Männedorf

«Ich bekomme noch immer Gänsehaut, wenn ich daran denke»

Die Bilder schockierten die Fernsehzuschauer: Samuel Koch, der beim Sprung über Autos in der Sendung «Wetten dass…» schwer verunfallt. Sein Vater sprach in Männedorf über das Thema Vergeben.

Christoph Koch (links) fuhr eines der Autos, über die sein Sohn Samuel Koch in der Fernsehsendung «Wetten dass», in welcher er verunfallte, sprang.

Christoph Koch (links) fuhr eines der Autos, über die sein Sohn Samuel Koch in der Fernsehsendung «Wetten dass», in welcher er verunfallte, sprang. Bild: Michael Trost

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Die Antwort fällt ihm nicht leicht. Ob die Zeit alle Wunden heile?, fragt ihn Achim Kuhn, reformierter Pfarrer von Männedorf. Christoph Koch, 63-jährig, holt erst Luft, hält sie an, schweigt. Spricht dann langsam über seinen Vater. Der habe ihm mitgegeben, dass sich alles irgendwie regle. «Sein Leitsatz war: Man wird mit allem fertig». Eine Haltung, die ein Stück weit auch seine eigene geworden sei. Aber dass die Zeit seine Wunden geheilt habe – das wolle er so nicht sagen. Eher: «Es schmerzt nicht mehr so.»

Am 4. Dezember 2010 sitzt Koch am Steuer eines von fünf Autos im Fernsehstudio des ZDF. Sein Sohn Samuel versucht in der Sendung «Wetten dass…?» mit Sprungfedern an den Füssen über die Autos zu springen. An die 100‘000 Mal hat er das schon gemacht; Samuel ist ein Bewegungstalent. Bis zu jenem Dezemberabend vor neun Jahren. Der damals 23-Jährige macht für den Bruchteil einer Sekunde eine Fehlüberlegung, stürzt auf den Boden und verletzt sich so schwer, dass er für den Rest seines Lebens querschnittgelähmt bleibt. Die Sendung wird abgebrochen; vielen Zuschauern ist sie aber auch heute noch im Gedächtnis.

Die Bilder des Unfalls in der Samstagabend-Show gingen 2010 um die Welt. Quelle: Youtube

Wie geht der Vater mit einem solchen Schicksalsschlag um? Das will Pfarrer Kuhn wissen; darum hat er Christoph Koch am Sonntagabend ins Kirchgemeindehaus in seinen Gottesdienst eingeladen. Dieser stand unter dem Motto des Vergebens und der Versöhnung.

Kein Nachtragen

Er werde nur noch selten so direkt an das Ereignis erinnert. «Wenn ich das Unfalldatum höre, bekomme ich noch immer eine Gänsehaut», sagt Koch. Dies, obwohl er immer wieder zu Referaten über seinen Sohn eingeladen wird. Schon in den ersten Momenten, als er und seine Frau am Krankenbett gewacht hätten, sei ihm die Einstellung seines Vaters zugute gekommen. «Es geht irgendwie weiter.» Dadurch hätten sie sich getragen gefühlt.

«Ein Geschenk war zudem, dass Samuel und ich uns nie auch nur im Ansatz etwas nachgetragen haben.» Obwohl er selber ein in den Unfall involviertes Auto gesteuert habe, sei klar gewesen, dass er selber keine Schuld trage. «Für Samuel ist der Unfallhergang bis heute unerklärlich», sagt Koch. «Aber vernünftige Unfälle gibt es ja kaum.»

Sich selber indes könne er nicht immer so einfach vergeben, sagt Vater Koch. «Dafür muss man mit sich im Reinen sein.» Das gelinge nicht immer. Er erzählt auch davon, dass die drei anderen Kinder eine Zeitlang quasi keine Eltern gehabt hätten, weil er und seine Frau sich intensiv um Samuel gekümmert hätten. Auch in der Ehe sei es zu Problemen gekommen. Doch mit Frau und Kindern habe er Wege der Versöhnung gefunden.

Verein geplant

Pfarrer Kuhn fragt, ob sich Kochs Einstellung zu Gott geändert habe – spielt doch in der Familie des Lörrachers der Glaube eine wichtige Rolle. Koch überlegt, wirkt nachdenklich. Es komme ihm vor, als habe Gott die Route geändert, sagt er in Anlehnung an sein GPS, das bei der Anreise wegen einer Umleitung immer wieder einen neuen Weg berechnet habe. «Dass Samuels Unfall sein musste und einen Sinn hat, wird mir nie über die Lippen kommen.» Er habe auch lange nicht die Gebetsworte «dein Wille geschehe» aussprechen können. Gleichwohl, Gottes Existenz sei für ihn durch den Unfall nicht in Frage gestellt. «Wir fühlen uns begleitet.»

«Für Samuel ist der Unfallhergang bis heute unerklärlich»Christoph Koch

Etwas Sinn wollen Samuel und seine Familie nun doch dem Schicksal abringen. «Wir planen einen gemeinnützigen Verein», sagt Koch. «Damit wollen wir Angebote zur Unterstützung pflegender Angehöriger schaffen.» Er selber habe nach dem Unfall ein Sabbatical mit halbem Gehalt beziehen können. Durch andere Fälle aber sei ihm bewusst geworden, wie belastend Geldsorgen in einer solchen Situation zusätzlich sein können.

Am Theater tätig

Sohn Samuel sei mittlerweile in der Lage, sein Geld selber zu verdienen. Er habe nach dem Unfall seine Schauspielausbildung beendet und ist nun am Nationaltheater Mannheim fest engagiert. «Das geht auch mit seiner Lähmung, die Theaterleute sind da sehr kreativ», erklärt Koch. Mal sei der Rollstuhl als normaler Stuhl getarnt, mal werde der inzwischen 31-Jährige durch eine andere Konstruktion stabilisiert.

Das gut 100-köpfige Publikum geht beeindruckt aus dem Gesprächsgottesdienst.

Erstellt: 01.04.2019, 15:01 Uhr

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