Wochengespräch

«Heroin macht nicht jeden beim ersten Mal süchtig»

Der Psychiater Thilo Beck betreut Drogensüchtige in Programmen für einen kontrollierten Konsum. Er setzt er sich dezidiert gegen die Stigmatisierung von Abhängigen ein.

Thilo Beck ist als Chefarzt der Psychiatrie Mitglied der Geschäftsleitung der Arud.

Thilo Beck ist als Chefarzt der Psychiatrie Mitglied der Geschäftsleitung der Arud. Bild: Michael Trost

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Ursprünglich wollten Sie Jurist werden – jetzt sind Sie als Psychiater bei der Arbeitsgemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen (Arud) tätig. Warum?
Thilo Beck: Ich stamme aus einer Unternehmerfamilie. Lange dachte ich, dass mein Weg mich in die Wirtschaft führen würde. Deswegen habe ich mit dem Jusstudium begonnen, stellte aber fest, dass ich in der Wirtschaft mein Interesse an Menschen zu wenig ausleben konnte. Höchstens der diplomatische Dienst wäre eine Alternative gewesen. Aber ich habe mich dann für die Medizin entschieden. Und auch da wollte ich möglichst nah an den Menschen sein. Deshalb die Psychiatrie – die Innere Medizin war mir zu technisch.

Dass Sie nun in der Suchtmedizin arbeiten – hat das mit dem Elend der offenen Drogenszene am Platzspitz zu tun?
Nicht in erster Linie. Ich hatte einige Schulkollegen und Bekannte, die sich auf dem Platzspitz aufgehalten haben und zum Teil auch dort gestorben sind. Aber zur Suchtmedizin bin ich eher zufällig gekommen: In meinem ersten Assistenzjahr 1993 in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich wurde ich in die damals neue Abteilung für Dualstörungen eingeteilt. Dort waren Patienten, die neben einer Sucht- noch an einer oder mehreren anderen psychischen Erkrankung litten – etwa an Angststörungen, Depressionen, Schizophrenien oder ADHS. Diese Stelle war bei vielen Assistenzärzten unbeliebt; sie fanden die dort behandelten Menschen unheimlich und irritierend.

Und Sie?
Ich habe diese Patienten mit den vielen Erfahrungen, die sie durchgemacht haben, als spannend und wertvoll erlebt. Aber die Gesellschaft, und auch das Gesundheitssystem, haben sie marginalisiert und diskriminiert. Diese Verurteilung hat mich beschäftigt. Denn schlimmer als mögliche Auswirkungen des Substanzkonsums sind die Folgen der gesellschaftlichen Ausgrenzung – ein Leben in der Illegalität, der Verlust von Arbeit, Obdach und von sozialen Strukturen.

Immerhin wussten sie, was sie taten, als sie die Drogen konsumiert hatten – und dass das Heroin bereits nach dem ersten Versuch süchtig machen kann.
Das stimmt eben nicht. Heroin macht weitaus nicht jeden beim ersten Mal süchtig. Diese und viele andere illegale Substanzen wurden und werden pauschal verteufelt und oft mit unberechtigten Zuschreibungen beurteilt. Es liegt an vielen, meist nicht substanzbedingten Faktoren, ob und wie jemand die Kontrolle über den Konsum einer Substanz verliert.

An welchen?
Zum Teil an genetischen Risikofaktoren. Aber auch psychische Ursachen, wie etwa Angststörungen oder Depressionen, sowie belastende soziale oder familiäre Verhältnisse können dazu beitragen, dass man die Kontrolle über sein Konsumverhalten verliert.

Substanzkonsum ist oft eine Überlebensstrategie, um innere Konflikte und Spannungen auszuhalten oder mit äusseren Belastungen umzugehen – es ist meist ein Zusammentreffen von mehreren Faktoren.

