Wochengespräch

«Ich hatte nie das Gefühl, meiner Kindheit beraubt worden zu sein»

Der Ökonom Victor Emanuel Graf Dijon von Monteton berät Unternehmen auf der ganzen Welt. Doch die Karriere des Herrlibergers hat ganz anders begonnen: Als Jungstar am Klavier.

Emmanuel Graf Dijon von Momnteton entstammt einem französischen Grafengeschlecht.

Emmanuel Graf Dijon von Momnteton entstammt einem französischen Grafengeschlecht. Bild: Michael Trost

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Vor wenigen Stunden sind Sie von einer Geschäftsreise aus London zurückgekehrt. Wenn Sie Ihre Arbeit als Führungsmitglied einer Unternehmensberatung mit der des Dirigenten vergleichen: Gibt es Parallelen?
Emanuel Graf Dijon von Monteton: Viele. Die Arbeit als Unternehmensberater ist, wie zwei Orchester gleichzeitig zu leiten: Das Stamm- und ein Gastorchester lassen sich mit dem Arbeits­team und dem Team des Kunden vergleichen. Hier wie da muss man die unterschiedlichsten Charaktere so motivieren können, dass sie sich wie Zahnräder zu einem reibungslos funktionierenden Gan­zen zusammenfügen.

Bis 2009 – Sie waren damals 25 – arbeiteten Sie als Diri­gent und vordem als Pianist mit namhaften Orchestern. ­Warum der Wechsel in die Unternehmensberatung?
Wirtschaftliche und juristische Zusammenhänge interessieren mich. Deshalb habe ich an der ETH Ökonomie studiert. Zudem wollte ich ein sicheres Einkommen, um eine Familie ernähren zu können. Als freischaffender Musiker verdient man mal mehr, mal weniger – je nach Auftrags- und Wirtschaftslage. Aber auch ein geregelter Tagesrhythmus ist mir zunehmend wichtig geworden.

Und nun – fehlt Ihnen die Musik?
Tatsächlich habe ich mir auch schon überlegt, wieder zur Musik zurückzukehren. Das war vor meiner Festanstellung, als ich als Freelance-Unternehmens­berater gearbeitet habe – eine harte Zeit. Ganz ohne Musik geht es aber nicht. So habe ich, mit Unterstützung meines Arbeit­gebers, die Swiss Charity Concerts zugunsten notlei­dender Kinder ins Leben gerufen. Sie finden einmal im Jahr statt; ich dirigiere, suche die Solisten aus und stelle die Programme zusam­men. Mit diesen Kon­zerten fördern wir zudem junge Musik­talente. Das liegt mir besonders am Herzen.

Sie haben selber zwei Kinder. Sollen sie dereinst auch Musiker werden?
Sie sollen später einmal ein Ins­trument spielen lernen, das schon. Denn ich glaube, dass dies ihrer Entwicklung guttut. Aber sie müssen nicht etwa Berufs­musiker werden.

Würden Sie ihnen dennvon einer solchen Berufswahl sogar abraten?
Nein, auf keinen Fall. Eine Musikerkarriere muss man sich einfach gut überlegen, da in der klassischen Musikszene der Wett­bewerb unendlich hart ist. Man steht in Konkurrenz zu Kindern aus anderen Regionen der Welt, die schon als Zweijährige ein Ins­tru­ment gelernt haben. Natür­lich kann man einiges kompensieren mit Talent. Aber Talent allein macht eben noch keinen Künstler von Weltrang.

Sie hatten viel Talent, waren ein Wunderkind. Ihr Konzertdebüt als Pianist gaben Sie mit neun, als Dirigent mit 16 Jahren. Wie haben Sie Ihre Kindheit erlebt?
Ich hatte nie das Gefühl, meiner Kindheit beraubt worden zu sein. Im Gegenteil, ich fand es toll, viel zu reisen für meine Konzerte. Aber das ständige Üben hat mir nicht immer Spass gemacht. Acht, neun Stunden pro Tag – das war mir einfach zu lang. Es blieb kaum mehr Zeit für anderes.

