Im Gespräch

«Ich besitze ganz wenige Taschen»

Wenn im Maison Mollerus in Erlenbach Ausverkauf angesagt ist, staut sich der Verkehr auf der Seestrasse. Einen Ausweg hat Mimi Mollerus noch nicht gefunden. Ein grosses Thema ist für sie auch die Handtasche für den Mann.

Mimi Mollerus modelte vor fünf Jahren aus der Not heraus erstmals selbst für ihre Taschen. Die Kampagne stiess auf grosse Resonanz.

Mimi Mollerus modelte vor fünf Jahren aus der Not heraus erstmals selbst für ihre Taschen. Die Kampagne stiess auf grosse Resonanz. Bild: PD

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Auf dem Weg hierher sass mir in der S-Bahn eine Frau gegenüber mit einer Mollerus-Tasche. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie jemanden sehen, der eine Ihrer Tasche trägt?
Ich bin unendlich stolz. Meine Tochter und mein Sohn sagen schon immer: Schau, die Frau hat eine Mollerus-Tasche! Es ist ein tolles Gefühl. Vor allem, weil ich weiss, dass sie irgendwo durch unsere Hände gegangen ist.

Mittlerweile verkaufen Sie Ihre Taschen in die ganze Welt. Gibt es diese Bindung immer noch?
Unbedingt, ja. Ich habe auch keine anderen Taschen.

Sie tragen keine anderen Labels?
Nein. Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. Ich fliege auch nur Swiss, vielleicht mal noch Lufthansa. Es ist wichtig, dass man einander unterstützt. Ich bin zudem ein grosser Fan von Familienunternehmen. Da ist einfach ein anderes Herzblut dabei.

Wie sieht für Sie die perfekte Handtasche aus?
Ich mag es praktisch und hab nicht gerne schwere Taschen, die mir an der Schulter wehtun. Crossover und unsere Shopper finde ich toll. Die Frage lautet immer: Ist es für Business oder für den Abend.

Ihr Angebot umfasst zirka 200 Modelle. Es sind also alle Gelegenheiten abgedeckt.
Ja, aber ich selbst besitze ganz wenige Taschen.

Wie viele?
Vielleicht so vier.

Da sind ja extrem wenige! Warum haben Sie nicht mehr?
Ich habe ein Lieblingsmodell, das ich in drei Varianten besitze. Sonst probiere ich welche aus und gebe sie dann weiter. Oder wieder zurück zur Produktion, mit Anweisungen, was noch geändert werden muss.

«Handtaschen für Männer sind ein Riesenthema für mich.»

Werden Sie irgendwann auch Handtaschen für Männer produzieren?
Das ist ein Riesenthema für mich. Ich denke oft darüber nach, wie diese Handtasche aussehen könnte. Männer laufen ja immer mit diesem Sandwich aus Portemonnaie, Zigaretten, Schlüssel und Telefon herum. Ich fände eine Tasche grossartig. Dann würde weniger verloren gehen und ich hätte nicht immer alles von meinem Man in meiner Handtasche. (lacht)

Wenn Sie hier in Erlenbach Ausverkauf haben, staut sich der Verkehr auf der Seestrasse. Wie erklären Sie sich den Erfolg der Taschen?
Der Stau ist mir total unangenehm. Ich habe noch keine Lösung gefunden, wie er sich vermeiden lässt. Warum die Taschen so gut ankommen, weiss ich nicht genau. Vielleicht hat es damit zu tun, wie wir mit der Marke umgehen. Wir versuchen, so authentisch und ehrlich wie möglich zu sein. Sie kaufen sich heute keine Tasche mehr, weil das eine Tasche ist. Sondern Sie kaufen sich eine Geschichte mit dahinter. Aber hinter vielen Firmen steckt kein Inhaber mehr.

Sie sind selbst in der Werbung zu sehen. Wollen Sie so der Firma ein Gesicht geben?
Bei uns entstehen viele Dinge aus der Not heraus. Vor fünf Jahre hatte ich ein Model mit wundervollen langen Haaren gebucht. Aber zum Shooting kam es ohne Haare. Wir alle, auch der Fotograf und der Visagist waren auf lange Haare eingestellt, und dann das. Da sagte ich, Mutti hat ja ein bisschen Haare, gebt mir mal den Lippenstift. Wir haben auf die Kampagne hin unheimlich viele Zuschriften bekommen. Es kam sehr gut an, dass man das Gesicht hinter der Marke sehen konnte.

Jetzt machen Sie das konsequent.
Ja. Manchmal denke ich, ich gucke links und rechts zwischen diesen dünnen Frauen hervor. Ich bin ja kein Model, sondern eine Bürotante.

«Eines Morgens hörte ich das Lied «I wanna go to America» und da war mir klar, ich auch.»

Sie sind an Events präsent. Im Netz findet man Fotos von Ihnen mit Prinz Albert von Monaco und den Gaissens. Führen Sie ein glamouröses Leben?
Nein. Was ist denn glamourös? Sich mit monetär reichen Menschen zu umgeben? Mir sind Herzensmenschen wichtig und gute Gespräche. Smalltalk liegt mir nicht, ich kann mir schlecht merken, was mir erzählt wird.

