Stäfa

Grosses Staraufgebot am Filmset

In einer Villa neben der Stäfner Seestrasse dreht Regisseurin Bettina Oberli noch bis Anfang Mai ihren neuen Spielfilm. Bei einem Besuch auf dem Filmset trifft man auf zahlreiche bekannte Schauspieler – und Kuhdouble Elsa.

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Zwei Kinder rennen um die Hausecke, rufen «Mama» und werfen sich in die Arme einer hochschwangeren Frau. Hinter ihnen folgen Oma und Opa. Im Garten des herrschaftlichen Anwesens treffen sie auf die Grundeigenümer. Doch die Begrüssung mit dieser Besitzerfamilie fällt nicht gerade herzlich aus: Nach wenigen Sätzen wird gestikuliert und gestritten.

Doch bevor die Szene ausartet, erklingt ein «Aus», über den Platz. Was sich gerade abgespielt hat, ist nicht etwa ein reales Drama. Wir befinden uns auf dem Set von Bettina Oberlis neuem Kinospielfilm «Wanda, mein Wunder».

Dreissig Drehtage - und damit der Grossteil des Filmdrehs- finden in einer Stäfner Villa direkt am Zürichsee statt. Rund 55 Leute sind an diesem Tag im Einsatz: Schauspieler, Kameraleute, Tontechniker, Regieassistenten, Filmausstatter, Kostümverantwortliche, Produzent und Regisseurin Oberli. Diese erhebt sich gerade von ihrem Regiestuhl und geht zu den beiden Filmjungen. Sie hüpft mit ihnen über die Wiese und fragt: «Could you walk a bit like this?»

Der Kleinere nickt eifrig und vollführt sogleich ein paar Hüpfer. «Good», sagt Oberli und strahlt. Die beiden Buben kommen aus Polen. Genauso wie die Hauptdarstellerin Agnieszka Grochowska und ihre polnische Filmfamilie.

In Zeitschrift gefunden

Unter einem schwarzen Stoffdach neben dem Drehplatz schaut sich Kamerafrau Judith Kaufmann die eben gedrehte Szene an. Die Deutsche zählt zu den renommiertesten Kamerafrauen Europas. «Das ist nicht zu gebrauchen», sagt sie. «Sorry guys, wir machens nochmal», tönt es und sofort nimmt jeder seinen Platz ein. Zwei riesige Mikrofone werden mit Stangen über den Drehplatz gehalten, Lichter und Kameras platziert. Schon heisst es «Action» und Anatole Taubman als Filmschwiegersohn betritt den Schauplatz. Innert Sekunden gefriert das freundliche Lächeln auf seinem Gesicht, als der polnische Grossvater ihm mit grimmiger Miene gegenübertritt.

Ausser dem Dialog der Schauspieler ist es mucksmäuschenstill im grossen, parkähnlichen Garten. Im Hintergrund allerdings rauscht der Verkehr der Seestrasse. «Die Hintergrundgeräusche werden wir später herausfiltern», sagt Lukas Hobi. Er gehört zusammen mit Reto Schaerli zum Produzententeam des Films. Auf die Stäfner Villa stiessen die Verantwortlichen aufgrund einer alten Wohnzeitschrift.

Das Haus stand einige Jahre leer und ist von den Filmausstattern innert sechs Wochen komplett eingerichtet worden. In der Stube steht jetzt ein riesiges Tatzelwurmsofa der Marke De Sede, an den Wänden hängen geliehene Gemälde aus Kunstsammlungen. Auf dem Wohnzimmertisch liegen die Überreste des üppigen Filmfrühstücks.

Tierische Darsteller

Als besondere Herausforderung am Drehort in Stäfa bezeichnet Hobi die begrenzten Platzmöglichkeiten. «Weil sowohl Haus als auch Garten als Drehort dienen, ist es schwierig, alles unterzubringen.» Etliche Bereiche wie das Catering oder die Garderobe sind deshalb an andere Orte in Stäfa ausgelagert worden. «Das ist ein grosser logistischer Aufwand.»

Aufwendig ist auch die Herrichtung des weitläufigen Gartens, in welchem Schlangenknöterich, Schopflavendel, und Rosen blühen. «Alles inszeniert», sagt ein Ausstatter. Ein Blick aus der Nähe bestätigt: Die Stauden wurden eben erst in die Erde eingesetzt, die prächtigen Rosenköpfe in allen Farben entpuppen sich als angedrahtete Plastikblüten. Das entgeht wohl auch Filmkuh Elsa nicht, die gerade an einer künstlichen Blume schnuppert. Gelangweilt wendet sie den Kopf ab und schlendert über den Rasen.

