Bezirksgericht Meilen

Goldküsten-Einbrecher wird sofort ausgewiesen

Ein Mann aus Litauen erbeutete bei Einbrüchen in Küsnacht Taschen, Schmuck und Uhren im Wert von über 330'000 Franken. Eine unbedingte Freiheitsstrafe bleibt ihm erspart, er wird aber sofort ausgewiesen.

Zwwei Häuser in Küsnacht ausgeraubt: Ein 32-jähriger Mann aus Litauen musste sich am Dienstag vor dem Bezirksgericht Meilen verantworten.

Zwwei Häuser in Küsnacht ausgeraubt: Ein 32-jähriger Mann aus Litauen musste sich am Dienstag vor dem Bezirksgericht Meilen verantworten. Bild: Manuela Matt

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War der Mann aus Litauen gewerbsmässig und als Mitglied einer Bande unterwegs, als er im November 2017 zweimal in Einfamilienhäuser in Küsnacht einbrach? Oder war er nur ein Mitläufer, der von Kriminellen in seiner Heimat gleichsam zu den Taten gezwungen wurde? Das war eine entscheidende Frage, die das Bezirksgericht Meilen beim Prozess gegen den Litauer am Dienstag zu beantworten hatte.

Der heute 32-Jährige, der in seiner Heimat für eine Autofirma tätig ist und nach eigenen Angaben monatlich rund 2000 Euro verdient, in Litauen kein schlechtes Einkommen, gab die Einbrüche vor Gericht zu. Laut der Anklage hatte er mit einem Komplizen beim ersten Einbruch drei teure Taschen im Wert von 14'900 Franken erbeutet. Beim zweiten Einbruch zwei Wochen später war die Beute richtig gross: Schmuck und Uhren im Wert von 316'000 Franken.

Doch derweil der angebliche Komplize mit dem Deliktgut untertauchte und bis heute nicht eruiert werden konnte, wurde der Angeklagte im Februar aufgrund von Ermittlungen verhaftet. Er gestand die Delikte und sass ab dem 26. April im vorzeitigen Strafvollzug. Die Staatsanwaltschaft See/Oberland hatte keine Zweifel am gewerbs- und bandenmässigen Vorgehen des Angeklagten und beantragte für die beiden Einbrüche, mehrfache Sachbeschädigung und Landesfriedensbruch eine unbedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten sowie einen zehnjährigen Landesverweis.

Bereits vorbestraft

Der Litauer und sein Komplize hätten die Delikte «planmässig und mit grosser krimineller Energie» begangen, argumentierte die Staatsanwältin. Man müsse davon ausgehen, dass der Angeklagte noch mehr Delikte begangen hätte, wäre er nicht gefasst worden. Und dies, obwohl er nur gerade neun Monate zuvor schon im Kanton Luzern eine bedingte Geldstrafe kassiert hatte, unter anderem wegen eines Einbruchversuchs. Weil der Mann bereits in der Probezeit wieder delinquiert habe, müsse nun auch die Geldstrafe von 1800 Franken vollzogen werden, beantragte die Staatsanwältin.

Bei der Befragung bestätigte der 32-Jährige, dass er nur in die Schweiz gereist sei, um einzubrechen. Allerdings stellte er sich als Opfer von Kriminellen dar, die ihn massiv bedroht und zu den Taten gedrängt hätten. Auslöser sei ein Autoverkauf an einen Mann gewesen, der ihm danach vorgeworfen habe, ein beschädigtes Auto verkauft zu haben, wofür er 11 000 Euro «Schulden» zurückzahlen müsse. Um diese zu begleichen, habe er eingewilligt, bei Diebstählen mitzumachen.

Warum er denn nicht zur Polizei gegangen und den drohenden Autokäufer angezeigt habe, wollte der Richter wissen, worauf der Angeklagte entgegnete: «Weil ich Angst hatte, auch um meine Mutter und Schwester.» Heute sei ihm klar, dass er einen Fehler gemacht habe. Er bat die Opfer seiner Delikte um Entschuldigung und versprach, nie mehr «so einen Blödsinn» zu machen. Den Richter bat er, ihm nochmals eine Chance zu geben.

