Wochengespräch

«Ich will dem Publikum mehr mitgeben als nur Unterhaltung»

Für den Medizinstudenten Joël Perrin ist Poetry-Slam mehr als reines Unterhalten. Im Gespräch mit der ZSZ erzählt er über sein Leben zwischen den beiden Welten und verrät, was es mit seinem neusten Text «Maskenmann» auf sich hat.

Mit getakteter Lyrik und bissiger Gesellschaftskritik reisst der 21-jährige Slam Poet Joël Perrin das Publikum in seinen Bann.

Mit getakteter Lyrik und bissiger Gesellschaftskritik reisst der 21-jährige Slam Poet Joël Perrin das Publikum in seinen Bann. Bild: Sabine Rock

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Poetry-Slam ist ein moderner Dichterwettstreit. «Slam» bedeutet wörtlich «zuschlagen». Was schlagen Sie dem Publikum um die Ohren?
Joël Perrin: Meine Texte sind politisch bis gesellschaftskritisch. Ich versuche oft, ernsthafte Botschaften ironisch zu verpacken. Ich will dem Publikum mehr mitgeben als nur sechs Minu­ten Unterhaltung. Es ist für mich das Schönste, wenn ein­zelne Personen nach einem Slam-Abend zu mir kommen und sagen, dass mein Auftritt bei ihnen etwas ausgelöst hat.

Sind Sie selber politisch aktiv?
Ich bin politisch sehr inter­essiert, aber mir gehen die bürokratischen Prozesse hinter vielen politischen Aktionen schlichtweg zu lange. Ich sehe mich nicht als Weltveränderer, aber Slam-Poetry ist mein kleiner Beitrag, den Leuten einen politischen Anstoss­ mitzugehen. Ich bin eher der Funke als das Pulverfass.

Für jemanden, der noch nie an einem Slam war. Was erwartet einen an einem typischen Abend?
Ein Slam als Veranstaltung ist wie eine lyrische Comedy-Apéro-Platte. Zehn bis zwölf Poetinnen und Poeten treten nacheinander im Wettbewerb auf und haben je sechs Minuten Redezeit. Sie dürfen sich nicht verkleiden und keine Requisiten verwenden, in der Themenwahl sind sie aber frei. Es sind also zwölf sehr unterschiedliche kurze Häppchen. Ich selbst bin eher der Lyriker, ich mag aber die Abwechslung von Klamauk, Comedy und ernster Poesie.

Und wie wird bewertet?
Das Publikum ist die Jury. Die ­Abstimmung funktioniert mit Applaus­ oder Punkten. Der genau gleiche Text kann an unterschiedlichen Orten ganz anders wirken. Es kommt total darauf an, wer vor mir auftritt und wer danach. Ich merke meistens in den ersten 30 Sekunden, ob ein Text an diesem Abend funktioniert oder nicht.

Sie präsentieren Ihre Texte auswendig. Haben Sie keine Angst, mal etwas zu vergessen?
Ich habe das Textblatt immer mit dabei, in der rechten Hosentasche. Ich bin aber immer noch jedes Mal nervös – auch noch nach fast 100 Auftritten.

Wie ist es, wenn ein Text nicht gut ankommt?
Schlechte Erfahrungen hatte ich glücklicherweise nur wenige. Die Slamszene in der Schweiz ist sehr familiär, man spricht auch von der «Slamily». Ich finde den Begriff sehr passend. Es sind total unter­schiedliche Menschen, doch es ist die Sprache, die Kunstform, die uns verbindet. Und wenn mal ein Auftritt wirklich schlecht war, fängt einen diese Warmherzigkeit auf. Wir wissen alle, dass es Zufall ist, welche fünf Zuschauer eine Notentafel in den Händen halten.

Für die ZSZ gab Joël Perrin einen seiner Texte zum Besten. Video: Linda Koponen/Runa Wehrli.

Slam ist aber trotzdem ein Wettkampf. Vergleichen Sie sich auch mit anderen?
Natürlich ist ein Vergleich da, und würde ich immer verlieren, würde ich es nicht machen. Ich trete nur mit Texten auf, hinter welchen ich voll stehe. Ob die Leute das gut finden oder nicht, ist ihre Sache.

Es ist ein allgemeines Klischee, dass die Kleinkunstszene vom «Grosstheater» belächelt wird. Was sagen Sie dazu?
Der Einstieg in die Slamszene ist sehr einfach, vielleicht wird das belächelt. Aber durch diesen locke­ren Einstieg bekommt Slam etwas sehr Dynamisches. Für mich ist diese Kunstform weniger verstaubt als etwa die Oper.

