Hausärzte

Hausärzte werden oft durch Praxisgemeinschaften ersetzt

Seit Jahren lässt sich nur ein Fünftel der Medizinstudenten zu Hausärzten ausbilden. Das reicht nicht, um die Grundversorgung längerfristig sicher zu stellen. Im Bezirk Meilen ist die Anzahl Hausarztpraxen zwar stabil – dank Ärzten, die Teilzeit arbeiten. Bald folgt aber eine Pensionierungswelle.

Schweizweit rückläufig, im Bezirk Meilen derzeit noch stabil: Die Zahl der Hausarztpraxen. Bild: Symboldbild/Keystone.

Seit etlichen Jahren gibt es in der Schweiz immer weniger Hausärzte. Auch im Bezirk Meilen nahm die Anzahl Hausarztpraxen ab dem Jahr 2007 kontinuierlich ab. Doch Anfang 2015 stabilisierte sich die Situation: «Praxen konnten wieder an Nachfolger übergeben werden», sagt Paul Kaiser, Geschäftsführer der Hapmed AG, dem Ärztenetzwerk Pfannenstiel. Derzeit sei die Praxenzahl stabil.

Grund dafür sei der Trend hin zu Praxisgemeinschaften und teilzeitarbeitenden Ärzte. «Das Patientenvolumen eines bisherigen Hausarztes wird bei Praxisübergabe vielfach mit zwei bis drei jüngeren, teilzeitarbeitenden Ärzten kompensiert», beobachtet Paul Kaiser. Zudem werde die Hausarztmedizin femininer. «Es gibt deutlich mehr neue Hausärztinnen.»

Vereinbarkeit ist gefragt

Eine wichtige Rolle in dieser Entwicklung spiele die geplante Auslagerung des Notfalldienstes an die Ärztegesellschaft des Kantons Zürich, sagt Kaiser. Damit würden zusätzliche Abend- und Wochenend-Einsätze für Hausärzte wegfallen. «Dies ist besonders für junge Ärztefamilien eine grosse Verbesserung.» Beruf und Familie lassen sich so besser vereinbaren.

Laut Kaiser ist in den letzten Jahren generell viel unternommen worden, um die Hausarztmedizin politisch, wissenschaftlich und materiell aufzuwerten. Etwa durch die Gründung des Verbands Hausärzte Schweiz sowie des Instituts für Hausarztmedizin an der Universität Zürich. Auch die Etablierung von Hausarztmodellen mit den Krankenversicherern sowie eine verbesserte hausärztliche Vergütung hätten das ihre beigetragen.

Ausgestanden ist die Hausarzt-Krise laut dem Hapmed-Geschäftsführer aber trotz aktuell stabiler Zahlen nicht: In den nächsten fünf bis sieben Jahren werden rund 20 Prozent der Hausärzte im Bezirk Meilen pensioniert. «Diese Lücke muss geschlossen werden», sagt Kaiser. Hausärzte seien wichtig, um die Gesundheitsversorgung der Patienten zu koordinieren. «Sie agieren vernünftig, angepasst und kostenbewusst.» Nur so sei weiterhin eine hochwertige und kosteneffiziente medizinische Grundversorgung gewährleistet. Die ZSZ hat zwei Vertreter des «neuen» Hausärztetyps besucht. (Mirjam Bättig-Schnorf)

Olivier Moret (34) ist der wohl jüngste Hausarzt in der Region. An seiner Arbeit liebt er die Ganzheitlichkeit. Bild: Michael Trost.

«Von allem etwas – und nahe am Patienten»

Nimmt man eine aktuelle Studie des Berner Instituts für Hausarztmedizin zum Massstab, ist Olivier Moret der Prototyp der künftigen Hausärztegeneration: Der 34-Jährige arbeitet 80 bis 90 Prozent, begann seine Hausarzt-Karriere als Angestellter in einer Gruppenpraxis, übernimmt dort nun aber bald auch unternehmerische Verantwortung.

