Erlenbach

«Andreas 2.0 soll eine bessere Version seiner selbst werden»

Andreas Cabalzar ist nach seinem Unfall von der Hüfte abwärts gelähmt. Für den Erlenbacher Pfarrer steht jetzt der Umzug nach Hause an den Zürichsee unmittelbar bevor.

An dieser lauschigen Stelle am Sempachersee tankte Andreas Cabalzar oft seine Batterien wieder auf. Nun steht allerdings die Rückkehr nach Erlenbach an.

An dieser lauschigen Stelle am Sempachersee tankte Andreas Cabalzar oft seine Batterien wieder auf. Nun steht allerdings die Rückkehr nach Erlenbach an. Bild: Sabine Rock

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Einige Birken rahmen die kleine Wiese ein, das Wasser des Sempachersees plätschert ans schilfbewachsene Ufer und ein Graureiher fliegt vorbei. Das Plätzchen, zu dem Andreas Cabalzar die ZSZ-Fotografin und -Journalistin führt, ist wahrlich ein lauschiger Ort. «Hier komme ich jeden Abend zum Nachdenken, Beten und Meditieren her», erzählt der Erlenbacher Pfarrer.

«Hier komme ich jeden Abend zum Nachdenken, Beten und Meditieren her.»

Sechs Monate sind vergangen, seit die beiden ZSZ-Mitarbeiterinnen ihn das letzte Mal in Nottwil im Schweizer Paraplegiker-Zentrum am Sempachersee besucht haben. Sechs Monate, in denen viel passiert ist. Der schwere Ski-Unfall kurz nach Weihnachten wird den Alltag des 57-Jährigen bis zum Lebensende prägen. Denn inzwischen weiss Cabalzar, dass die physischen Folgen des Unfalls irreversibel sind. Er kann zwar seine Füsse und Zehen bewegen, aber er wird nie mehr laufen können. «Der Wirbelabbruch im vierten Brustwirbel hat zu einem irreparablen Schaden geführt», erklärt er und für einen Moment stockt seine Stimme. Zurückgeworfen bei der Heilung wurde er zusätzlich von einer Schulteroperation. Sie hat dazu geführt hat, dass der Aufenthalt in Nottwil länger dauern wird als ursprünglich vorgesehen.

«Achtsamer mit sich selbst»

«Die Radikalität des Unfalls anzunehmen, ist ein Prozess, der immer noch im Gang ist», sagt Cabalzar. Der Unfall werfe ihn auf sich selbst zurück. «Bei aller Verzweiflung ist es aber auch ein Prozess grosser Dankbarkeit.» Andreas Cabalzar hat sich denn auch deutlich gewandelt seit der Zeit kurz nach dem Unfall. Er macht einen gefestigten, in sich ruhenden Eindruck. Während eines Spazierganges durch die Uferlandschaft erzählt er, dass er beim letzten Besuch noch Morphium verschrieben bekam. Das schmerzstillende Opiat konnte er mittlerweile absetzen. «Ich bin froh darum.»

«Andi» wirkt aber wieder wie früher: charmant, humorvoll, eloquent.Das Hemd mit dem bordeauxroten Blumenmuster ist perfekt auf die Hose abgestimmt, die Schiebermütze verleiht ihm etwas Künstlerisch-kreatives. Doch für den Theologen bietet die Zäsur durch den Unfall eine Möglichkeit, sich neu zu erfinden, das vorherige Leben zu überdenken. «Andreas 2.0 soll eine bessere Version seiner selbst werden», betont er denn auch, während er den Rollstuhl geschickt über eine Wiese manövriert. Was sind die Unterschiede zu früher? «Ich bin fokussierter», sagt er nach kurzem Nachdenken. Er mache nicht mehr alles gleichzeitig und wolle dies auch gar nicht mehr. «Ich bin achtsamer mit mir selbst und meinen Mitmenschen gegenüber.»Eine Lebensphilosophie, die er so auch in seinem Arbeitsleben umsetzen will.

Auf einem Spaziergang am Sempachersee zeigte Andreas Cabalzar zwei ZSZ-Mitarbeiterinnen nicht nur Isländerwallach Kolbi, auf dem er regelmässig reitet, sondern sprach auch darüber, was ihn nun kurz vor der Rückkehr nach Erlenbach bewegt.

Sitzungen in Nottwil

Bald wird Andreas Cabalzar nach Erlenbach zurückkehren. In einem ersten Schritt wird er sich in die neue Wohn- und Lebenssituation einarbeiten. Begleitet von seiner Erlenbacher Pfarrkollegin Stina Schwarzenbach und dem Herrliberger Pfarrer Alexander Heit, wird er ab Oktober in kleinen Schritten die Arbeit im Pfarramt wieder aufnehmen.

Zudem hat sich der Vater dreier erwachsener Töchter vorgenommen, Aufgaben wenn nötig zu delegieren. «Ich werde auch einmal zu Gemeindemitgliedern sagen, dass ich eine hervorragende Kollegin habe, mit der ich das Pfarramt teile», betont der Pfarrer. «Mein Körper gibt mir einen Zeitplan vor: Dass ich ihn beachte, ist ein eine Voraussetzung dafür, meinen Beruf überhaupt ausüben zu können.» Sein Leben sei wie ein Schnellzug gewesen, sagt er rückblickend auf die Zeit vor dem Unfall und fügt mit einem Schmunzeln hinzu, dass er jetzt eher wie die Rhätische Bahn unterwegs sei. Unterstützt fühlt er sich dabei von der Kirchenpflege, vom Kirchenrat, dem Betreuungsteam in Nottwil und dem Casemanager der Versicherung. «Durch engagierte, kompetente Menschen erfahre ich konkrete Hilfe und Wertschätzung», erzählt Cabalzar und ergänzt, dass die Kirchenpflege Erlenbach und der für Pfarrleute zuständige Vertreter des Kirchenrates auch oft Sitzungen in Nottwil abgehalten hätten, um ihm die Teilnahme zu ermöglichen.

