Stäfa

Gericht hebt Bewilligung für grosse Überbauung in Stäfa auf

Anwohner haben eine geplante Überbauung in Stäfa mit Rekursen bekämpft. Das zuständige Gericht kritisiert nun die Bewilligung durch die Gemeindebehörden. Den Zankapfel bildet unter anderem ein verschwundener Obstgarten.

Neben dem Weinbauernhaus «Zum Träubel» in Stäfa soll eine Überbauung mit sechs Mehrfamilienhäusern entstehen.

Neben dem Weinbauernhaus «Zum Träubel» in Stäfa soll eine Überbauung mit sechs Mehrfamilienhäusern entstehen. Bild: Moritz Hager

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Auf dem Projektbild des Architekturbüros im Internet ist die Welt noch in Ordnung: Man sieht Kinder auf einer Wiese spielen, dahinter Wohnhäuser mit grosszügigen Balkonen. Von einer fami­lienfreundlichen Überbauung in Stäfa ist die Rede, die «33 attraktive Eigentumswohnungen mit teilweise See- und Fernsicht» bietet. Beworben wird ausserdem das «Weinbauernhaus Zum Träubel», ein «renoviertes Haus mit viel Charme». Ein knapper Vermerk deutet jedoch dar­auf hin, dass für die Architekten nicht ­alles läuft wie erhofft: «Angebot in Vorbereitung», steht da.

Die grüne Wiese ist derzeit verschneit, und auch das Projekt für die Überbauung zwischen Binz- und Trübelstrasse im gleichnamigen Stäfner Quartier liegt auf Eis. Vor dem Zürcher Baurekursgericht hat es einen herben Rückschlag erlitten: Mit Entscheid vom 21. Dezember hat das Gericht zwei Baubewilligungen des Gemeinderats Stäfa aufgehoben.

Nachteile für Nachbarn

Ein gutes Dutzend Nachbarn ­hatte gegen das Bauvorhaben auf der rund 7700 Quadratmeter gros­sen Wiese Rekurs eingelegt. Es handelt sich um eine sogenannte Arealüberbauung (siehe Kasten). Die Rekurrenten rügten, dass der Grundsatz der Einheit der Baubewilligung verletzt sei. Anders gesagt: Weil es für die Neubauten und die Renovation des Weinbauernhauses zwei sepa­rate Bewilligungsverfahren gab, konnten sich die Anwohner kein vollständiges Bild davon ­machen, was in ihrem Quartier geplant ist.

Das Baurekursgericht stützt diese Argumentation. Eine Arealüberbauung in zwei Teilen zu bewil­ligen, sei nicht zulässig. Den Nachbarn könnten so «nicht leicht wiedergutzumachende Nach­teile» entstehen, da sie sich «über das Projekt nur lücken­haft orientieren» könnten. Die Beurteilung, wie sich das Bauvor­haben auf ihre Grundstücke auswirke, werde erschwert oder gar verunmöglicht. Deshalb sei es ange­zeigt, die Baubewilligungen aufzuheben.

Schutzvertrag für altes Haus

Die Gemeinde Stäfa hatte laut Bauvorstand Andreas Utz (GLP) ihre Gründe, das Verfahren zu etappieren: «Wir erachteten es als sinnvoll, die Neubauten und die Sanierung gesondert anzuschauen.» Dass es einen Rahmen um das gesamte Projekt brauche, sei klar – ein gemeinsamer Umgebungsplan habe dies aus Sicht der Gemeinde gewährleistet. Dieser lag aber nur in einem der zwei Verfahren öffentlich auf, was das Baurekursgericht als «selbst­redend unzulässig» bezeichnet.

«Wo keine Bäume mehr sind, da ist auch kein schützenswerter Garten.»Andreas Utz, 
Bauvorstand Stäfa

Bauvorstand Utz sagt, dass der Gemeinderat die Kritik des Gerichts «selbstverständlich akzeptiert». Hingegen könne er keine Aus­sage dazu machen, weshalb der Umgebungsplan nicht in der Auf­lage beider Projekte beigelegen sei. Die Etappierung begründet Utz damit, dass für das alte Weinbauernhaus – das einen Teil der Arealüberbauung darstellt – zuerst ein Schutzvertrag habe erarbeitet werden müssen. Dieser regelt, was am Gebäude, das im kommunalen Inventar aufgeführt ist, baulich verändert werden darf und was nicht. Die Nachbarn hatten auch gegen die Genehmigung des Vertrags Rekurs erhoben. Damit fanden sie aber kein Gehör beim Gericht; dieses gab der Gemeinde Recht. Hin- fällig ist der Schutzvertrag nun trotzdem, da er an eine gül­tige Baubewilligung geknüpft war.

