Sommerserie

Ihre Kinder brachten sie einander näher

Theres Weber aus Uetikon und Regula Baggenstos aus Herrliberg haben in gewissen Fragen das Heu überhaupt nicht auf der gleichen Bühne. Nähe entstand zwischen ihnen, als sie Kinder bekamen und die Ältere der beiden sich bei der Jüngeren Rat holte.

Für Regula Baggenstos (links) sind Schweine vor allem Glückssymbole. Ihre Schwester Theres Weber hingegen hat zu den Tieren einen realen Bezug: Der Landwirtschaftsbetrieb, den sie mit ihrem Mann führt, widmete sich bis vor ein paar Jahren der Schweinezucht.

Für Regula Baggenstos (links) sind Schweine vor allem Glückssymbole. Ihre Schwester Theres Weber hingegen hat zu den Tieren einen realen Bezug: Der Landwirtschaftsbetrieb, den sie mit ihrem Mann führt, widmete sich bis vor ein paar Jahren der Schweinezucht. Bild: Michael Trost

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Wären Theres Weber und Regula Baggenstos keine Schwestern – sie hätten wohl nicht zueinander gefunden. Zu unterschiedlich sind ihre Interessen. Die eine gelernte Pflegefachfrau, heute Kantonsrätin, Präsidentin der Zürcher Landfrauen und im Marketing tätig – die andere Architektin, WWF-Mitarbeiterin und Hobbysportlerin.

Ehrgeizig und mit einem starken Familiensinn versehen sei Theres, sagt Baggenstos nach den Eigenschaften ihrer jüngeren Schwester befragt. Ein extrem lieber Mensch und sehr umtriebig, lautet die umgekehrte Einschätzung. Regula könne zu nichts Nein sagen.

Kandidaturen für Kantonrat

Baggenstos hat zum Gespräch im Garten von Weber, hoch ob Uetikon, belegte Brötchen mitgebracht. Sie ist ganz in orange gekleidet, die Schwester in rosa. Nicht wie beim letzten Mal, als sie beide zufälligerweise Ton in Ton vor die Kamera traten: Vor zehn Jahren wurden sie schon einmal vom «Tages-Anzeiger» porträtiert. Weil damals beide Schwestern für den Kantonsrat kandidierten. Weber auf einem vorderen Listenplatz der SVP, Baggenstos als Listenfüllerin für die FDP. Sie lacht herzhaft. «Ich hätte das nie gekonnt wie Theres. Die ganzen Wahlveranstaltungen mitmachen und zu allen nett sein.» Sie könne viel zu wenig auf den Mund sitzen.

Auch an diesem Vormittag ist die 62-jährige Baggenstos die Spontanere, während Weber ihre Antworten sorgfältig abwägt. Die Bise rüttelt am Sonnenstoren. Wird er halten? Er sei massiv, aber im schlimmsten Fall müsste wohl die Versicherunge bezahlen, sagt Weber und bringt ihren Gästen etwas zum Überziehen. Das sei typisch für Theres, kommentiert Baggenstos.

Früher keinen engen Draht

Aufgewachsen sind die beiden mit zwei weiteren Schwestern in Herrliberg, wo der Vater ein Baugeschäft betrieb und die Mutter Haushaltlehrtöchter ausbildete. Gemeinsame Kindheitserinnerungen kommen vor allem rund um den grossen Garten auf, in dem sie mithelfen mussten. Weber war froh, dass Baggenstos oft freiwillig das Jäten übernahm. Die Ältere erinnert sich an die Diskussionen um das Frauenstimmrecht, gegen das die Mutter sich ausgesprochen hatte. «Das konnte ich als 15-jährige überhaupt nicht nachvollziehen», ruft sie aus. Der Vater hingegen war in dieser Frage fortschrittlicher. Er legte Wert darauf, dass seine vier Töchter einen Beruf erlernten.

Als junge Erwachsene hatten sie keinen engen Draht zueinander. «Wir waren mit unseren Ausbildungen beschäftigt», sagt Weber. Baggenstos zieht nach der Hochbauzeichnerlehre mit ihrem Freund und späteren Mann zusammen. Und ist erst einmal konsterniert ob so viel Zweisamkeit. «Das war für mich etwas komplett Neues.» Im Elternhaus sassen immer viele Leute mit am Tisch, dauernd kam jemand zu Besuch. Auch Weber zieht es nach dem Handelsdiplom und ihrer Ausbildung zur Pflegefachfrau weg. Sie heiratet mit 24 einen Landwirt und bekommt mit 26 das erste Kind. In dieser Zeit ist Baggenstos daran, beruflich durchzustarten. Nach dem Architekturstudium an der Fachhochschule Rapperswil macht sie sich selbständig. Auch ihr Mann baut ein Unternehmen auf. Sie wird mit 37 zum ersten Mal Mutter.

Im selben Monat desselben Jahres bringt Weber das dritte Kind zur Welt. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, in dem sie sich näher kommen. Die Ältere sucht Rat bei der erfahrenen Jüngeren. Der Sohn ist ein Schreibaby und bringt sie zur Verzweiflung. «Wahrscheinlich hat er gespürt, dass ich möglichst schnell wieder arbeiten will», sagt Baggenstos. Sie gibt nach, buchstabiert beruflich zurück und bekommt noch ein zweites Kind.

Politik als Zankapfel

In ihren 40ern engagieren sich beide Frauen in der Politik. Theres Weber wird 1999 für die SVP in den Kantonrat gewählt. Sie tritt damit in die Fussstapfen des Grossvaters, der einst ebenfalls dem Kantonsparlament angehört hatte. Baggenstos wird Mitglied der FDP und macht sich in Herrliberg für Umwelt- und Erziehungsthemen stark. Obschon beide für bürgerliche Parteien aktiv sind, sind sie sich in vielen Fragen alles andere als einig. Das zeigt sich an diesem Morgen beispielsweise an der Migrationsthematik. Während Weber die restriktive Haltung ihrer Partei unterstützt, sieht Baggenstos das Thema in einem grösseren, ökologischen Zusammenhang. Lange währt die Diskussion nicht. «Das bringt nichts», sagt Weber.

Aufregen tut sie sich aber schon ab und zu über die ältere Schwester, wenn sie es etwa in Sachen Ernährung und Nachhaltigkeit besser wisse. Ein Bereich, in dem sich Weber nicht noch weitere Vorschriften wünscht. Baggenstos wiederum stört sich daran, wenn bei der Schwester in gewissen Fragen die SVP-Haltung Überhand nimmt.

Eifersucht kennen sie beide nicht. Sie hätten das Leben der anderen stets akzeptiert. Komme es zu Unstimmigkeiten unter den Schwestern, beschäftige sie das sehr, sagt Weber. Wie eng ist die Beziehung zur jüngsten und ältesten Schwester? Auch diese Beziehungen seien Wandel unterworfen. Die Älteste lebt heute im nahen Ausland, die Jüngste ist beruflich voll engagiert. Klar, dass sie sich gegenseitig stützen. So war es beispielsweise, als die Ehe von Baggenstos und ihrem Mann in Brüche ging oder oder als die Auswanderung der ältesten Schwester anstand.

Süsses erstes Enkelkind

Die Familientreffen, wie sie ihre Eltern bei jeder Gelegenheit einberufen hatten, gehören der Vergangenheit an. Beide sind verstorben und die Familie mittlerweile so verzweigt, dass es schwierig geworden ist, an jedem Geburtstag zusammenzukommen. Weihnachten und grössere Anlässe werden trotzdem gefeiert, mit allen, die kommen können und wollen.

Der Zusammenhalt der Schwestern führt auch in die nächste Generation: Das erste Enkelkind von Weber hat die Tochter von Baggenstos zur Gotte. «Der Kleine ist so süss, dass ich glatt eifersüchtig werden könnte», sagt diese und lacht.

Erstellt: 18.07.2018, 16:01 Uhr

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