Küsnacht

Haus von bedeutender Küsnachter Architektin droht der Abriss

Die Gemeinde Küsnacht und der Zürcher Heimatschutz streiten sich vor Gericht um die Schutzwürdigkeit eines Hauses der Architektin Beate Schnitter.

Der fächerförmige Grundriss ist charakteristisch für die Villa Gelpke-Engelhorn in Küsnacht-Itschnach.

Der fächerförmige Grundriss ist charakteristisch für die Villa Gelpke-Engelhorn in Küsnacht-Itschnach. Bild: Patrick Gutenberg

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Das Haus liegt versteckt. Wer von der Zumikerstrasse kommend eine von Pflanzen überwucherte Treppe hinabsteigt, erreicht nach einer Biegung die Villa Gelpke-Engelhorn. So verwildert das Grundstück wirkt, das in Altrosa gehaltene Gebäude vermittelt einen harmonischen Eindruck: Es ist von den Proportionen her gut in die Umgebung eingepasst.

Doch wie lang das Haus im Küsnachter Ortsteil Itschnach noch steht, ist unklar. Der Eigentümer will es abreissen. Auf seinen Antrag hin hat die Gemeinde Küsnacht das Einfamilienhaus Mitte 2018 aus dem Inventar schützenswerter Bauten entlassen. Ein Vorgang, der indes nicht ohne Opposition blieb. Der Heimatschutz des Kantons Zürich wehrt sich dagegen. Nachdem er beim Baurekursgericht abgeblitzt war, ist der Entscheid des Verwaltungsgerichts über die Schutzwüdigkeit noch hängig.

«Noch nicht erforscht»

Für Barbara Truog, Vizepräsidentin des Zürcher Heimatschutz, wäre ein Abriss ein fataler Fehler. «Es ist eine ziemlich einmalige, moderne, qualitätsvoll erstellte Baute.» Die Fächerform des Baus mit seiner konsequenten Ausrichtung nach der Sonne finde sich selten, im Garten sei ein kleines Amphitheater. Doch nicht nur das Haus an sich, auch der Kontext ist laut Truog von Bedeutung. Die Villa wurde Anfang der 70er-Jahre von der Küsnachter Architektin Beate Schnitter gebaut. Schnitter wiederum ist die Nichte von Lux Guyer (1894-1955), welche als erste selbständige Architektin der Schweiz gilt. Guyer, die unter anderem das Saffahaus, das inzwischen in Stäfa steht, gebaut hat, hat gerade auch Küsnacht architektonisch geprägt. Unzählige von ihr entworfene Häuser befinden sich auf Gemeindegebiet, so etwa das Thomas Mann-Haus an der Schiedhaldenstrasse oder das Haus Sunnebühl, in dem Guyer mit ihrer Familie selbst wohnte.

Die Küsnachter Architektin Beate Schnitter.

Eben jenes Haus Sunnebühl steht nur gut 60 Meter von der Villa Gelpke-Engelhorn entfernt. Noch wesentlich näher befindet sich das so genannte Rebhaus, das ebenfalls von Guyer entworfen wurde. Es ist im gleichen Altrosa gehalten und liegt etwas weiter oben am Hang. Im Gegensatz zum Streitobjekt ist es von der Zumikerstrasse gut sichtbar. «Die Villa Gelpke-Engelhorn ordnet sich dem Rebhaus sehr geschickt unter», beschreibt Truog, wie die beiden Häuser interagieren. In einem Umkreis von etwa 100 Metern stehen hier insgesamt sogar fünf Häuser von Lux Guyer und ihrer Nichte Beate Schnitter. «So etwas findet man in der Schweiz nicht so schnell», sagt Truog. Es handle sich um ein Ensemble bedeutender Schweizer Architektinnen.

Die Bedenken Truogs gegen den Abriss haben denn auch einen wissenschaftlichen Hintergrund. «Das Werk Schweizer Architektinnen ist wenig bis gar nicht erforscht», erklärt sie. Mit einem Abriss der Villa Gelpke-Engelhorn würde man etwas zerstören, dessen Bedeutung noch gar nicht wissenschaftlich erfasst sei. Doch ist die Bausubstanz der Villa überhaupt noch in Ordnung? Immerhin hinterlässt das Grundstück beim Betrachter einen vernachlässigten Eindruck. «Das Gebäude ist baulich in sehr gutem Zustand, nur der Garten ist verwildert», beurteilt Truog den Zustand der Villa. Ob der Heimatschutz das Verfahren ans Bundesgericht weiterzieht, wenn er vor dem Verwaltungsgericht verlieren sollte, kann Truog nichts sagen.

Das Rebhaus in Küsnacht, entworfen von Lux Guyer.

Eigentümer will bauen

Nichts zum Haus beziehungsweise dessen Entlassung aus dem Inventar sagen, will die Gemeinde Küsnacht, die dies mit dem laufenden Verfahren begründet. Der Eigentümer hat das Haus 2016 nach dem Tod von Vorbesitzerin Christa Gelpke-Engelhorn erworben. Der gleiche Mann ist zudem in Besitz des benachbarten Grundstücks Zumikerstrasse 22. Er wollte zu seinen Plänen mit dem Land nichts sagen. Aus gesicherten Quelle weiss diese Zeitung allerdings, dass eine Überbauung auf dem 3600 Quadratmeter grossen Areal entstehen soll.

In Küsnacht ist die Villa Gelpke-Engelhorn der Architektin Beate Schnitter vom Abriss bedroht.

Villa für alleinerziehende Milliardärin

Sorgen um die Zukunft der Villa macht sich auch deren Architektin selbst. Beate Schnitter wohnt in dem schon genannten Haus Sunnebühl. «Die Gemeinde Küsnacht zeichnet sich nicht durch einen sorgfältigen Umgang mit Architekten aus», sagt die 90-Jährige. Das Haus hatte sie Anfang der 70er-Jahre im Auftrag von Christa Gelpke-Engelhorn (1932-2014) und in enger Zusammenarbeit mit dieser gebaut. Die deutsche Milliardärin suchte nach der Scheidung von ihrem Mann, dem Architekten Wendelin Gelpke, eine neue Unterkunft für sich und ihre drei Kinder.

Die Villa sei fächerförmig angeordnet, erklärt Schnitter. «Dadurch hat jedes Zimmer Seesicht.» Die Zacken des Fächers hätten jeweils einen 90 Grad-Winkel und Fenster auf beiden Seiten. Die Türen der verschiedenen Zimmer lägen zudem nahe beieinander, so dass das Haus keinen langen Korridor brauche.

«Auch mit diesem Entwurf schliesst sie sich der sozialen Wohnreform ihrer Tante an, die ebenfalls konzeptuell an Räumen für alleinerziehende oder alleinstehende Frauen tüftelte», schrieb Kunsthistorikerin Francine Speiser kürzlich über die Villa Gelpke-Engelhorn beziehungsweise Beate Schnitter in der NZZ. Der Artikel würdigte das Schaffen der Küsnachter Architektin, die 1955 das Büro ihrer verstorbenen Tante Lux Guyer übernommen und in der Folge 23 Neubauten sowie 121 Umbauten und Renovationen umgesetzt hat. Fast 30 Jahre war Schnitter zudem für den Heimatschutz tätig. Es wäre eine traurige Ironie, wenn sie nun den Abriss des von ihr entworfenen Hauses erleben müsste.

Erstellt: 23.08.2019, 14:36 Uhr

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