Dafür plädierte auch sein Verteidiger, der das banden- und gewerbsmässige Vorgehen seines Mandanten in Abrede stellte. Er verwies dabei auf die Anklageschrift, mit der lediglich eine Mittäterschaft belegt werden könne. Beweise für die Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation gebe es aber genau so wenig wie Belege dafür, dass sein Mandant weitere Delikte geplant habe. Er habe zwar vorsätzlich gehandelt, aber nicht als «abgebrühter Einbrecher», sondern als «Erfüllungsgehilfe von Kriminellen», die ihn unter Druck gesetzt und angestiftet hätten.

Komplize verschwunden

Dass sein Mandant kein professioneller Einbrecher sei, zeige auch sein dilettantisches Vorgehen: So habe er kein Diebes-Werkzeug dabei gehabt, und die grosse Beute sei ein reiner Zufall gewesen. Die These vom Mittäter wurde auch vom Angeklagten untermauert, der angab, er habe erst nachträglich realisiert, wie wertvoll der gestohlene Schmuck eigentlich sei. Tatsache ist indes, dass gemäss dem Gericht weder der angebliche Komplize noch der vom Angeklagten namentlich genannte Drahtzieher ermittelt werden konnten - auch nicht von den Behörden in Litauen.

Der Verteidiger plädierte für eine deutlich mildere Strafe als die Staatsanwaltschaft: Er beantragte eine bedingte Freiheitsstrafe von maximal 15 Monaten mit einer Probezeit von fünf Jahren und einen Landesverweis von lediglich fünf Jahren. Zusammen mit dem Vollzug der Geldstrafe sei das für seinen Mandanten «abschreckend genug». Zudem sei der Litauer sofort aus der Haft zu entlassen.

Kein «Gelegenheitsdieb»

Das Gericht folgte mit seinem Urteil in vielerlei Hinsicht der Argumentation des Verteidigers. Es verurteilte den Mann schliesslich zu einer Freiheitsstrafe von 22 Monaten, aber bedingt und mit einer Probezeit von fünf Jahren. Von den 22 Monaten abgezogen werden zudem die 161 Tage im vorzeitigen Strafvollzug und in Untersuchungshaft. Die aus der Vorstrafe von 2017 resultierende Geldstrafe muss der Litauer hingegen bezahlen, ebenso Gerichts- und Verfahrenskosten von 8550 Franken. Zudem wird er per sofort aus der Haft entlassen – und für acht Jahre des Landes verwiesen.

Der Richter hielt in seiner mündlichen Begründung fest, dass dem Angeklagten kein banden- und gewerbsmässiges Vorgehen nachgewiesen werden könne: «Die Qualifikationsmerkmale dafür sind nicht vorhanden». Man könne aber auch nicht nur von einem «Gelegenheitsdieb und Erfüllungsgehilfen» sprechen, wie die Verteidigung suggeriert habe. Der Mann habe professionell, mit finanziellen Motiven und vorsätzlich gehandelt, weshalb sein Verschulden «erheblich» sei. Seine Story mit den angeblichen Drohungen und Nötigungen sei ausserdem «nicht glaubhaft». Das Gericht habe deshalb nach wie vor «erhebliche Vorbehalte», denen man mit der fünfjährigen Probezeit Rechnung trage.

Mit Blick auf eine Rückfallgefahr äusserte sich der Richter vorsichtig optimistisch. Betrachte man Faktoren wie Werdegang, Vorstrafe, persönliche und berufliche Situation sowie die abschreckende Wirkung von Haft und Urteil, sei insgesamt eine eher positive Prognose möglich. Deshalb sei die Aufschiebung des Strafvollzugs mit einer Probezeit trotz einer Vorstrafe möglich. Falls er in der Schweiz aber nochmals straffällig werde, müsse er auch die verbleibende Freiheitsstrafe absitzen, warnte der Richter den Mann aus Litauen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 18.07.2018, 15:12 Uhr

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