Sturmschäden

Im Wald zeigt sich ein Bild der Verwüstung

Zahlreiche Bäume haben den Böen des Sturmtiefs «Burglind» nicht standgehalten. Die Förster bezeichnen die Schäden in den Wäldern als massiv. Das Holz muss nun möglichst rasch herausgeholt werden, um einen Befall mit Borkenkäfern zu verhindern.

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Mächtige Rottannen liegen kreuz und quer auf dem Waldboden. Riesige Wurzelteller ragen meterhoch in den Himmel. Abgerissene Äste schaukeln hoch oben in Baumkronen. Es ist ein Bild der Verwüstung, das sich nahe des Bolliger Weihers in Oetwil präsentiert.

Sturm Burglind hat in den Bezirken Meilen und Horgen massive Schäden hinterlassen.

Stark betroffen ist etwa die Gemeinde Hombrechtikon. Dort haben die Sturmböen ein vier bis fünf Hektaren grosses Waldstück komplett niedergestreckt: «Zwischen Buechstutz und Seeweid liegen 500 Kubikmeter Holz am Boden», schätzt Nils Schönenberger, seit Herbst Gemeindeförster in Hombrechtikon. Auch in anderen Wäldern der Gemeinde riss der Sturm zahlreiche Bäume um. Schönenberger rechnet mit rund 1200 Kubikmeter Sturmholz – das ist gut das Doppelte der jährlichen Nutzung.

Wurzeln zu wenig tief

Das Ausmass der Sturmschäden sei aussergewöhnlich, hält der Förster fest. Betroffen sind vor allem Rottannen, auch Gemeine Fichten genannt. Der Grund dafür liegt im Erdreich verborgen: «Fichten sind Flachwurzler», sagt Schönenberger. Ihre Wurzeln wachsen in der obersten Erdschicht wie ein Teller in die Breite und können so leichter herausgerissen werden. Pfahlwurzler wie etwa Weisstannen hingegen sind mit ihren Wurzeln tief im Erdreich verankert. Allerdings spielten weitere Umstände wie Windstärke, Standort oder Bodentemperatur eine Rolle dabei, welche Baumarten umknicken.

Auch in Küsnacht hat der Sturm hohe Schäden verursacht. «Die gesamte Jahresnutzung liegt am Boden», sagt Revierförster Manuel Peterhans. Das seien etwa 1000 Kubikmeter. Peterhans ist zuständig für die Gemeinden Küsnacht, Erlenbach, Herrliberg und Egg. Wie es in Erlenbach und Herrliberg aussieht, kann er noch nicht sagen. Er müsse sich erst einen Überblick verschaffen.

Ganze Schneisen

Alexander Singeisen ist Leiter des Forstreviers Pfannenstiel Süd und zuständig für die Gemeinden Meilen, Uetikon, Männedorf, Stäfa und Oetwil. Singeisen hat ebenfalls noch keinen genauen Überblick über sein Revier. Die Ausmasse der Zerstörung hätten ihn aber «erschlagen». Er habe nicht mit so starken Schäden gerechnet. «Seit Lothar gab es kein vergleichbares Unwetter mehr.» Bei den Aufräumarbeiten damals 1999 sei es zu schweren Unfällen sowie ­Todesfällen gekommen. «Man darf die Gefahren einer solchen Aufräumaktion nicht unterschätzen.»

Besonders betroffen von Burglind seien Oetwil und Stäfa. Während der Sturm in Oetwil viele Streuschäden verursacht hat, frass er in Stäfa ganze Schneisen in die Wälder. Auch am Pfannenstiel liegen zahlreiche Baumstämme am Boden. In Meilen traf es das Dorfbachtobel schwer. Die Stämme liegen kreuz und quer über­einander. Bis das Tobel wieder begehbar sei, dauere es voraussichtlich mehrere Wochen, sagt Singeisen. «Das Herausholen der Bäume ist sehr aufwendig.»

Nur noch Hackholz

In den letzten zwei Tagen haben Förster und Feuerwehren Durchgangsstrassen freigeräumt und angrenzende Waldränder gesichert. Viele Waldstrassen sind noch immer gesperrt und werden erst im Verlauf der nächsten Woche freigegeben. Anschliessend geht es daran, das Sturmholz aus den Wäldern zu schaffen. Die umgestürzten Bäume werden vor Ort entastet und je nach Verwendung weiterverarbeitet. Am lukrativsten ist es, wenn sie als Nutzholz verkauft werden können. Sind die Stämme allerdings zu stark gesplittert, taugen sie nur noch als Hackholz für Holzschnitzel.

Für private Waldeigentümer ziehe der Sturm grosse finanzielle Einbussen nach sich, heisst es bei den Förstern. Einerseits wegen der aufwendigen Aufräumarbeiten, zum anderen, weil der Holzpreis bei dem Überangebot wohl sinken werde. In den nächsten Jahren ist zudem nur eine sehr zurückhaltende Ernte möglich.

