Meilen

«Hausärzte sind wichtiger als Herzchirurgen»

Herzspezialist Thierry Carrel war in der Tertianum Parkresidenz in Meilen zu Gast. Befragt von der Journalistin Nathalie Zeindler gab er Einblick in sein Leben im Operationssaal.

Thierry Carrel im Gespräch mit Journalistin Nathalie Zeindler.

Thierry Carrel im Gespräch mit Journalistin Nathalie Zeindler. Bild: Manuela Matt

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Weder komplizierte Operationen noch teure Medikamente standen für Thierry Carrel zu Beginn des Podiums in der Tertianum Parkresidenz Meilen zur Debatte. Der Chefarzt der Klinik für Herz- und Gefässchirurgie des Berner Inselspitals, der auch in der Klinik Hirslanden in Aarau operiert, plädierte ganz simpel für Prävention.

Klar müsse man sich bei allfälligem Bluthochdruck, bei Thrombosen oder Herzrhythmusstörungen mit den Problemen auseinandersetzen. Dem Herz müsse aber schon vorher Sorge getragen werden. Unkompliziert, freundlich und doch eindringlich sprach der Professor mit welschem Akzent ohne jegliche Starallüren zu den rund achtzig Zuhörern. Carrel weiss: «Eine gesunde Ernährung, genügend Bewegung, die Übergewicht verhindert, und ein rauchfreies Leben sind die beste Vorsorge für ein gesundes Herz».

Patienten individuell beraten

Vor einem Eingriff am Herzen ist für Thierry Carrel das Gespräch mit den Patienten zentral. Er erkläre ihnen den Befund, erörtere die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und versuche mit ihnen und ihren Angehörigen abzuschätzen, welche Strategie am meisten Lebensqualität und allenfalls grösste Symptomfreiheit verspriche. Manchmal sei es auch sinnvoll, auf eine Operation zu verzichten und die medizinischen Probleme «nur» mit Medikamenten anzugehen. Immer müsse die individuelle Situation angeschaut werden.

«Wir Herzchirurgen begleiten die Patienten aber nur auf einer kurzen, wenn auch intensiven Wegstrecke.»Thierry Carrel, Herzchirurg

«Wir Herzchirurgen begleiten die Patienten aber nur auf einer kurzen, wenn auch intensiven Wegstrecke». Daher sei der Hausarzt, der seine Patienten oft über Jahrzehnte begleite, wichtiger als Spezialärzte. Bei Unsicherheiten frage er beim Hausarzt oder bei der Hausärztin nach, um im Sinne des Patienten zu handeln. Im Spital sei eine gute Zusammenarbeit mit dem ganzen Ärzteteam und den Pflegenden matchentscheidend, um den Herzkranken Sicherheit und Zuversicht zu geben.

Anstrengendes Operieren

Im Operationssaal gibt es heute laut Thierry Carrel anders als zu Beginn der Herzchirurgie vor mehr als 50 Jahren standardisierte Abläufe bei Eingriffen, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Als Chefarzt setze er die Leitplanken, die Richtung und die Ziele im Rahmen der möglichen Bandbreite. Carrel erklärte: «Es ist wie auf einer Autobahn, und ich definiere auch zu welchem Zeitpunkt und in welcher Situation ich gerufen werden muss».

Der Berner Starchirurg Thierry Carrel operiert sowohl am Inselspital, als auch in der Hirslandenklinik.

Die Konzentration und das minutiöse Handwerk beim Operieren, das oft sechs bis acht Stunden täglich in Anspruch nimmt, sei aber anstrengend und kräftezehrend. Daher schätzt es der Herzchirurg, dass er nicht mehr wie zu Beginn seiner Tätigkeit als Chefarzt im Inselspital 180 Tagen im Jahr durchgehend während 24 Stunden einsatzbereit sein muss.

Transplantationen überbewertet

Der 59-jährige Carrel ist leistungsbereit und arbeitet bis heute enorm viel: Am Inselspital und in den beiden Hirslandenkliniken, in denen er arbeitet, werden jährlich rund 1'600 bis 1'800 Herzoperationen durchgeführt. Dazu kommen rund 15 Herztransplantationen. Der Herzchirurg selber sagt dazu: «Die Transplantationen machen nur rund ein Prozent der Eingriffe aus, sie werden in der Diskussion überbewertet».

Zum Schluss der Veranstaltung fragte ein Zuhörer den Herzchirurg, was ihn motiviere, jeden Tag einen derart umfassenden medizinischen Einsatz zu leisten. Thierry Carrel antwortete kurz und eindrücklich: «Es ist die Dankbarkeit der herzkranken Menschen, denen ich helfen kann».

Erstellt: 18.10.2019, 10:27 Uhr

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