Laut einem Artikel in der «Schweizerischen Ärztezeitung» vom März 2017 äusserten sich in der Studie fast 300 junge Ärzte zu ihren Wünschen für die berufliche Zukunft. Daraus resultierten Empfehlungen, wie Hausarztpraxen für den Berufsnachwuchs attraktiv zu gestalten sind. Zum Beispiel: «Im Praxisalltag aktiv eine wertschätzende Teamkultur pflegen» oder «Die Praxisstruktur so konzipieren, dass mit reduzierten Arbeitspensen eine gute hausärztliche Versorgung gewährleistet ist.»

Freitags ist «Familientag»

Was etwas trocken klingt, wird an Olivier Morets Beispiel lebendig. So schwärmt er vom lehrreichen Austausch im Team seiner Praxis, dem Ärztezentrum Erlenbach. Oder erwähnt, dass seine Patienten am Freitag, wenn er mit seinem zweijährigen Sohn den «Familientag» verbringt, im Notfall in der praxiseigenen Walk-in-Sprechstunde behandelt werden. Sein Fazit: «Ich bin sehr zufrieden damit, wie ich jetzt arbeiten kann.»

«Als Hausarzt bin ich in hochkomplexen Situationen dabei.»Olivier Moret

Nach dem Studium war Moret unsicher, in welche Fachrichtung es gehen sollte. Er begann als Assistenzarzt in der Chirurgie. Man muss unweigerlich schmunzeln, wenn er erzählt, warum: «Ich hatte als Jugendlicher als Dachdecker und Spengler gejobbt. Das Handwerkliche sprach mich an.» Im chirurgischen Handwerk wurde Moret dennoch nicht glücklich. Er wechselte in die Pädiatrie, also die Kinderheilkunde. Eine weitere Station führte ihn in eine Hausarztpraxis auf dem Land. Die Arbeit begeisterte ihn und es wurde ihm klar: «Als Hausarzt hast du von allem etwas und bist nahe am Patienten.» Unterdessen trägt er den entsprechenden Facharzttitel für Allgemeine Innere Medizin.

Seine jetzige Tätigkeit in Erlenbach nahm Olivier Moret vor gut einem Jahr auf, nach einem Ausbau der Praxis. Fünf Ärztinnen und Ärzte gehören zum festen Team. Noch ist Moret «nur» angestellt; 2018 wird er jedoch zum mitverantwortlichen Praxispartner. Medizinisch selbständig ist der junge Hausarzt schon heute. Sein Patientenstamm wuchs rasch heran – ohne dass er jenen eines pensionierten Kollegen übernommen hätte. Die Nachfrage war gross: «Es hörten damals einige Hausärzte in der weiteren Umgebung auf», erklärt Moret.

Versorger der Ältesten

Eine der vielen Zusatzaufgaben von Moret ist diejenige als Heimarzt im Erlenbacher Alterswohnheim Gehren. Der wohl jüngste Hausarzt in der Region als Versorger der Ältesten? Für Moret kein Widerspruch: «Dass die Menschen immer älter werden, wird die Medizin in Zukunft stark beschäftigen.»

Auf die Frage, ob ihn nicht manchmal eine weitere Spezialisierung reize, winkt Moret ab. Als Hausarzt baue er Beziehungen auf und sei «in hochkomplexen Situationen» beteiligt. Gute Hausärzte würden die Medizin günstiger machen und durch ihre Triage-Funktion den Patienten unnötige Behandlungen ersparen. «Früher», sagt Moret, «hatte ich schon die Befürchtung: Wenns spannend wird, musst du den Patienten abgeben. Jetzt sehe ich es aber so: Menschen in vielfältigen Situationen langfristig und ganzheitlich zu betreuen, mit punktueller Unterstützung durch Fachspezialisten, begeistert mich.»

Den Patienten zugewandt: Julia Fox (46) in ihrer Gemeinschaftspraxis in Küsnacht. Bild: Sabine Rock.

«Ich wollte nicht Alleinkämpferin sein»

«Das kanns nicht sein!», dachte Julia Fox vor sechs Jahren, als sie ihr Baby im Schwesternzimmer des Hirslanden-Spitals deponieren musste, um spätabends Dienst zu leisten. Die Mama Notfallärztin, der Papa Kardiologe, beide 100 Prozent arbeitstätig: Es war absehbar, dass dieser Moment für die junge Familie kommen würde. Heute kann Fox darüber lachen. Überhaupt lacht sie oft, die 46-Jährige, die in Küsnacht als Hausärztin arbeitet.

Damals aber war die Situation ernst, die Überforderung greifbar. Während der Arbeit rannte Fox auch immer wieder in die Spitalkrippe, um ihre Tochter zu stillen. «Wenn man als berufstätige Mutter alles perfekt machen will, leidet irgendwann alles», sagt sie rückblickend.

Schwierige Partnersuche

Das eigene Baby im Schwesternzimmer: Das war der Moment, in dem Julia Fox beschloss, dass ihre Zukunft nicht in der Spital-, sondern in der Hausarztmedizin liegen würde. Genauer: in einer gemeinschaftlich geführten Praxis. «Ich wollte nicht Alleinkämpferin sein», sagt sie.

«Vielleicht sind wir Frauen einfach vernünftiger.»Julia Fox

Einen geeigneten Partner zu finden, sei aber nicht so einfach gewesen. Man müsse einander kennen, eine ähnliche Arbeitsweise haben – halt «wissen, wie der andere tickt». In Funda Sahin, mit der sie damals im Notfallzentrum der Klinik Hirslanden in Zürich zusammenarbeitete, fand sie die passende Partnerin. Seit Anfang 2015 arbeiten beide Frauen 60 Prozent in ihrer Praxis – Fox, weil sie eine Familie hat, Sahin aus anderen Gründen.

Als einen Rückschritt gegenüber der vormaligen Kadertätigkeit sieht Julia Fox ihre jetzige Arbeitsweise nicht. «Im Gegenteil – so habe ich eine spannende ärztliche Aufgabe und genügend Zeit für meine Tochter, wie etwa kürzlich an ihrem ersten Schultag.» Freimütig räumt sie indes ein, dass die Hausarztmedizin nach dem Studium für sie «ganz weit hinten» stand: «Unter einem Hausarzt stellte ich mir einen abgearbeiteten älteren Mann in verbeulten Hosen und einem alten VW vor.» Da ist es wieder, ihr herzhaftes Lachen.

Selber habe sie früher Chirurgin werden wollen, erzählt die gebürtige Koreanerin, die in Deutschland aufgewachsen ist. Unterdessen ist sie froh, dass es anders kam: «Als Chirurg steht man die ganze Zeit im Operationssaal, und so manches andere im Leben bleibt auf der Strecke.» Dass in solchen prestigeträchtigen Fachrichtungen hauptsächlich Männer die oberen Chargen besetzten, sei kein Zufall. «Vielleicht sind wir Frauen einfach vernünftiger.»

Vom Scheitel bis zur Sohle

An Anerkennung mangelt es Fox in ihrer Praxis jedenfalls nicht. «Man spürt, dass junge wie ältere Personen die hausärztliche Beziehung enorm schätzen.» Sie erhält gar so viele Anfragen, dass sie derzeit keine neuen Patienten aufnimmt. Ihren Patientenstamm haben die beiden Frauen vom Vorgänger übernommen, der die Praxis im Küsnachter Zentrum etwa 20 Jahre lang alleine betrieb. Auf den Wechsel hätten einige durchaus skeptisch reagiert, erzählt Fox: Eine Hausärztin, die nicht fünf Tage die Woche verfügbar ist? Unterdessen habe sich das gelegt – und die Gemeinschaftspraxis bringe für die Patienten sogar Vorteile: weil sie täglich ganztags offen ist und die Frauen einander bei Notfällen vertreten.

Die Praxis zusammen zu konzipieren, habe Spass gemacht, schwärmt Fox. Sogar ein eigenes Logo wurde kreiert. Es prangt zusammen mit dem Schriftzug «Dr. med. Fox» auf ihrem blauen T-Shirt – und auf den weissen Turnschuhen. Da ist die Hausärztin eben auch ganz Geschäftsfrau. (Anna Six) (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 08.09.2017, 15:01 Uhr

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