War für Sie schon als junge Frau klar, dass Sie in das Familienunternehmen einsteigen werden?
Ich habe ein Internat auf dem Land besucht und wusste nichts von der Welt. Es gab ja noch kein Internet. Nach dem Abitur dachte ich: jeder will mich. Ich kam aus meiner rosaroten Bubble raus und merkte: mich will niemand. Meine Eltern wussten auch nicht so genau, was mit mir zu tun ist. Glücklicherweise hatte ich die Möglichkeit bei Comma (einem deutschen Bekleidungshersteller, Anm. d. Red.)eine Ausbildung zur Industriekauffrau zu machen. Das war das Beste, das mir passieren konnte.

Warum war die Lehre das Beste?
Weil man da einmal durch alle Abteilungen gehen kann. Wenn man Interesse zeigt, weiss man am Ende wie die Firma funktioniert.

Sie sind danach aber nicht gleich bei Maison Mollerus eingestiegen.
Ich habe an einer kleinen europäischen Universität angefangen Marketing zu studieren. Aber ich fühlte mich dort nicht wohl. Gleichzeitig war ich damals in einer unglücklichen Beziehung. Eines Morgens hörte ich das Lied «I wanna go to America» und da war mir klar, ich auch. Ich flog nach Florida und schaute mir ein College an, kam zurück und packte meine Sachen.

Nach dem Studium fingen Sie bei Ihrem Vater an.
Ich dachte, ich mache einen kleinen Zwischenstopp hier in der Schweiz. Aber dann blieb ich hängen. 2004 habe ich mich so heftig mit meinem Vater gestritten, dass ich sagte: Entweder Du oder ich. Er entschied sich für sich. Da habe ich die logische Konsequenz daraus gezogen und bin ich gegangen.

Trotzdem sind Sie 2011 zurückgekehrt. Warum?
Eines Tages sagte er mir, also Mimi, irgendwie habe ich Herzschmerzen. Und dann habe ich gesagt, weisst du was Papi, ich komme zurück.

«Ich weiss nicht, wie der Generationenwechsel klappt. Mein Vater ist immer noch da.»

Was braucht es, damit der Generationenwechsel in einer Firma klappt?
Das weiss ich nicht, weil mein Vater immer noch da ist. Wir sprechen im Team über alles. Manchmal muss ich ihm auch entgegenhalten. Es funktioniert. Wenn er nicht mehr kommen könnte, würde ihm ein ganz grosser Teil fehlen. Das möchte ich ihm nicht antun. Meinungsverschiedenheiten haben wir aber immer noch.

Wird es einmal eine dritte Generation Mollerus geben, die mit Handtaschen handelt?
Meine 12-Jährige Tochter spricht schon davon. Mein 8-jähriger Sohn fragte mich gestern, ob mein Job kompliziert sei. Ich sagte, eigentlich nicht, wenn ich nicht ständig etwas ändern würde. (lacht)

Sie haben alles unter einen Hut gebracht: Familie, Beruf, Karriere. War raten Sie jungen Frauen?
Ich würde Ihnen raten, sich mit Psychologie auseinanderzusetzen. Wie sieht meine innere Seele aus, was will ich in meinem Leben? Die Reise zu sich selber ist nicht so einfach.

Was war für Sie der Anlass, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen?
Als ich meinen Mann heiratete und ich unsere Tochter bekam, da hat es wusch gemacht. Wir waren plötzlich zu dritt und ich keine Business-Frau mehr. Das war eine extrem schwierige Phase. Man muss sich in vielem einigen: Verbringt man etwa Weihnachten im Hotel oder zuhause mit einem selbst geschmückten Baum? Wir mussten das zuerst lernen.

Wie feiern Sie kommende Weihnachten?
Ich feiere ruhig zu Hause im Kreise der Familie. An Weihnachten steht die Familie im Vordergrund.

Erstellt: 29.11.2019, 15:26 Uhr

Zur Person

Mimi Mollerus (47) führt die Firma in der zweiten Generation. Sie beschäftigt zirka 20 Angestellte. Ihr Vater, Ernst Mollerus, hat das Taschenlabel 1984 in der Schweiz gegründet. Die Anfänge liegen im deutschen Ruhrgebiet, wo Mollerus mit seiner Frau einst mehrere Modegeschäfte führte. Die Ursprungsidee stammte von seiner Frau: eine elegante, hochwertige aber bezahlbare Taschenkollektion zu produzieren. Charakteristisch ist das Logo, ein Doppeltes M, das mit einem Ikarus verbunden ist. Dem Credo «mein, klein, fein» ist die Familie bis heute treu geblieben. Produziert wird im Tessin und in Italien. Seit 2011 befindet sich der Firmensitz an der Erlenbacher Seestrasse, Mimi Mollerus lebt mit ihrer Familie in Küsnacht.

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