Inventareintrag missachtet

Zur Gestaltung der Neubauten, die gemäss den Anforderungen an eine Arealüberbauung «besonders gut» sein muss, äussert sich das Gericht nicht. Es führt aber weitere Mängel in der Beurteilung durch die Vorinstanz, also den Gemeinderat Stäfa, auf. Pikant ist Folgendes: Auf den betroffenen Baugrundstücken ist im kommunalen Inventar der Natur- und Landschaftsschutzobjekte ein Obstgarten aufgeführt. «Die Vorinstanz überging diesen Umstand vollends», hält das Gericht fest. Zwar sei bei einem Augenschein vor Ort kein Obstgarten zu erkennen gewesen. Um dort ein Bauprojekt zu bewilligen, hätte die Gemeinde das Schutzobjekt aber zumindest korrekt aus dem Inventar entlassen müssen.

Andreas Utz sagt dazu: «Wo keine Bäume mehr sind, da ist auch kein schützenswerter Garten.» Der Gemeinderat sei davon ausgegangen, dass der eingetragene Obstgarten – der nota­bene wie die gesamte Parzelle in der Bauzone liegt – bei der nächsten Überarbeitung des Inventars «ohne­hin rausgefallen» wäre. Aus dem Entscheid des Bau­rekursgerichts werde man nun den nötigen Handlungsbedarf ableiten. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.01.2017, 13:49 Uhr

Die Bauherrschaft nimmt Stellung

Im zweiten Anlauf ein überarbeitetes Projekt

Die Bauland-Parzelle, um die derzeit in Stäfa gerichtlich gestritten wird, gehört der Atelier 19 Immobilien AG in Schönenberg. Die Firma hatte das Land vor einigen Jahren einer Erbengemeinschaft abgekauft. CEO und Architekt Hanspeter Sihler sagt gegenüber der ZSZ, dass das Baurekursgericht im Entscheid vornehmlich formelle Erwägungen anstelle. Das Wohnbauprojekt selber könnten diese «nicht verhindern». Den Entscheid will Sihler nicht weiter kommentieren. Er sagt aber, wie es mit der Parzelle weitergeht: Im zweiten Anlauf will Atelier 19 ein Projekt für eine Regelüberbauung einreichen. Bisher war eine Arealüberbauung geplant.

Gemäss Gesetz stellt eine Arealüberbauung höhere Ansprüche an die Bauherrschaft, was Gestaltung und Einordnung angeht. Im Gegenzug erhält diese einen Ausnützungsbonus von zehn Prozent. Das heisst, auf der gleichen Grundstückfläche kann ein höherer Ertrag erwirtschaftet werden.

Von Anwohnern enttäuscht

Von einem Projekt in der Regelbauweise erhofft sich Sihler bessere Chancen für eine rechtskräftige Bewilligung. Unter anderem ist dann das historische Weinbauernhaus nicht mehr tangiert.

Man habe die Quartierbevölkerung von Anfang an offen über das Bauvorhaben informiert, sagt er. Angebote für vertiefende Gespräche mit kritischen Anwohnern seien aber wiederholt ausgeschlagen worden. Davon sei er enttäuscht, sagt Sihler: «Man will offenbar einfach die Bebauung dieser sehr schön gelegenen und für Familienwohnungen geeigneten Parzelle verhindern.» Trotzdem werde die Bauherrschaft weiterhin auf «legitime Anregungen» der Nachbarn eingehen.
«Unschönes Versäumnis»

Was den vergessenen Obstgarten angeht, spricht der Architekt von einem «unschönen Versäumnis der Bauverwaltung Stäfa». Diesen aus dem Inventar zu entlassen, habe der Gemeinderat bereits vor längerem beschlossen – die Umsetzung bisher aber verpasst. (amo)

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