Sturm

Im Wettlauf gegen den Borkenkäfer

Sturmtief Burglind brauchte am 3. Januar nur zwei Stunden, um einen Riesenschaden anzurichten. Die Aufräumarbeiten werden zum Teil monatelang dauern. So viel Zeit haben die Förster am Zürichsee aber nicht.

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Alexander Singeisen fährt von der Stäfner Risi in den Wald, bis sein Geländewagen von quer über dem Weg liegenden Bäumen gestoppt wird. «Das erinnert an Lothar», sagt der 36-jährige Revierförster von Meilen, Uetikon, Oetwil, Männedorf und Stäfa. Was er sieht, ist schrecklich. Mächtige Fichten hat Sturm Burglind vor zwei Wochen wie Zündhölzer geknickt.

Bizarr ragen zerborstene Stümpfe in die Höhe. Andere Bäume hat der Sturm mitsamt Wurzelstock umgeblasen. Sie türmen sich als fünf Meter hohe Räder aus Erde, Steinen und Wurzeln senkrecht auf. «Die Flachwurzler hat es hier reihenweise umgelegt», sagt Singeisen. Auch wenn Burglind angekündigt war, trifft es Singeisen schwer. «Viel schlimmer als befürchtet», sagt er und schaut auf das Chaos aus Wurzelstöcken, zersplitterten Stämmen und abgebrochenen Kronen.

Wissen, wo man steht

Es riecht intensiv nach frischem Holz und Tannennadeln. Der Boden ist mit einem dichten Kissen von Zweigen bedeckt. Fast möchte man barfuss darüber gehen. Aber der grüne Teppich birgt bei jedem Schritt Stolpergefahr. Singeisen steigt daher auf einen Stamm und läuft hoch über dem Gestrüpp, tänzelt beinahe über Äste und quer liegende Bäume. Der Reporter kann ihm nicht mehr folgen – als ob sich Tarzan vor seinen Häschern auf Lianen im Dschungel davonschwingt.

Die Aufräumarbeiten in den Wäldern am rechten Zürichsee werden lange dauern – die Schäden sind teils enorm. Video: Paul Steffen

Der gebürtige Berner aus Rohrbach bei Huttwil hat ein Einsehen und wartet. «Gefährlich sind die Bäume, die unter Spannung stehen, da muss man genau wissen, wo man beim Sägen steht», erklärt er und zeigt auf eine scheinbar platt liegende, mächtige Fichte. Einmal durchsägt, kann ein Ende des Stamms peitschenartig hochschnellen. Die tonnenschweren Wurzelräder plumpsen dann ohne Gegengewicht zurück ins aufgerissene Loch oder kippen nach vorne.

Die Gefahr lauert überall

Im Wald sind viele schräge Bäume zu sehen. Sie lehnen sich an jene an, die Burglind überstanden haben. Jetzt rauscht wieder ein heftiger Wind durch den Wald, mit «Evi» wieder auf einen harmlos wirkenden Namen hörend. Jeden Augenblick kann so ein angeschlagener Baum vollends den Halt verlieren. Die Gefahr lauert überall. Hier bewegt sich auch der Förster mehr mit nach oben gerichtetem Blick, als dass er seine Füsse im Astwerk am Boden beachtet.

Man sieht ihm an, wie er überlegt, was hier zu machen ist: mit Seilwinde aufrecht gebliebene Wurzelstöcke auf den Boden zurückziehen, gefallene Bäume entlasten, schneiden und Nutzholz von Bruchholz trennen, Löcher in den Wegen mit Bagger planieren. «Die Waldstrassen müssen schnell passierbar gemacht werden, dann die gefallenen Bäume wegräumen und auch die fällen, die eine Gefahr bilden», zählt er die Prioritäten auf.

Manche Nadelbäume sind vom Sturm in zehn Metern Höhe einfach gekappt worden. Jetzt ragen blanke Stämme in den Himmel. Bis Ende März müssen sie geschlagen sein. Sonst zieht jemand lautlos ein, der den Schaden vervielfachen könnte. Deshalb ist Singeisen seit Burglind fast ständig im Einsatz: «Der Borkenkäfer lässt mir keine Wahl, es wird ohnehin spitz.» Wenigstens ist alles Holz – ausser dem der Fichten – kein Fressen für den gefürchteten Schädling. Darum werden die Laubbäume derzeit ungeachtet ihres Zustands von den Waldarbeitern mehr oder weniger links liegen gelassen.