Vorsicht vor Borkenkäfer

Das Sturmholz einfach liegen zu lassen, ist aber keine gute Option: Zum einen sei es schade um qualitativ gute Stämme, sagt Förster Nils Schönenberger. Viel gravierender ist aber etwas anderes: der Buchdrucker, ein Fichtenborkenkäfer. Er besiedelt gern frisch abgestorbene Fichtenbäume. Bereits letzten Sommer hat der Käferbestand aufgrund der warmen und trockenen Temperaturen zugenommen. Um eine weitere Ausbreitung zu verhindern, sollte das Sturmholz bis Ende März aus dem Wald geholt sein, sagt Schönenberger.

Zimmerbergregion: «50 Jahre Arbeit sind dahin»

Das Ferienende kam für die Förster unerwartet früh. Denn was der Sturm Burglind am Mittwoch in der Zimmerbergregion angerichtet hat, lässt nicht bis Montag auf sich warten. Die Schäden sind enorm. «Man weiss gar nicht, wo anfangen», sagt Rudolf Fluri, Förster der Gemeinde Horgen.

Das Bild der Verwüstung trifft Fluri hart. «50 Jahre Arbeit sind dahin.» Bäume, die sein Vorgänger oder er selber vor langer Zeit angepflanzt hatte, liegen nun am Boden. Ein Lebenswerk wurde innerhalb von Sekunden zerstört. «Das tut weh», gibt Fluri zu, während er versucht, sich in seinem Forstrevier einen Überblick über das Schadenausmass zu verschaffen. Er habe noch längst nicht ­alles gesehen, sagt er. Bis gestern Mittag schätzte er die Menge des beschädigten Holzes auf 300 bis 400 Kubikmeter. Betroffen seien vor allem viele junge Bestände. Einige davon seien schon in den letzten Tagen durch den schweren, nassen Schnee vorbelastet gewesen.

Die Gefahr liegender Bäume

Auch im Forstrevier Thalwil-Oberrieden-Langnau hatten die Waldarbeiter gestern viel zu tun. «Wir machen jetzt das Nötigste», sagt Förster Eugen Carisch. Bislang seien er und sein Team, das durch zwei Gartenbaufirmen unterstützt wurde, vor allem ausserhalb des Waldes im Einsatz gestanden. «Wie gross der Schaden im ganzen Forstrevier ist, weiss ich momentan noch überhaupt nicht.» Es werde wohl bis Mitte nächster Woche dauern, bis er sich eine Übersicht verschafft habe.

Bereits jetzt bekannt ist aber zum Beispiel, dass am Waldrand in Oberrieden ein Baum auf das Schützenhaus gestürzt ist. Ebenfalls unterhalb der Autobahn ist eine Fläche von etwa hundert auf hundert Meter weitestgehend zerstört worden. «Als Förster sprechen wir da von einem Totalschaden», sagt Carisch.

Sich im Wald aufzuhalten, war auch am Donnerstag – wegen der anhaltenden Winde und einsturzgefährdeten Bäume – immer noch gefährlich. Höchste Vorsicht war geboten.

Gefahr droht aber nicht nur von oben, sondern kann auch von liegenden Bäumen ausgehen. Dann nämlich, wenn sie «gekrümmt liegen und somit eine Spannung enthalten», sagt Carisch. Dann müsse man genau wissen, wie und wo man den Baum zersägen könne. Andernfalls entlade sich die Spannung beim Schnitt. «Das ist lebens­gefährlich. Darum ist für diese Arbeiten viel Erfahrung nötig.»

Der Bevölkerung rät Carisch zurzeit davon ab, in den Wald zu gehen. Damian Wyrsch, Förster in Adliswil, Kilchberg und Rüschlikon, pflichtet ihm bei. «Nun ist Geduld gefragt», sagt Wyrsch. Viele Waldstrassen müssten vor­übergehend gesperrt bleiben. In seinem Forstrevier seien die Folgen von Burglind allerdings «moderater als gedacht». Am stärksten betroffen sei der Rüeschliker Wald. «Dort wurden etwa 500 ­Kubikmeter Holz beschädigt. Das entspricht etwa der Menge des jährlichen Holzschlags.» Mit den eigentlichen Aufräumarbeiten werde er nächsten Montag beginnen, wenn sein Team wieder vollzählig sei.

Das Dringendste ist erledigt

Sturm Burglind hat am Mittwoch auch den Richterswiler Förster Patrick Jordil aus den Ferien ­geholt. In seinem Forstrevier ist insbesondere das Reidholz zwischen Wädenswil und Richterswil beschädigt worden. «Ich schätze, etwa ein Sechstel der dortigen Bäume wurde zerstört.» Auch in Wädenswil, Schönenberg und Hütten seien viele alleinstehende Bäume umgekippt. Das erschwert die Arbeit. «Wir springen nun quasi von einem Baum zum nächsten.» Gesehen habe er in seinem Gebiet bisher etwa 300 Kubikmeter Holz, «die am Boden liegen». Die dringendsten Auf­gaben seien zwar erledigt. «Doch jetzt gilt es, die nächsten Tage zu planen.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 05.01.2018, 10:49 Uhr

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