Tiertrainerin Tatjana Zimek aus Deutschland hat den Auftritt mit Elsa drei Tage lang geübt. Die Milchkuh gehört einem Bauern aus Stäfa. Sie habe zwar drei eigene Filmkühe dabei, sagt die Tiertrainerin. «Diese geben aber keine Milch, wie das in einer Szene vorgesehen ist.» Deshalb sei Elsa als Double eingesetzt worden.

«Mit Grosstieren zu drehen ist eine Herausforderung», sagt Tatjana Zimek, die seit 30 Jahren Tiere trainiert. Sie hat unter anderen Dackel Tschips im Papa Moll-Film oder Huhn Chocolate im Werbespot der Migros dressiert. Alles wirke immer so einfach, sagt die Tiernärrin, die über 100 Tiere hält. «Aber es braucht viel Geduld, um ein Tier an all die Kameras und Leute auf einem Filmset zu gewöhnen.» Nebst Leckerlis sind oft kreative Lösungen gefragt. Filmhund Mephisto etwa sollte in einer Szene in der Stäfner Villa an den Rollstuhl des Familienoberhauptes pinkeln. Zimek brachte dem Vierbeiner bei, auf Kommando das Hinterbein zu heben. Für den Dreh befestigte sie am Innenschenkel des Hundes einen Infusionsschlauch und eine Spritze mit Apfelsaft. «Die Szene klappte auf Anhieb», sagt die Trainerin stolz.

Frauenpower beim Dreh

Die Schauspieler hingegen proben gerade zum x-ten Mal die gleiche Szene im Garten. Dann endlich die erlösende Durchsage: Mittagspause. Während die Crew zum Catering fährt, nimmt sich Anatole Taubman Zeit für ein kurzes Interview. «Ich habe heute beim Frühstücksdreh soviel Birchermüesli gegessen, dass ich noch keinen Hunger habe», sagt er und lacht. Die Figur, die er in Bettina Oberlis Film spiele, stelle für ihn «eine grosse Herausforderung dar», sagt der ehemalige Bond-Bösewicht. «Weil es ein ganz normaler, bünzliger Mann ist.» Es sei das erste Mal, dass er eine Figur darstelle, bei der er «nichts draufzusetzen brauche und einfach nur sein müsse, je weniger, desto besser».

Zum ersten Mal nach über hundert Produktionen erlebt der Schauspieler in Stäfa auch einen Dreh, bei dem sowohl die Regisseurin, als auch die erste Kamerafrau weiblich sind. «Ich finde das sehr angenehm.» Als angenehm empfindet Anatole Taubman auch die Grösse der Crew, welche im Vergleich zu amerikanischen Verhältnissen sehr familiär sei. «Ich muss mich emotional mit der Crew verbinden können.» Das macht der Schauspieler auch in der anschliessenden Mittagspause. Da wird gescherzt, gelacht und entspannt, bevor es danach wieder heisst: «und Action.»

Erstellt: 26.04.2019, 18:50 Uhr

Filmprojekt

«Wanda, mein Wunder»

Bettina Oberlis neues Kinoprojekt ist eine Comédie humaine. Die Geschichte spielt auf dem Anwesen der Filmfamilie Wegmeister-Gloor, deren betagtes Oberhaupt Josef nach einem Schlaganfall rund um die Uhr auf die Hilfe der polnischen Pflegerin Wanda angewiesen ist. Diese stellt nicht nur alles auf den Kopf, sie wird auch noch schwanger – von Josef.

Das Filmprojekt besticht durch ein hochkarätiges Schauspiel-Ensemble: Unter anderen spielen die Schweizer Schauspieler Marthe Keller (Marathon Man) und Anatole Taubman («James Bond - A Quantum of Solace») sowie der deutsche Darsteller Jacob Matschenz («Babylon Berlin») und die österreichische Mimin Birgit Minichmayr («Drei Tage in Quiberon») mit. Die Pflegerin Wanda wird von der polnischen Schauspielerin Agnieszka Grochowska verkörpert.

Der Spielfilm «Wanda, mein Wunder»,verfügt über ein Budget von 3,5 Millionen Franken. Er kommt im Frühling 2020 in die Schweizer Kinos. Das Produzententeam Lukas Hobi und Reto Schaerli von Zodiac Pictures («Die göttliche Ordnung», «Heidi») verantworten das Projekt. Die Regisseurin Bettina Oberli hat mit «Die Herbstzeitlosen» einen der erfolgreichsten Schweizer Filme realisiert.(mbs)

Die Dreharbeiten in Stäfa dauern noch bis am 5. Mai.

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