Dank Burglind überlebt

Eine mit rosa Farbe markierte Tanne verdankt dem Sturm ihr Weiterleben. Denn eigentlich wäre sie der normalen Waldbewirtschaftung zum Opfer gefallen. Jetzt bleibt sie stehen, weil Tausende andere Bäume von Burglind gefällt wurden – eine ganze Jahresnutzung des von Singeisen seit bald vier Jahren betreuten, 600 Hektaren grossen Reviers am Pfannenstiel liegt am Boden. Dafür malt er einem anderen Baum das Todesurteil mit der Spraydose an die Rinde. Die Krone fehlt, ohne Grünwuchs ist die Fichte dem Untergang geweiht. Wenigstens dient der Stamm noch als wertvolles Nutzholz – bevor der Borkenkäfer den Wert vermindert.

«Schöne Waldstücke, die seit Jahrzehnten gepflegt werden, wurden in zwei Stunden zerstört.»Alexander Singeisen,
Revierförster

Dem Förster blutet das Herz. «Schöne Waldstücke, die seit Jahrzehnten gepflegt werden, wurden in zwei Stunden zerstört», sagt er leise. Jetzt müsse wieder bei null angefangen werden. Bei solchen Schäden denke er an die Waldbesitzer. «Die haben es heutzutage ohnehin nicht leicht mit Preiszerfall des Holzes, mit Borkenkäfer und anderen Sorgen. Auf die kommen hohe Kosten zu.»

Ein Ungetüm räumt auf

Ortswechsel: Im Uetiker Wald unterhalb des Vorderen Pfannenstiels zeigt der Förster auf eine mächtige Tanne, die eine erst im Herbst mit Jungbäumen aufgeforstete Parzelle gleichsam erschlagen hat. Weiter geht die Fahrt über die Hochwacht. Dort sorgt ein dreiköpfiges Team mit Maschinen für Ordnung. Ein 17 Tonnen schweres Ungetüm auf sechs ballonartigen Rädern namens Vollernter packt eine gut 20 Meter lange gefällte Fichte mit dem Auslegerarm.

Zuvorderst fräst ein Schlitten die Äste ab. Es kracht und rattert. Nach rund fünf Metern kreischt die Säge und schneidet ein Stück makelloses Stammholz ab. Nach zwei Minuten ist der ganze Baum abholbereit portioniert zerlegt. Ein Forstarbeiter lässt seine Motorsäge aufheulen. Links und rechts kerbt er den Baum nahe der Wurzel ein, dann setzt er zum Durchschnitt an. Mit dumpfem Schlag kracht der Stamm auf den weichen Boden.

Sechsstellige Schadensumme

Singeisen kann nicht auf eine eigene Equipe zählen. Arbeiter wie diese im Meilemer Wald sind von ihm in Absprache mit den Waldbesitzern beauftragte Spezialisten, die ihre Geräte mitbringen. Bei rund 400 Eigentümern in seinem Revier ist das vor allem eine Frage der Kommunikation.

Der Förster setzt seine Tour fort. «Streuschaden» nennt er es, wenn vereinzelte Bäume geköpft, geknickt, gefällt wurden. «Das summiert sich auch», verweist er auf die finanziellen Einbussen. Aber nichts im Vergleich zu den Flächenschäden, wo der Wald den Orkanböen schutzlos ausgeliefert war. «Traurig», kommentiert der Hombrechtiker Familienvater von zwei Kindern die Verwüstung. Auf fussballfeldgrossen Parzellen steht kaum ein Baum mehr unbeschadet. Noch ist der Gesamtschaden in seinem Revier nicht berechnet, wird aber sicher sechsstellig sein.

Spontan improvisieren

An der Stuckistrasse unterhalb des Vorderen Pfannenstiels ragt ein dünner Fichtenstamm bis in die Strasse. «Der Baum lag vorher noch nicht da, er war wohl von Burglind angeschlagen und ist jetzt endgültig umgefallen», sagt Singeisen. Er hält kurz, kappt die Krone und räumt das Stück zur Seite.

Eine improvisierte Sofortmassnahme, wie sie derzeit zu Tausenden nötig sind. Es bleibt ohnehin noch vieles zu erledi­­gen. Schliesslich wollen die Förster am Zürichsee den Wettlauf mit dem Borkenkäfer nicht verlieren. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 17.01.2018, 08:06 Uhr

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