Meilen

«Ich verspüre Lampenfieber, bis es losgeht»

Annegret Trachsel bringt seit 40 Jahren Kindern das Theater näher und hat vor 25 Jahren das Atelier-Theater Meilen mitgegründet. Die 69-Jährige hat ihr Leben der Bühne verschrieben.

Annegret Trachsel mit dem Modell fürs Bühnenbild für «Leonce und Lena», das nächste Stück des ATM.

Annegret Trachsel mit dem Modell fürs Bühnenbild für «Leonce und Lena», das nächste Stück des ATM. Bild: Michael Trost

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Sie wohnen auf dem Gut Mariafeld, dem Meilemer Wohnsitz der bekannten Familie Wille. Wie kam es dazu?
Annegret Trachsel: 1972 fand im Haupthaus des Mariafelds ein Um­bau statt. Mein Mann Thomas übernahm damals die Bauführung. Dabei bemerkte er, dass das benachbarte Bauernhaus leer stand. So kam uns die Idee, das Haus gemeinsam mit Freunden zu mieten. Wir mussten dann vor Jürg Wille, dem Enkel des Generals, erscheinen. Er wollte wissen, was wir mit dem Haus im Sinn hätten. Dann sagte er uns zwar zu, betonte aber, dass er keine­ Kommune im Haus haben wolle. Da mussten wir sozusagen heiraten. (lacht) Unsere Freunde und wir waren dann gegenseitig Trauzeugen. Auch sie sind heute noch verheiratet und wohnen direkt­ unterhalb des Mariafelds.

Sie haben das Theater, die Heubühne, direkt unter Ihre Wohnung gebaut. Wird Ihnen das nie zu viel: im gleichen Haus zu wohnen und zu arbeiten?
Als die Kinder klein waren, war das manchmal schwierig. Mein Mann hat seine Werkstatt in der alten Trotte des Guts eingerichtet, aber bei ihm haben die Kinder die Trennung von Arbeit und Pri­vatem eher akzeptiert. Deswegen habe ich damals vermehrt in Schu­len gearbeitet. Später fand ich das aber sehr angenehm: Insbesondere, wenn ich fürs Atelier-Theater die Regie übernommen habe. Kam mir nachts eine Idee, etwa zum Licht, konnte ich aufstehen und es gleich ausprobieren.

Seit 40 Jahren machen Sie Theater­, das Atelier-Theater Meilen, das Sie mitgegründet haben, gibt es seit 25 Jahren. Wie hat sich das Laientheater in dieser Zeit verändert?
Dadurch, dass die Theaterpädagogik einen viel grösseren Stellenwert bekommen hat, hat es sich in den Schulen, aber auch in den Theatergruppen am See sehr verändert. Die Regie und der technische Bereich wurden viel professioneller. Als ich angefangen habe, als Theaterpädagogin in Schulen zu arbeiten, war nur gewünscht, dass ich in der Oberstufe unterrichte. Dort wurde ich auch bezahlt. Bezüglich der Unter­stufe hiess es oft, dass der Lehrer das selber machen könne. Meistens haben die Lehrer mich allerdings um Hilfe gebeten – und dann war der Kampf ums Geld mühsam. Oft wurde mir gesagt­: Sie machen das doch gerne­. Zugleich hat mein Mann in den Schulen Werken gegeben. Da kam die Frage nach der Bezahlung nie auf.

Wie unterscheidet sich die Her­an­gehensweise von Kindern und Erwachsenen ans Theater?
Mit Kindern probe ich anders: Dort sind immer alle an der ­Probe dabei. Bei den Erwach­senen erstellt man hingegen einen genauen Probenplan, sodass nur eine bestimmte Zahl von Darstellern kommen muss. Es würde stören, wenn alle dabei wären­. Die Phase, bis man wirklich sagen kann, jetzt ist es etwas Zeigens­wertes, ist hochsensibel.

Machen Erwachsene sichmehr Gedanken, was andere von ihnen denken?
Jugendliche fragen sich zwar auch, ob sie gut ankommen, aber Kin­der haben weniger Hemmungen. Kinder überlistet man, indem man mit ihnen spielt und impro­visiert. Sie verlieren sich sofort in der Improvisation. Ihre Ideen kommen aus dem Bauch her­aus. Sich selbst zu öffnen, das ist gerade bei Erwachsenen heikler: Eine bestimmte Seite von sich zu- und damit rauszulassen.