Hatten Sie als Kind überhaupt Kontakt zu Gleichaltrigen? Sie waren ja auch in der Schule hochbegabt und konnten mehrmals Klassen überspringen.
Ich hatte tatsächlich nicht viele Freunde im gleichen Alter. Das habe ich vermisst. In der Schule fehlte mir wegen des mehrma­ligen Überspringens ein stabiler Klassenverband. So hatte ich vor allem Kontakt zu den Freunden meiner Eltern. Da mein Vater deutlich älter ist als die Väter Gleichaltriger – er war bei meiner Geburt 54-jährig – hat mich das nochmals anders geprägt.

Wussten Ihre Eltern, die selbst keine Musiker sind, wie sie mit Ihrem aussergewöhnlichen Talent umgehen sollten?
Sie hatten keinen Plan für meine Klavierausbildung, nachdem ich die ersten wichtigen Wettbe­werbe gewonnen hatte. Lange suchten wir nach dem richtigen Leh­rer und sind dafür mal ein paar Wochen nach London, mal nach Wien oder Paris gereist. Erst mit 13 bin ich zu meiner Lehrerin Olga Rissin-Morenova gekommen, mit der ich bis zum Ende meiner Karriere gearbeitet habe. Dieses Umherziehen und Ausprobieren war nicht so gut, denn als Kind braucht man am Anfang noch eine feste Lehrperson; Einflüsse verschiedener Lehrer kann man erst später richtig verarbeiten.

Zu jener Zeit wurden Sie auch bereits privat unterrichtet. Welche Auswirkungen hatte dies, wie auch das Überspringen mehrerer Schulklassen, auf Sie?
Der Privatunterricht fand zum Teil im Schulhaus statt, wo die anderen Schüler mich natürlich kannten. Ich bekam manch dumme Sprüche zu hören; in den Klassen, in denen ich wegen des Überspringens der deutlich Jüngste war, habe immer wieder starkes Mobbing erfahren. Das war nicht einfach.

Wohl auch nicht einfach war es, als junger Dirigent ein Orchester zu leiten.
Das stimmt, es gab oft Span­nungen. Bei manchen Musikern spürte ich, dass sie eigentlich den Platz mit mir tauschen wollten. So etwa bei einem Oboisten, der aufstand und meinte, was ich diri­giere, sei Blödsinn. Ich war damals 19 Jahre alt und durfte mir vor den 70 Musikern nichts anmerken lassen, um deren Respekt nicht zu verlieren. Ich sagte ihm dann, die zweite Oboe könne ja seinen Part übernehmen. Worauf er sich wieder hinsetzte.

Brauchen Hochbegabte eine spezielle Förderung?
Vorhandenes Talent sollte auf ­alle Fälle gefördert werden, denn Unterforderung ist schlimm. Wichtiger ist aber eine gezielte Förderung – und zwar dort, wo die Talente liegen, und nicht mit wahllosen Beschäftigungsprogrammen. Das erfordert natürlich, dass weniger starr auf den Schulplan und dafür mehr auf die Bedürfnisse der Kinder geachtet wird. Allerdings ist die Trenn­linie zwischen Förderung und übertriebenem Ehrgeiz sehr dünn. Man soll ein hochbegabtes Kind zwar anspornen und motivieren, aber immer auch wieder locker lassen.

Sie entstammen einem fran­zö­si­schen Grafengeschlecht, sind in Deutschland aufgewachsen und wohnen nun in der Schweiz, wo der Adel praktisch keine Rolle mehr spielt. Vermissen Sie die Welt der Blaublüter?
Ich bin ich stolz auf meine Familie mit ihrer fast tausendjährigen Geschichte. Natürlich war an der Aristokratie nicht immer alles gut. Ich halte aber nichts von einem Verbot des Adels. Es gibt hier in der Schweiz die «Association des familles nobles», deren Mitglied ich bin. Wir treffen uns hin und wieder. Das alles ist aber weniger abgehoben, als man es sich gemeinhin vorstellt. Im Alltag vermisse ich den Titel gar nicht und stelle mich immer nur mit meinem Nachnamen Dijon vor.

(zsz.ch)

Erstellt: 30.07.2017, 14:04 Uhr

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