Seit acht Monaten lebt Andreas Cabalzar, reformierter Pfarrer in Erlenbach, im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil.

Ein letztes Fest im Pfarrhaus

In das altehrwürdige Pfarrhaus am Seeufer kann Andreas Cabalzar jedoch nicht zurückkehren. Der Aufwand und die Investitionen für einen Umbau wären zu gross gewesen, wie er sagt. «Das Haus hat elf Zimmer, das könnte ich gar nicht bewältigen.» Eine Wendung des Schicksals, die ihm zu schaffen machte. «Inzwischen habe ich mich aber mit diesem Schnitt versöhnt», sagt er. Seine Tochter habe im Garten des Pfarrhauses ihr Hochzeitsfest gefeiert. «Es war wie ein Abschied von dem Haus - sehr schön und melancholisch, beides in einem.» Doch dann huscht ein verschmitztes Lächeln über seine Miene. «Jetzt ist Knochenarbeit angesagt», sagt er und meint damit die Züglete, bei welcher er von Familie und Freunden unterstützt wird.

«Das Haus hat elf Zimmer, das könnte ich gar nicht bewältigen.»

Wohnen wird er neu an der Drusbergstrasse oberhalb des Erlenbacher Bahnhofs. «Es ist fast wie Schicksal, dass die Kirche dort vor drei Jahren behindertengerechte Wohnungen gebaut hat», sagt er. Gespannt ist er darauf, wie es ist ein extra Empfangszimmer zu haben und so Arbeit und Privates besser trennen zu können. «Ich freue mich riesig auf meine Rückkehr nach Erlenbach», sagt Cabalzar. Seit 27 Jahren ist er als reformierter Pfarrer in der Zürichseegemeinde tätig.

Eine Voraussetzung für die Rückkehr ist auch die körperliche Fitness. «Ich brauche schon seit längerem keine Pflege mehr», erzählt er. Im Paraplegikerzentrum und der Umgebung nutzt der Theologe die Möglichkeiten, die geboten werden. So macht er Feldenkrais, Krafttraining, Physiotherapie, besucht das therapeutische Reiten oder geht in der Badi schwimmen. Aktuell trainiert er, ohne Hilfe vom Boden in den Rollstuhl zu gelangen. Man merkt, wie wichtig Cabalzar diese Mobilität ist. Was bedeutet es ihm, unabhängig zu sein? «Das bedeutet mir alles», sagt er mit Nachdruck. Entsprechend hat er sich ein behindertengerechtes Auto sowie zwei Zuggeräte für den Rollstuhl zugelegt, mit denen er auch grössere Steigungen bewältigen kann.

Badelift fehlt in Erlenbach

«Im Wasser, wenn ich die Strömung spüre, das sind Momente des ganz Seins», zeigt er auf, wie das Physische und Spirituelle zusammenkommen. «Dort bin ich einfach und die Beschränkung tritt einen Augenblick in den Hintergrund.» In den Sempachersee gelangt Andreas Cabalzar über einen Badelift. «Das wäre schon schön, wenn es das in Erlenbach in der Badi auch gäbe.»

«Unabhängig zu sein, bedeutet mir alles.»

Es wäre nicht überraschend, wenn Andreas Cabalzar, die Installation eines solchen Lifts nach seiner Rückkehr in Angriff nähme. Doch vorerst organisiert er mit dem Zwinglitag gemeinsam mit Alexander Heit ein anderes Projekt. An der Tagung in der Kirche Tal in Herrliberg soll es am 7. September darum gehen, welche Auswirkungen die Reformation auf unser heutiges Leben hat. Dabei steht nicht nur das Theologische im Fokus, sondern auch Bereiche wie Politik und Gesellschaft oder die Kunst. Diskutieren und referieren werden bekannte Persönlichkeiten wie Ständerat Ruedi Noser, Architekt Gion Caminada oder die Kilchberger Pfarrerin Sibylle Forrer. Auch wenn sich Andreas Cabalzar verändert hat, seine Freude am Gestalten und dem Zusammenbringen von Menschen, ist ungebrochen.

«So stelle ich es mir vor, wenn man eine grosse Reise macht», sagt Cabalzar abschliessend über sein Leben nach dem Unfall. «Ich kenne ein paar Eckpunkte, aber Vieles ist offen.» Er sei neugierig, auf das was komme, wirft er ein und sein Blick schweift über den Sempachersee. An seinen Fingern, die sich über das Zuggerät des Rollstuhls wölben, trägt er mehrere Ringe: Einer davon ist mit einem changierenden Stein bestückt, der je nach Perspektive in einer anderen Farbe glänzt. «Ich habe ihn aus Marokko. Der Berber, der in mir gab, sagte, es sei der Stein der Hoffnung,»

Zwinglitag: Wie Zwingli heute wirkt. Am Samstag 7. September, von 9.30 bis 19 Uhr in der Kirche Tal in Herrliberg. Anmeldung bis 5. September online unter www.ref-herrliberg.ch.

Erstellt: 29.08.2019, 14:38 Uhr

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