Meilen

«Ich werde vor der Kamera älter – und stehe dazu»

Sandra Studer ist die wohl bekannteste Moderatorin der Schweiz. Mit der ZSZ sprach die Meilemerin über ihr aktuelles Stück, Krampfadern und Katalonien.

«Ich bin voller Dankbarkeit, dass ich meinen Geburtstag gesund begehen konnte»: Sandra Studer am Zürichsee.

«Ich bin voller Dankbarkeit, dass ich meinen Geburtstag gesund begehen konnte»: Sandra Studer am Zürichsee. Bild: Michael Trost

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Sandra Studer, derzeit spielen Sie im Musical Supermarkt Ladies eine Verkäuferin. Erledigen Sie Ihre Einkäufe jetzt mit einem anderen Blick?
Nein, ich gehe schon anders einkaufen, seit ich selbst im Supermarkt an der Kasse gearbeitet habe, und das ist schon sehr lange her. Das war in einer der ersten Semesterferien meines Studiums. Ich muss ungefähr 19 gewesen sein. Es war ein Ferienjob, der etwa fünf oder sechs Wochen gedauert und mich sehr geprägt hat. Es gibt keinen Tag, an dem ich beim Einkaufen nicht daran denke, dass ich auch einmal auf diesem Stuhl sass.

Das Stück ist typisch schweizerisch: Die Zuschauer können mehrfach darüber abstimmen, wie die Handlung weitergehen soll. Haben Sie schon Unerwartetes erlebt?
Eigentlich sind wir auf alles vorbereitet, aber es gibt eine Abstimmung im Stück, in welcher das Publikum entscheidet, wo der Supermarkt-Chef aufgetaut wird – wir, die Supermarkt Ladies, hatten ihn eingefroren. Zur Auswahl stehen ein Hammam oder eine Backstube. Und es kommt immer das Hammam, weil dabei noch gefragt wird, ob das Publikum wolle, dass wir uns alle ausziehen, um ins Hammam zu gehen. Dann ist der Entscheid natürlich klar. Einmal wurde das mit dem Ausziehen nicht erwähnt und prompt hat die Backstube gewonnen. Da kommt man dann wirklich kurz ins Schwitzen, ob man den Song noch kann. Man darf nicht bequem werden.

Wie haben Sie das Stück beeinflusst?
Ich habe mich wohl unbewusst selbst eingebracht. Es ist einiges von mir in der Rolle der Supermarktverkäuferin Paula. Ich habe auf der Bühne ein grosses Puff mit meinen Kindern und meinem Privatleben. Das ist schon ein bisschen autobiographisch. Regisseur Dominik Flaschka hat schon so oft mit mir zusammengearbeitet. Der kriegt das mit und lacht darüber, wie viele Telefonate ich von Zuhause bekomme und was ich alles noch regeln muss. Es ist kein Zufall, dass ich die Supermarktverkäuferin spiele, die Kinder hat.

Und was haben Sie bei den Proben eingebracht?
Das war dieses Mal etwas frustrierend. Während vier von sechs Wochen durfte ich nicht singen und nur ganz leise reden. Ich hatte etwas ganz Komisches, eine Krampfader auf dem Stimmband. Schon seit Monaten war ich heiser und dachte immer, dass das schon wegginge. Am ersten Probentag haben sie mich dann gleich zum Arzt geschickt. Ich bekam ein absolutes Singverbot und laut reden durfte ich auch nicht. Das war nicht lustig, eine absolute Geduldsprobe. Wenn ein Stück am Entstehen ist, möchte man als Schauspieler dem Regisseur Sachen anbieten. Die Krampfader bin ich dann zum Glück mit Medikamenten los geworden.

Vor Kurzem wurden Sie 50. Was bedeutet Ihnen diese Zahl?
Nichts. Ich musste ein bisschen lachen, weil es ein Thema in den Medien war. Und ich wurde viel darauf angesprochen. Irgendwie fand ich das komisch. Es ist ja keine Leistung 50 zu werden. Ich bin voller Dankbarkeit, dass ich meinen Geburtstag gesund begehen konnte. Im Moment geht es mir wirklich gut. Andere haben in diesem Alter schon Schlimmes durchgemacht. Ich habe ein Riesenglück, dass ich eine Familie habe und nach bald 30 Jahren immer noch meinen Job machen darf. Und ich weiss, dass die Lebenszeit in Zukunft noch ein wenig kostbarer wird.

«Es ist ja keine Leistung 50 zu werden.»Sandra Studer

Es gibt ja immer wieder Frauen, die ihr richtiges Alter nicht öffentlich nennen wollen. Haben Sie damit keine Mühe?
Wie soll ich das denn verstecken? Es steht auf Wikipedia und in jedem Artikel über mich (lacht). Das Wichtigste bei uns scheint das Alter zu sein. Man wird extrem darüber definiert. Kürzlich habe ich eine Frau kennengelernt, die ihr Alter nicht preisgibt. Im ersten Moment fand ich das doof. Dann hat sie es mir erklärt und ich musste ihr recht geben. Als Frau wird man in eine Schublade gesteckt: Ab einem gewissen Alter wird erwartet, dass Du Kinder bekommst. Dann heisst es: Was, Du hast noch keine Kinder? Und später geht es um die Frage, ob man Probleme mit dem Älterwerden hat, dann ob man sich schon botoxen lässt. Sie hat mir gesagt, dass sie keine Lust darauf hätte. Ich kann mich diesem Schubladendenken auch nicht entziehen, aber ein bisschen dagegen halten, kann ich schon, indem ich vor der Kamera älter werde. Und dazu stehe.

