Zollikon

Hallenbäder tolerieren Burkinis

Eine Besucherin zeigt sich irritiert über eine Frau, die im Zolliker Hallenbad Fohrbach ein Burkini trug. Die ­Hallenbäder in der Region sehen keinen Grund, diese zu ­verbieten.

Schwimmen, aber anders: Frauen in Burkinis trauen sich mittlerweile auch in öffentliche Hallenbäder.

Schwimmen, aber anders: Frauen in Burkinis trauen sich mittlerweile auch in öffentliche Hallenbäder. Bild: Symbolbild/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die regelmässige Besucherin des Hallenbads Fohrbach in Zollikon musste zweimal hinsehen, als sie von der Cafeteria aus auf das Schwimmbecken schaute. Denn dort zeigte sich ein für sie ungewohntes Bild: Eine Frau zog im Wasser im Ganzkörperanzug ihre Längen – allerdings nicht in einem Neoprenanzug, sondern in einem Burkini, einem zweiteiligen Schwimmkleid für muslimische Frauen.

Die Besucherin geht jeweils am Mittwoch zusammen mit anderen Frauen schwimmen und hat dies im Fohrbach zum ersten Mal beobachtet. «Wir waren alle etwas perplex», sagt sie. Sie sei keine Rassistin, «aber irgendwie kam mir das als Frau ­völlig schräg rüber.»

Störend finde sie es, dass muslimische Männer «ganz normal in Badehosen schwimmen», während sich ihre Frauen auch im Wasser derart unbequem verstecken müssten. «Wo bleibt da die in der Schweiz hart erarbeitete und hochgelobte Gleichberechtigung?» fragt die Besucherin. Immerhin, sagt sie, habe sie sich darüber gefreut, dass die Frau sehr gut schwimmen konnte.

Vorbehalte wegen Hygiene

Frauen in Burkinis sind in den Hallenbädern in der Region tatsächlich noch kein vertrautes Bild, wie eine Umfrage bei den vier öffentlichen Hallenbädern in Zollikon, Zumikon, Meilen und Männedorf zeigt. Es gebe vereinzelte Besucherinnen mit Burkinis, aber keine regelmässigen Gäste, heisst es. Alle vier Bäder tolerieren Frauen, die in einem Burkini schwimmen wollen. Von Badegästen hat es auch noch nie Reaktionen gegeben, ausser in Männedorf. «Es gab ­vereinzelt Rückfragen, ob das erlaubt sei», sagt der Männe­dörf­ler Gemeindeschreiber Jürg Ro­then­berger. Das Hallenbad zeige sich sehr offen, zumal es bislang kein allzu grosses Thema gewesen sei.

«Ein Burkini ist für seine Trägerin nichts ­anderes als ein Badekleid.»Thomas Kauflin, Gemeindeschreiber von Zumikon

Ein grosses Thema ist es hingegen für Islamkennerin Saïda Keller-Messahli, die Burkinis als Instrument des politischen Islams verurteilt und verbieten möchte (siehe Kasten). Heftige Diskussionen darüber gab es dieses Jahr beispielsweise im Frauenbad Eglisee in Basel, wo Frauen in weiten Burkinis weggewiesen wurden. Auch im deutschen Grenzort Konstanz wurde vor ­einigen Jahren eine Frau mit ­Burkini aus dem Hallenbad verbannt. In beiden Fällen spielten aber gemäss offiziellen Angaben keine religiösen Überlegungen eine Rolle. Entscheidend waren hygienische Gründe.

Gedanken zur Hygiene machte sich auch jene Besucherin, die im Zolliker Fohrbach eine Frau im Burkini beobachtet hat. «Wie läuft das mit den Hygienekon­trollen?» will sie wissen. Die vier Bäder im Bezirk unterscheiden diesbezüglich nicht zwischen ver­schiedenen Kleidungsstücken. «Es gelten die gleichen Vorschriften für alle», sagt die Zol­liker Gemeindeschreiberin Regula Bach mit Blick auf das Hallenbad Fohrbach. «Wir verlangen, dass sich die Leute umziehen und vor dem Baden duschen.»

