Männedorf

Dank der väterlichen Liebe

Vier Jahre alt war Gerry van der Meer, als Nazideutschland ihre Heimat Holland besetzte. Die heute 82-jährige Männedörf­lerin hat aber nicht nur düstere Erinnerungen an die Kriegszeit.

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Endlich ist es so weit: Der Vater fordert sie auf, die Augen zu schliessen, und führt sie an der Hand vor die Tür. Das Geschenk sei bereit. Lange hat sie sich gedulden müssen. Hat beobachtet, wie der Vater die Nächte zuvor immer wieder nach draussen geschlichen ist. «Mach jetzt die Augen ein klein wenig auf, schaue nach oben und bewege dich langsam hin und her», sagt er nun. Sie sieht die Sterne tanzen. «Das sind Engel», erklärt ihr der Vater. Sie würden bedeuten, dass nächstes Jahr wieder Friede sein werde. «Und dann gibt es ein richtiges Geschenk.» Noch aber muss der achtjährigen Gerry der Blick in die Sterne als Geschenk genügen. Man schreibt das Jahr 1944. Für Gerrys Heimat Holland ist es das vierte Jahr unter deutscher Besatzung.

Mit dem Warten auf die sternenklare Nacht für die Geschichte von den Engeln begegnet der Vater der Niedergeschlagenheit seiner Tochter. Kein einziges Geschenk hat sie am Nikolaustag – der in Holland grösser gefeiert wird als Weihnachten – erhalten. Dem Nachbarsmädchen hingegen ist ein reicher Gabentisch gedeckt worden. Den Grund dafür kann ihr der Vater erst begreiflich machen, als im Folgejahr tatsächlich der Krieg vorbei ist: «Die Eltern des Mädchens hatten mit den Deutschen kollaboriert.» Dafür sind sie mit Waren belohnt worden, die für die einheimische Bevölkerung längst nicht mehr erhältlich waren.

Gerrys Vater aber ist während des Krieges Leiter einer Partisanengruppe. Seine Aktivitäten geschehen in grosser Heimlichkeit, doch Gerry und ihre drei Geschwister bekommen vieles mit: Wie die Widerstandskämpfer nachts Waffen suchen, die Alliierte aus Flugzeugen abwerfen, und wie sie die Waffen bei ihnen zu Hause zusammensetzen. Wie Piloten abgeschossener Flugzeuge bei ihnen gepflegt werden. Manchmal auch sind die Kinder Boten verschlüsselter Nachrichten. Sie lernen früh, dass sie sich immer ruhig verhalten müssen und nicht alles wissen dürfen. Denn schnell kann ein unbedachtes Wort zu einer brenzligen Situation führen.

Brenzlige Situationen gibt es auch so viele. Oft versteckt der Vater im Haus Juden oder diensttaugliche Holländer, die nicht in Munitionsfabriken in Deutschland arbeiten wollen. Manche Hausdurchsuchung steht Spitze auf Knopf. «Kurz vor Kriegsende war ein junger Mann bei uns. Er war verletzt und hatte hohes Fieber», erinnert sich die heute 82-jährige Gerry van der Meer. Als deutsche Soldaten das Haus stürmen, bleibt keine Zeit zum Überlegen: Die zwölf Jahre ältere Schwester wirft dem Kranken die nächstliegende Decke über. «Die Angst war kaum auszuhalten, dass ihn sein Zittern oder Husten verraten könnte.» Ein andermal wird der Schwester der Ausweis abgenommen. «Ohne Ausweis gab es keine Lebensmittelmarken», veranschaulicht Van der Meer den Ernst der Lage. Just als sich der Vorgesetzte des kontrollierenden Soldaten zur Tür wendet, wirft jener der Schwester den Pass schnell wieder hin. «Ereignisse wie dieses haben meinen Vater in seiner klaren Haltung bestärkt: nie ein ganzes Volk zu verurteilen.»