Es gibt einige Berufsschauspielerinnen, die bei Ihnen angefangen haben. Merken Sie sofort, ob jemand das Zeugs dazu hat, beruflich auf der Bühne zu stehen?
Ja und nein, teilweise merke ich es schon. Bei einer Schauspielerin habe ich sogleich Gänsehaut bekommen, als ich sie das erste Mal habe spielen sehen. Sie spielte derart von innen heraus: Es war echt, egal, ob sie einen Erwach­senen, ein Kind oder einen Vogel darstellte. Es gibt aber auch Beispiele von Jugendlichen, bei de­nen ich dachte, Schauspielerei sei das Richtige, und dann schlug der- oder diejenige doch einen ande­ren Weg ein.

Reut einen das, wenn ein hoffnungs­voller Jungschau­spieler sich für einen anderen beruf­lichen Weg entscheidet?
Eigentlich nicht; ich weiss ja, wie viele unbeschäftigte Schau­spieler es gibt. Es ist ein stei­niger Weg, aber wenn die Begeisterung und das Herzblut für die Schauspie­lerei oder Regie stimmen, lässt einen das Theatervirus kaum mehr los.

Hat es Sie nie gereizt, an eine richtig grosse Bühne zu gehen?
Dadurch, dass der Aufbau des Thea­­ters und das Aufziehen unserer Kinder zusammenfielen, war dies zeitlich nicht möglich. Ich habe­ einmal noch eine Assistenz im Ringtheater in Zürich übernommen. Aber so wie mein Mann und ich es schliesslich gemacht­ haben­, war es ideal: die Ver­bindung von Familie und Thea­ter. Sonst wäre es schwierig geworden, eine Familie zu haben.

Was ganz anderes:Verspüren Sie Lampenfieber vor einer Premiere?
Ja – sowohl, wenn ich spiele, als auch, wenn ich Regie führe. Wenn man Regie führt, ist die Pre­miere sogar am schlimmsten. Dann weiss ich, dass ich nicht mehr eingreifen kann. Beim Schauspielern verspüre ich Lampenfieber, bis es losgeht. Wenn ich auf der Bühne stehe, ist es sehr schnell weg.

Was gibt es für einen Trick, wenn man auf der Bühne plötzlich seinen Text vergisst?
Wir haben beim Atelier-Theater keine Souffleuse mehr, sondern unterbrechen. Das hat sich bewährt. Man steigt dann richtig aus und sagt: Text. Die Pianistin oder die Leute am Licht haben den Text. Das gibt einem als Schau­spieler mehr Ruhe. Der Zu­schaue­r verübelt einem das aber nie. Viel schlimmer ist es, wenn technisch etwas schief läuft. Bei uns ist auch schon das Licht wegen­ eines Scheinwerfers ausgestiegen, der alle Sicherungen rausgehauen hat. Zum Glück ist mir das schon zuvor passiert, und ich wusste, was zu tun war. Bei «Romeo und Julia» konnten wir eine Discokugel nach einer Partyszene nicht mehr unter die Decke ziehen. Direkt danach kam die berühmte­ Balkonszene, und die blöde Disco­kugel hing direkt vor dem Balkon. Sie konnte aber als Mond durchgehen. (lacht) Aber so etwas ist schon ärgerlich.

Können Sie überhaupt noch abschal­ten, wenn Sie privat ins Theater gehen, oder analysieren Sie die Aufführung fortwährend?
Das mache ich schon, so hole ich mir viele Ideen. Aber ich fühle mich dadurch nicht eingeschränkt: im Gegenteil, man sieht noch viel mehr.


Das Ensemble des ATM feiert am2. November mit Georg Büchners «Leonce und Lena» Premiere. Tickets und mehr Informationen:www.ateliertheater-meilen.ch

Erstellt: 21.10.2018, 14:07 Uhr

Zur Person

Annegret Trachsel (69) machte an der Schauspielakademie Zürich ihr Diplom in Theaterpädagogik. 1976 richtete sie in Feldmeilen im Gut Mariafeld die Heubühne als Kinder- und Jugendtheater ein. 1993 gründete sie mit Freunden das Atelier-Theater Meilen (ATM), das heute mit La Scaletta, der jungen Bühne im ATM, dem Schauspiel-Ensemble und Operella, der Taschenoper, über drei Sparten verfügt. Das ATM brachte bis heute 63 Eigenproduktionen, darunter «Novecento», «Cyrano de Bergerac» und «Nathan der Weise», auf die Bühne. Für ihr Wirken erhielt Trachsel 2008 den Kulturpreis der Mittwochgesellschaft Meilen. Sie ist als Regisseurin, Schauspielerin und Theaterpädagogin tätig und ist zudem Intendantin des ATM. Trachsel lebt mit ihrem Mann in Meilen, hat vier erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder. phs

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