Das Problem mit der Unterhose

In der Praxis gibt es laut Bach keine Probleme mit Burkinis, dafür immer wieder welche mit männlichen Jugendlichen, «die unter den Badehosen ihre Unterhosen anbehalten, weil dies zurzeit offenbar schick ist». Die Mitarbeiter des Fohrbach würden dann solche Jugendliche zurück in die Garderobe schicken.

Ähnlich tönt es in Meilen: «Unter dem Burkini ist ein Badeanzug zu tragen, Unterwäsche ist aus hygienischen Gründen nicht gestattet», sagt Gemeindeschreiber Didier Mayenzet. «Vor dem Schwimmen ist Duschen obligatorisch.»

Im Zumiker Hallenbad Juch wird ein Burkini gleich wie eine Badehose, ein Bikini oder ein Badekleid gehandhabt. «Ein Burkini ist für seine Trägerin nichts ­anderes als ein Badekleid», sagt der Zumiker Gemeindeschreiber Thomas Kauflin. Es handle sich also nicht um ein Kleidungsstück, das auch im Alltag getragen werde und von der Strasse ins Bad komme. Die hygienischen Probleme stufe man vergleichbar ein wie bei anderer Badebekleidung. «Aus unserer Sicht hängt die Hygiene im Bad mehr von der einzelnen Person ab als vom Kleidungsstück.»

Kauflin und Mayenzet geben weiter zu bedenken, dass im Bad auch andere Besucher Ganzkörperanzüge tragen, zum Beispiel Triathlonsportler in Neopren­anzügen. Hinzu kommen neuerdings Erwachsene und vor allem Kinder, die beispielsweise im Aussenbad Juch zum Schutz vor UV-Strahlen mit langen T-Shirts ins Wasser gehen. In Meilen tragen Schüler überdies zu Übungszwecken leichte Kleider. Diese müssen aber sauber und fuselfrei sein – egal, mit welchen religiösen oder moralischen Vorstel­lungen die Besucher ins Bad ­kommen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 28.12.2016, 17:11 Uhr

Kampfanzug der Islamisten?

Burkinis sollen in der Schweiz verboten werden: Dafür machte sich Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, dieses Jahr in diversen Medien stark. Auch wenn beim Burkini – eine Kombination der Wörter Burka und Bikini – das Gesicht nicht verschleiert sei, ziele das Kleidungsstück auf dasselbe wie die Burka: auf die Unterdrückung der Frau. Die in Tunesien geborene Keller-Messhali bezeichnet den Burkini als «Instrument des politischen Islam» beziehungsweise als «Kampfanzug des Islamismus».

Modedesigner hätten den Trend erkannt und daraus ein Geschäft gemacht. Wer einen Burkini trage, teile anderen Frauen mit, dass sie unanständig seien und der Anblick ihrer Haut unzumutbar sei. Radikale Muslime wollten so einer demokratischen und liberalen Gesellschaft Regeln aufzwingen, die diese gar nicht wolle. Die Ganzkörperverschleierung habe mit Religion nichts zu tun.

Zu anderen Schlüssen kommt Migrationsforscher und Kulturwissenschaftler Özkan Ezli von der Universität Konstanz. Der türkischstämmige Forscher, der im Zuge einer heftigen Debatte in Konstanz (siehe Haupttext) ein Gutachten für die Stadt erstellte, will den Burkini nicht verbieten. Für ihn stelle der Burkini kein religiöses Problem dar, sondern er verweise auf ein «Partizipationsproblem und eine zivil­integrative Frage».

Ein Schwimmbad sei ein öffentlicher Raum, der mit Heterogenität umgehen können müsse. Der Burkini ermögliche das gemeinsame Baden von Menschen aus verschiedenen Kulturen. Bis vor kurzem, so Ezlis Ansicht, wäre dies aufgrund muslimischer Vorstellungen von Sittlichkeit unvorstellbar gewesen. Burkinis verbieten zu wollen, sei deshalb die falsche Antwort auf das neue Phänomen. Diese seien zudem aus dem gleichen Material wie sonstige Badebekleidung, was auch das Argument der Hygiene ad absurdum führe. miw

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare