Stäfa

«Ich wünsche mir Zweifelnde, die gerne glauben würden»

Die reformierte Kirche Stäfa bietet ab dem 14. November an sieben Abenden einen Glaubenskurs an. Pfarrer Michael Stollwerk erklärt im Interview, was er mit dem Kurs bezweckt.

Pfarrer Michael Stollwerk gibt ab Mitte November an sieben Abenden einen Glaubenskurs in Stäfa.

Pfarrer Michael Stollwerk gibt ab Mitte November an sieben Abenden einen Glaubenskurs in Stäfa. Bild: Michael Trost

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die reformierte Kirche Stäfaversucht seit geraumer Zeit mit teils ausgefallenen Veranstaltungen die Menschen in die Kirche zu locken. Jetzt steht ein Glaubenskurs an. Braucht es so einen Kurs?
Michael Stollwerk: Es braucht Glaubenskurse, weil fundierter, tiefer Glaube immer eine Erfahrungsdimension und eine Wissensdimension hat. Menschen machen nach wie vor spirituelle Erfahrungen, können sie aber teilweise nicht deuten. Hier wollen Glaubenskurse eine Orientierungshilfe sein. Das mag sich jetzt etwas trocken anhören – aber keine Sorge: Vor Langeweile habe ich selber Angst.

Menschen wollen auch in der Kirche und in Glaubensthemen unterhalten werden. Legen Sie und Ihre Pfarrkolleginnen deshalb so grossen Wert auf Entertainment?
Wir leben in einer Spassgesellschaft. Das bedeutet, dass selbst das Ernsteste und Seriöseste unterhaltsam aufbereitet werden muss, wenn man Aufmerksamkeit erzielen möchte. Diese Tendenz macht nicht einmal vor den Nachrichten oder dem Wetter­bericht halt. Und grundsätzlich muss man da ja immer noch unterscheiden: Es gibt schlechtes Entertainment, das einzig und allein der Zerstreuung dient. Und es gibt gutes Entertainment, das mich anspricht, neugierig macht und zum Nachdenken anregt. Wir in der reformierten Kirche in Stäfa sind ja inzwischen bekannt dafür, aussergewöhnliche Wege zu gehen. Denken Sie an das Speeddating oder den Reformationsball. (schmunzelt)

Aber der Reformationsball hatte ja gar nichts mit Glaubensvermittlung zu tun und hätteirgendeine Tanzveranstaltung sein können, oder?
Sollte man meinen. Aber irgendwie fügt es sich immer, dass sich auch bei diesen Veranstaltungen so viele und gute Gespräche ergeben, dass ich danach mindestens ein halbes Dutzend neuer Gesichter im Gottesdienst entdecke.

Muss man den Glauben nocherklären?
Ich denke schon. Wir leben heute in einer multikulturellen und -religiösen Gesellschaft, da ist nichts mehr als selbstverständlich vorauszusetzen. Ausserdem haben wir es als Kirche irgendwie geschafft, dass die Mehrheit der Bevölkerung bei ihrer spirituellen Suche den christlichen Glauben für irrelevant hält. Mir geht es mit ihm dagegen eher so wie mit dem Dornröschen. Es wird für tot gehalten, dabei schläft es nur und wartet darauf, wach geküsst werden. Wer den Glaubenskurs Spur 8 besucht, riskiert genau das.

Sie wollen den Glauben an Gott wach küssen?
Ja, ich gehe davon aus, dass dies im Laufe eines Kurses geschieht. Nicht bei jedem, aber bei dem einen oder anderen. Mir tut es immer wieder leid, wenn Menschen bei einem abstrakten oder nebulösen Gottesbild stehen bleiben. Das ist so, als gäbe es nur eine dunkle Ahnung von dem, was ein weibliches Wesen ausmacht. Eher langweilig, oder? Aber lerne ich dann überraschend ein konkretes Beispiel dieser Gattung Mensch kennen, denke ich: «Wow!»

Wie soll diese Wow-Erfahrung möglich werden?
Diese Erfahrung ist dann möglich, wenn ich entdecke, dass der unendliche und abstrakte Gott sich in der Gestalt des irdischen Menschen Jesus Christus ein Gesicht gegeben hat. Klar, das hat jetzt nichts mit Erotik zu tun, aber ich sage ganz ehrlich: Die bleibende Faszination, die Christus auf uns Menschen ausübt, die ist nicht minder intensiv – nur eben anders. Auch darüber spreche ich im Glaubenskurs.

Wie gehen Sie im Kurs vor?
Ich habe eben vom christlichen Glauben als verwunschenem Dornröschen gesprochen. Es lebt bekanntlich in einem Schloss, das im Laufe der Zeit von ganz vielen Dornenhecken überwuchert wurde. Die Dornenhecken der Missverständnisse, Vorurteile, intellektuellen Vorbehalte und vielleicht auch schlechter Vorerfahrungen muss ich zumindest an drei Abenden wegräumen, damit das Dornröschen die Chance hat, wach geküsst zu werden. Meine Anregung wäre: Skeptiker sollen ruhig den ersten Abend am 14. November besuchen und dann für sich entscheiden, ob sie den dornenreichen, aber wunderbaren Weg zu den Schätzen des Glaubens mitgehen wollen.

Das klingt anstrengend.
Der christliche Glaube ist ein Schatz und der verlangt eben ein gewisses zeitliches Investment. Trotz dieser Hürde bin ich zuversichtlich. Denn eins habe ich in den beiden Jahre, die ich jetzt hier bin, gelernt: Stäfner sind anspruchsvoll.

Wen wünschen Sie sich als Kursteilnehmer?
Natürlich Zweifelnde, die gerne glauben würden, aber bisher keinen Zugang gefunden haben. Vielleicht auch jene, die die Kirche bisher abgeschreckt hat oder die schlechte Erfahrungen gemacht haben. Oder Eltern, die von den religiösen Fragen ihrer Kinder überfordert sind. Sie alle haben wir mit diesem Angebot im Blick.

Wie geht es nach dem Kursweiter?
Der Kurs, der am 14. November beginnt, ist ein Basiskurs, eine Art touristischer Ausflug in das Land des Glaubens. Für die, die es nicht bei einer Stippvisite belassen wollen, gibt es dann weitere Angebote im Alltag unserer Kirchgemeinde. Und sollten Teilnehmer beschliessen, uns gefällt es im Land des Glaubens so gut, dass wir gerne dorthin auswandern und als fröhliche Christmenschen verbindlich dort leben wollen, wird es irgendwann sicher ein Aufbauseminar geben.


Kursbeginn: Mittwoch, 14. November, 19.30 bis 21.30 Uhr, Forum Kirchbühl, Stäfa. Kontakt: Michael Stollwerk, 044 926 15 66 oder
michael.stollwerk@kirchestaefa.ch. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 27.10.2018, 08:51 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!