«Auf beiden Seiten gab es gute wie schlechte Menschen», hält Van der Meer fest, die seit 1959 in Männedorf lebt. Hass gegen die Deutschen verspüre sie nicht. Und sie könne das Handeln der Kollaborateure nachvollziehen. «Sie standen unter Zwang und litten starken Hunger», sagt sie, «wer einen Juden, Widerständler, Deserteur oder anderen Verdächtigen verraten hat, ist belohnt worden und hatte wieder zu essen.»

Hunger, gepaart mit Kälte, erlebt auch sie während der harten Kriegswinter. Bei minus zwölf Grad ist sie mit nackten Knien unterwegs. «Im Winter 1944 lässt Hitler Wassermühlen stilllegen, viele Ländereien stehen unter Wasser.» Die Landwirtschaft kommt praktisch zum Erliegen. In diesem Winter stirbt Van der Meers Bruder 14-jährig an Hunger. Kälte, Hunger, Tod, die ständige Angst, der Vater und seine Mitstreiter könnten auffliegen: Die Kindheit Van der Meers prägen viele belastende Eindrücke, die sie Jahrzehnte später mitunter noch in Träumen verfolgen. Doch die 82-Jährige strahlt viel Lebensfreude und Dankbarkeit aus. «Ich habe mich als Kind immer geborgen gefühlt.» Wichtig war dabei der Vater. «Ich habe ihn nie traurig gesehen, er hat uns Kindern stets Schönes erzählt.» Wie etwa von den Engeln am Himmel. Oder von den Sonnenstrahlen in seiner Blechdose. Er sammle sie, damit sie im verdunkelten Haus – das ihnen als Schutz vor deutschen Beobachtungsposten diente – Licht hätten.

Als Van der Meer selber Mutter wird, ist ihr seine Erziehung Vorbild. «Kinder, die mit viel Liebe aufwachsen, können ihr Leben auch in dunklen Zeiten meistern», ist sie überzeugt. So ist ihr auch der innige Umgang mit ihren acht Enkeln wichtig. Regelmässig ist sie mit ihnen in Kontakt; oft wird sie von ihnen gebeten, aus ihrem Leben zu erzählen. Zu ihrem Leben gehört auch der frühe Tod ihrer Mutter. Sechs Jahre alt ist sie selber da. «Als einziges Andenken an sie ist mir ein Hase gebLieben, den sie mir gestrickt hat.» Doch als während eines Bombenangriffs die Kinder in Rotkreuzautos gezerrt werden, geht er verloren. 60 Jahre später sucht Van der Meer am Ort des Geschehens nach dem Stofftier, freilich vergebens. Sie fertigt dann zwei Hasen aus Stein an, die dem ursprünglichen Tier ähneln. Wie die Blechdose des Vaters erinnern sie in ihrem Männedörf­ler Haus an ihre Kindheit.

Ihre Kriegserfahrungen beeinflussen ihre Berufswahl: Sie wird Krankenschwester. Während ihrer Ausbildung in Leyden lernt sie im Studentenwohnheim ihren zukünftigen Mann kennen und verlobt sich 1957 mit ihm. Er, Elektroingenieur, erhält kurz darauf eine Stelle in der Schweiz. Sie kommt mit, findet in Uster als «erste Ausländerin im Spital» Arbeit. Bald nach ihrer Heirat 1958 wird Männedorf ihre Heimat. 1960 bringt Van der Meer das erste Kind auf die Welt; zwei weitere folgen 1961 und 1967 – und aus den geplanten wenigen Monaten des Bleibens werden mehrere Jahrzehnte. Ab den Achtzigerjahren engagiert sie sich in der Sterbebegleitung. «Der allgegenwärtige Tod während des Krieges hat mir den Umgang mit dem Sterben erleichtert.» (zsz.ch)

Erstellt: 10.02.2018, 11:59 Uhr

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