Werden Frauen in der Fernsehwelt mehr aufs Äusserliche reduziert als Männer?
Selbstverständlich, am Montag nach einer Sendung bekomme ich oft zuerst einmal von den Zuschauern Feedback, ob ich gut ausgesehen habe. Ich glaube nicht, dass am Montag jemand bei einem meiner männlichen Kollegen anruft und sagt: Du, deine Krawatte sass schief. Wir sind natürlich das Geschlecht, das optisch mehr Spielmöglichkeiten hat mit Frisur, Kleidung Make-up et cetera. Aber ich möchte meinen Job gut machen, alles andere ist Nebensache und interessiert mich nur in zweiter Instanz.

Wird die Welt gerade auch bei jüngeren Menschen durch Influencer und Social Media oberflächlicher?
Das Aussehen ist sicher noch wichtiger geworden als früher. Unterstützt wird das von der Öffentlichkeit, die heute jede und jeder für sich beanspruchen kann. Auf Social Media hat man seine eigene Bühne, auf der man sich frisch-fröhlich produzieren und präsentieren kann. Das gab es so früher nicht und tut jungen Menschen sicher auch nicht besonders gut. Da kriegt man eine perfekte, glanzvolle Scheinwelt vorgesetzt, die ungesund ist. Vor allem, wenn man (noch) nicht durchschaut, wie viel Photoshop, Filter und Bschiss dahinter ist. Mir wird davon ziemlich schlecht.

Haben Sie beim Bearbeiten Ihrer Bilder schon einmal eingegriffen?
Ich habe es ein einziges Mal gemacht. Ich sehe ein, dass beim eigenen Foto auf einem Titelbild, das eine oder andere gemacht werden muss. Unsere Augen haben sich daran gewöhnt, dass man ein bearbeitetes Bild als Standard wahrnimmt. Ich hatte es aber auch schon, dass man mich mit Bildbearbeitungsprogrammen auf ein Alter von 25 herunter korrigiert hat. Da habe ich mich gewehrt. Was ist das für eine Aussage?

Für mich ist der Zürichsee das Grösste, sagt Sandra Studer über ihren Wohnort. Bild: Michael Trost

Was hätte ihr Teenager-Ich zur heutigen Sandra Studer gesagt?
Das würde gar nichts sagen, das wäre so befremdet. Ich glaube, ich hätte mich nicht erkannt. Als Teenager war ich ziemlich komplexbeladen. So im Alter gegen 20 wurde ich ein wenig selbstbewusster. Ich hätte aber den Gedanken, dass ich so in der Öffentlichkeit stehe, wie es jetzt der Fall ist, sehr komisch gefunden. Es hat mich nie dorthin getrieben oder wenn, dann eher als Tänzerin, Schauspielerin und Sängerin. Aber dass ich dereinst moderieren würde, das hätte ich mir gar nicht vorstellen können.

Sie haben 1991 die Schweiz am Grandprix Eurovision de la Chanson vertreten. Waren Sie auch damals noch schüchtern?
Das war meine Transformationsphase (lacht). Als Teenager habe ich sehr gerne gesungen. Ich durfte im Tonstudio eines guten Freundes in Küsnacht immer wieder Aufnahmen machen. Das hat sicher dazu beigetragen, dass ich selbstbewusster wurde. Die Eurovision war für mich wie eine Mutprobe: Traue ich mich, vor so vielen Leuten zu singen?

Der Grandprix war für Sie der Durchbruch zu mehr Selbstbewusstsein?
Nein, das geht natürlich nicht durch ein einziges Erlebnis. Und der Prozess ist ein stetiger. Ich denke, mangelndes Selbstbewusstsein ist ein sehr weibliches Thema. Wir hinterfragen uns aus meiner Erfahrung mehr als Männer. Das hat viel Gutes, aber manchmal würde ich mir schon gerne eine Scheibe von den Männern abschneiden und mir mal selber auf die Schulter klopfen. Eines Tages werde ich im Altersheim sitzen und mir sagen: Gopferteckel Sandra, jetzt hast Du doch früher Samstagabendsendungen gestemmt und immer noch an dir gezweifelt.

Sie haben das Zweifeln an sich selbst, als sehr weibliches Thema bezeichnet. Wie ermutigen Sie ihre drei Töchter, damit diese mehr Selbstbewusstsein entwickeln?
Ich erkenne viele Muster wieder, die auch in mir stecken. Ich versuche meinen Mädchen ihre Stärken aufzuzeigen und sie darin zu unterstützen, diese auch einzusetzen. Und manchmal sollte man auch Dinge wagen, von denen man noch nicht sicher ist, ob man sie wirklich kann. Da sage ich meinen Töchtern schon, dass man im Leben auch ein bisschen bluffen muss, um weiterzukommen. Die Männer machen uns das vor. Manchmal geht es mir auf den Wecker und manchmal danke ich: Ihr Schlitzohren, aber ihr macht das schon gut.

Würden Sie sich denn als Feministin bezeichnen?
Ich kann mit diesem Wort nicht so viel anfangen. Als sogenannte Feministin hat man sofort eine Fahne in der Hand und will missionieren. Das bin ich nicht. Aber wenn man unter einer Feministin jemanden versteht, die sich Gedanken darüber macht, was wir Frauen anders machen sollten oder was unsere Rechte sind, dann bin ich eine. Es muss noch sehr viel passieren und auf der Welt gibt es nach wie vor eine haarsträubende Ungerechtigkeit.

«Ich kann mit dem Wort Feministin nicht so viel anfangen.»Sandra Studer

Sie sind in Zollikerberg aufgewachsen und wohnen nun in Meilen. Was bedeutet es Ihnen, am See zu Hause zu sein?
Das bedeutet mir sehr viel. Ich hatte den See ja nicht vor der Nase, als ich aufgewachsen bin. Ich bin ein Waldkind, wohnte ich doch am Waldrand. Den See gab es für mich als Kind nicht. Zollikon und Zollikerberg, das sind zwei total verschiedene Welten. Später hat es mich eher zufälligerweise nach Meilen verschlagen. Ich habe einen Zuger geheiratet, der mich am liebsten nach Zug verfrachtet hätte. Ich musste ihn ein bisschen dazu überreden, in Zürich zu bleiben und in die Nähe der Fähre zu ziehen, damit sein Arbeitsweg machbar ist. Das hat dann zum Glück geklappt. Unterdessen arbeitet mein Mann fast mehr in Zürich als in Zug. Es ist perfekt so. Ich habe mich extrem in diesen See verliebt. Für mich ist der Zürichsee das Grösste. Bei jedem Wetter ist er eine Augenweide.

Ihre Mutter stammt aus Katalonien. Inwiefern fühlen Sie sich auch als Katalanin?
Sehr, ich bin geprägt von der Sprache, der Kultur und habe eine enge Beziehung zu meiner Familie in Barcelona. Ich weiss aber nicht, wie fest ich mich als Katalanin oder als Spanierin fühle. Für mich ist Barcelona Heimat. Ich habe damit vor allem die wunderbare Stadt verbunden, die ich über alles liebe und die Menschen, die ich gerne habe.

Kürzlich hat der ehemalige katalanische Präsident Carles Puigdemont in Zürich öffentlich gesprochen…
Ich war auch da.

Ist das etwas, was Sie bewegt, die Frage nach der Unabhängigkeit Kataloniens?
Ja, diese Frage bewegt mich sehr, weil ich Familie habe, die sehr bewegt ist, durch das, was gerade passiert. Natürlich habe ich einen anderen Blick auf das Ganze, da ich nicht dort lebe und es aus einer grösseren Distanz sehe. Es hat mich wahnsinnig interessiert, wie Carles Puigdemont, der im Exil leben muss, erzählt, was passiert ist. Ich versuche ein Verständnis für die verschiedenen Seiten im Konflikt zu erlangen. Ich bin keine Separatistin, aber ich bin mit vielem, was aus Zentralspanien gekommen ist, nicht einverstanden. Wenn eines meiner vier Kinder unzufrieden ist, gehe ich doch auch hin und frage: Schatz, was hast Du, jetzt reden wir über dein Problem. Ich gebe ihm doch nicht einfach eine Ohrfeige und sage, sei ruhig. Es fand ja nie ein Dialog statt. Dass ein Staat, der als Demokratie gilt, nicht mir dieser Region redet und zuhört, finde ich unwürdig. Dass noch die Polizei mit Gewalt gegen die Menschen vorgegangen ist, geht gar nicht.

Erstellt: 27.03.2019, 16:12 Uhr

Zur Person

Sandra Studer

Sandra Studer (50) ist in Zollikerberg aufgewachsen. Im Alter von 21 Jahren nahm sie als Sandra Simó mit Canzone per te für die Schweiz am Grand Prix Eurovision de la Chanson teil und belegte den 5. Platz. Danach übernahm sie die Moderation von Fernsehsendungen wie Takito oder Traumziel. Zudem moderierte sie zehn Jahre lang die jährliche Gala für den Swiss Award. Studer tritt zudem regelmässig als Sängerin auf, etwa in Musicals wie Keep Cool oder Spamalot.

Aktuell spielt sie die Rolle der Supermarkt-Verkäuferin Paula in der Das Zelt-Produktion Supermarkt Ladies, die vom 10. Bis zum 17. April in Zürich gastiert. Sandra Studer verfügt über eine Ballet- und Klavierausbildung und hat einige Semester Germanistik und Musikwissenschaften studiert. Sie ist verheiratet, Mutter von vier Kindern und lebt mit ihrer Familie in Meilen. (phs)

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