Beispielen wie Frau Heuri. Aber es muss auch in den Köpfen der Menschen ein Umdenken stattfinden. Und wenn es dazu erst mal eine Quote braucht, dann ist es halt so. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 07.03.2019, 18:53 Uhr

Monica Spinas-Negri und Leah Heuri

Monica Spinas-Negri ist 62 Jahre alt und seit 12 Jahren Mitglied der Bürgerrechtsbehörde Meilen, sowie im Vorstand der Meilemer CVP. Die gelernte Pflegefachfrau ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.

Leah Heuri ist 18 Jahre alt und lebt in Adliswil. Seit einem einem Jahr politisiert sie für die SP und ist Vorstandsmitglied der Jungsozialisten. Derzeit absolviert sie ihr Maturitätsjahr am Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium (MNG) Rämibühl.

Beide Frauen kandidieren für die Kantonsratswahl vom 24. März. (fpr)

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