Wie sah Ihr Einstieg in die Slam-Poetry aus?
Wir hatten im Gymnasium einen schulinternen Slam-Wettbewerb. Den habe ich gewonnen, und alle fanden, ich soll unbedingt weitermachen. Ich habe aber erst später, im Zwischenjahr, wirklich damit angefangen. Für meinen zweiten Auftritt musste ich im Militär freinehmen. Zum Glück, denn durch diesen konnte ich an den deutschsprachigen U-20-Meisterschaften teilnehmen.

Heute, knapp vier Jahre später, studieren Sie Medizin und stehen weiter aktiv auf Slambühnen.
Es sind zwei Welten, die sich eigentlich nicht berühren. Ich fühle mich aber in beiden sehr wohl. Mich faszinieren die sterile Umgebung des Seziersaals und das stundenlange Auswendiglernen. Andererseits finde ich es total­ schön, um zwei Uhr morgens irgendwo in einem verrauchten Backstagebereich mit Leuten über Gott und die Welt zu reden. Manchmal fühle ich mich aber auch leicht verloren. Bei Slams muss ich meistens als Erster gehen, weil ich noch etwas für die Uni vorbereiten muss. Bei den Medizinern bin ich häufig der bunte Vogel, der dreimal unter der Woche in einer Bar auftritt.

Wie vereinen Sie diese beiden Welten?
Es wäre natürlich cool, Kunst und Medizin irgendwann verbinden zu können. Ich habe zum Beispiel einen Text über die Organspende geschrieben, inspiriert von der Lebensgeschichte eines Mitstudenten. Das ist eine kleine Verknüpfung. Wir haben an der Uni einen Fachverein gegründet, der sich dafür einsetzt, dass man über das Thema spricht. Im Studium interessiert mich im Moment vor allem die Psychiatrie. Die Psychotherapie ist sehr sprachbasiert. Bei ihr geht es noch am stärksten um die Frage, was macht uns zu Menschen?

«Ich bin eher der Funke als das Pulverfass.»
Joël Perrin

Um diese Frage geht es auch in Ihrem aktuellsten Text «Maskenmann».
Genau. Der Text ist inspiriert vom Phantom der Oper, eine faszinie­rende Figur, die alles haben­ könnte, sich aber hinter einer Maske versteckt, da sie sich hässlich fühlt.

Tragen Sie eine Maske, wenn Sie auf der Bühne stehen?
Ich trage keine Maske, aber ich spiele eine Rolle. Wenn ich auf einer Slambühne stehe, bin ich nicht ich. Eine klare Trennung ist da wichtig. Ich habe das Gefühl, wir spielen immer Rollen. Ich bin jetzt im Interview nicht in der­selben Rolle, wie später mit Studien­kollegen. Man muss nur her­aus­finden, welche Rolle einem gut tut.

Diese Frage nach der eigenen Persönlichkeit ist gerade heute wichtig geworden.
Heutzutage ist es extrem einfach, grundsätzliche Lebensentscheidungen zu ändern. Wer mit seinem Partner unzufrieden ist, hat über Online-Paarvermittlungen in fünf Minuten einen neuen. Das ist zum einen sehr zu begrüssen, zum anderen findet man in ­jedem Lebensbereich jemanden, der besser ist. Ich habe in meinem Umfeld das Gefühl, dass viele­ Leute durch diesen ständigen Vergleich schnell an ihrem Selbstwert zweifeln.

Und was hat das mit Poetry-Slam zu tun?
Dieser Wandel schreit nach einer Möglichkeit, die Welt zu erklären und letztendlich sich selber zu verstehen. Ich habe das Gefühl, dass das mit ein Grund ist, war­um Slam immer mehr Leute anzieht. Es ist eine Möglichkeit, in kurzer Zeit einen gebündelten Blick auf das Wesentliche zu erhal­ten. Künstler und Publikum versuchen so, gemeinsam eine Erklärung für das Leben zu finden.

Erstellt: 22.06.2018, 15:29 Uhr

Zur Person

Joël Perrin ist 21 Jahre alt und wohnt in Männedorf. Seit 2015 ist er erfolgreich in der Schweizer und Deutschen Poetry Slam Szene unterwegs. Er wurde 2016 u20 Schweizermeister, stand 2017 an den Schweizermeisterschaften im Finale und gewann dieses Jahr die Oltner Slamtrilogie. Daneben studiert er Medizin in Zürich im siebten Semester.

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