Wie wurde mit den Süchtigen umgegangen, damals, als Sie als Assistenzarzt anfingen?
Man hat begonnen, die Wichtigkeit einer individuellen Behandlung zu erkennen. Vor dieser Zeit hat man nach pädagogischen Ansätzen gearbeitet. Abstinenz galt als oberstes Ziel für Rettung und Heilung der Betroffenen. Um dieses zu erreichen wurde ihnen eine bestimmte Verhaltens- und Sichtweise eingetrichtert – die vielfältigen Gründe, die sie zur Sucht geführt hatten, und damit auch die verschiedenen Lösungsansätze, interessierten nur wenig. Ein Ansatz, der übrigens auch heute noch weit verbreitet ist, sogar in der Fachwelt. Er ist jedoch nicht zielführend. Viele Schwerstsüchtige können einen Entzug schlicht nicht schaffen. Dann bringt es mehr, ihre Lebensqualität durch einen reduzierten Konsum zu verbessern und sich auf die Probleme zu konzentrieren, die die Lebensführung beeinträchtigen und den Konsum unterstützen.

Kommt es auch vor, dass Süchtige abstinent werden wollen, Sie aber den Entzug nicht empfehlen können?
Das kommt vor. Oft basiert der Wunsch nach Abstinenz auf einem schlechten Gewissen,etwa gegenüber der Familie, und auf einem Gefühl der Selbstentwertung. Man muss dann die Risikofaktoren genau anschauen. Die schrittweise Reduktion ihres Konsums und alternative Strategien der Lebensbewältigung zu entwickeln, bringen dann mehr. Ansonsten ist die Gefahr gross, dass der Entzug misslingt und sie eine weitere negative Erfahrung machen. Tatsächlich haben wir Menschen in unserer Behandlung, die schon bis zu 30 Entzüge versucht haben. Mit jedem Mal verlieren sie wieder an Selbstvertrauen und fallen in die Sucht zurück – ein Teufelskreis.

In Ihrem Beruf bekommen Sie viele schwierige Lebensläufe mit, die oft von Hoffnungslosigkeit und Elend geprägt sind. Ist das auf die Dauer nicht niederschmetternd?
Nein, ich erfahre auch viel Freude – wenn ich etwa sehe, dass sich bei den Patienten Erfolge abzeichnen – die, je nach Fall, aus kleinen Schritten bestehen mögen, für die Betroffenen aber eine grosse Veränderung bedeuten. Freude macht auch die Begegnung mit unseren Patienten, wenn sie erfahren, dass man sie ernst nimmt und respektiert.

Weniger dankbar ist wohl der Umgang mit Politikern, die zum Beispiel gegen die opiatgestützte Behandlung von Menschen mit Heroinabhängigkeit sind.
Es ist erstaunlich, dass für gewisse Politiker der nachweisliche Erfolg dieser Behandlung nicht zählt. Dass eine Methode, die sich als die beste herausgestellt hat und die gut durchführbar ist, nicht eingesetzt werden sollte – das gäbe es wohl im ganzen Bereich der Medizin kein zweites Mal. Es ist aber oft schwierig, gegen andere, meist moralische Überzeugungen anzukämpfen.

Was wäre, wenn die Betroffenen ihre Behandlung selber zahlen müssten, wie dies zum Teil von Politikern im Sinne des Verursacherprinzips gefordert wird?
Das wäre die wohl schlechteste Variante. Wir könnten all die Betroffenen nicht mehr erreichen, die das Geld für die Therapie nicht hätten. Der Schwarzmarkt würde wieder blühen – und die Konsumenten mit Stoff versorgen, dessen Zusammensetzung unklar wäre. Die meisten auf dem Schwarzmarkt gehandelten Produkte sind denn auch mit Giftstoffen gestreckt. Das hätte zum einen gesundheitliche Folgen für die Patienten. Zum andern würde die Kriminalität wieder ansteigen, mit all ihren Begleiterscheinungen.

Wie wahrscheinlich wäre es, dass dann auch wieder eine offene Drogenszene entstünde?
In Zürich ist die Polizei heutzutage sehr präsent und würde sofort aktiv, wenn sich wieder eine offene Szene bilden würde. Zudem sind die Dealer heute alle mit dem Mobiltelefon erreichbar. Dadurch können sie laufend ihre Standorte wechseln. Eine offene Szene halte ich darum in der heutigen Zeit für eher unwahrscheinlich.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.06.2017, 13:54 Uhr

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