Herrliberg

Geheimnisvolle Literatur und Klavierklänge

In ihrer Lesung von E.T.A. Hoffmanns «Fräulein von Scuderi» in Herrliberg verwoben Graziella Rossi und Andrea Wiesli Literatur mit Musik.

Literarisch-musikalisches Duo: Graziella Rossi (links) als Erzählerin und Andrea Wiesli am Klavier traten gemeinsam in der Kulturschiene Herrliberg auf und erfüllten sich damit einen langjährigen Traum. Foto: David Baer

Literarisch-musikalisches Duo: Graziella Rossi (links) als Erzählerin und Andrea Wiesli am Klavier traten gemeinsam in der Kulturschiene Herrliberg auf und erfüllten sich damit einen langjährigen Traum. Foto: David Baer Bild: David Baer

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Sie leben gefährlich, die Männer auf dem Weg zu ihrer Geliebten. Ein Dolchstoss mitten ins Herz, und jäh endet für gar manchen der Weg zur heimlichen Verab­redung. Die Täterschaft: unbekannt. Etwas aber eint die Opfer: Sie haben alle ein Kästchen mit erlesenen Schmuckstücken bei sich. Und wegen dieser Kost­barkeit verlieren sie denn auch ihr Leben.

So spielt es sich im Paris von König Ludwig XIV. ab – jedenfalls aus der Optik des deutschen Dichters E. T. A. Hoffmann. Mit seiner Novelle «Das Fräulein von Scuderi» hat er, rund 200 Jahre nach der beschriebenen Zeit, ein Paradestück der dunklen, geheimnisvollen Strömung der Romantik geschaffen. Dies hat am Sonntag der literarisch-musikalische Abend in der voll besetzten Kulturschiene Herrliberg bewiesen. Dabei zeigte sich die erzählerische Tiefe von Hoffmanns Werk nicht zuletzt dank der lebhaften Vortragsweise der Erzählerin Gra­ziella Rossi und der stimmungsvollen Zwischenspiele von An­drea Wiesli am Klavier. Beide ernteten sie denn auch vom Publikum begeisterten Applaus.

Mit vollem Körpereinsatz

So machte Wiesli etwa mit Liszts «Mephisto-Walzer Nr. 1» erfahrbar, wie der mysteriöse Juwelenraubmörder sich geschickt den Fängen der Polizei zu entziehen weiss. Die hellen, schnell angeschlagenen Klänge übersetzten auf heitere Weise, wie der Gesuch­te seinen Verfolgern auf der Nase zu tanzen weiss. Letz­tere, die Polizisten der vom ­König eingesetzten Spezialeinheit Chambre ardente, kontrastierten als schwerfällig wirkende, dunkle Töne. Wiesli verstand es zudem, mit Gestik und Mimik­ die Erzählung und die Sprache­ der Musik dramatisch zuzu­spitzen: Eine triumphierende Armbewegung hier, ein grübelndes Stirnrunzeln oder ein schel­mi­sches Lächeln da gaben der Darbietung eine zusätzliche Dimension an kurzweiliger Unterhaltung.

Diese wusste auch Rossi mit ihrem virtuosen Wechsel von Stimmklang, -farbe und Sprechtempo von Beginn bis Ende des gut zweistündigen Auftritts zu erzeu­gen. E. T. A. Hoffmann ­hatte denn auch mit seinem Werk eine Vorlage geschaffen, die dem Leser – oder dem Zuhörer – einen Spannungsbogen voll unerwar­teter Wendungen und vielschichtiger Gefühlslagen bereithält.

Formal komplex

Rückblenden und mehrere, in­ein­ander verwobene Handlungsstränge aus unterschiedlichen Perspektiven machen das Stück auch auf der formalen Ebene zu einer komplexen Geschichte. Rossis Lesung, von Wiesli manch­mal auch nur mit kurz einge­streuten Klavieranschlägen kommentiert, liess den roten Faden jedoch nie aus den Augen verlieren. Dies, obschon das Künstlerinnenduo einiges aus der Originalfassung der Novelle hatte herauskürzen müssen, wie die Pianistin nach der Veranstaltung erklärte.

Das titelgebende Fräulein von Scu­deri, dem es gelingt, die rätsel­haften Mordfälle zu ent­wirren – dies blieb auch so vor dem Hintergrund der Bandbreite menschlicher Beweggründe fassbar. Entsprechend kam auch das Romantische im Sinne einer zarten, jedoch unerwünschten Liebe zur Geltung, musikalisch etwa durch Schumanns «Kinderszenen» ausgedrückt.

Hoffmann als Komponist

«Schumann hat sich von E. T. A. Hoffmann stark inspirieren lassen», erläuterte Wiesli. Ins­gesamt vier seiner Stücke hatte sie vorgetragen; daneben kamen Hindemith, Prokofjew oder Offen­bach nebst dem bereits erwähn­ten Liszt und weiteren Komponisten zum Zug – ruhige Stücke, aber auch solche mit wuchtigem Ausdruck. Einge­leitet hatte die Pianistin den Abend mit einer Sonate aus Hoffmanns­ eigener Hand und ­damit dessen vielseitiges Talent in verschie­denen Kunstsparten aufgezeigt.

Wiesli und Rossi, regelmässigen Besuchern der Kulturschiene vertraute Gesichter, kennen sich seit gut zehn Jahren. Mit der erzähle­risch-musikalischen Ver­arbei­tung von Hoffmanns No­velle haben die beiden sich einen lang gehegten Traum erfüllt. Der 40-jährigen Wiesli etwa sei der Stoff seit ihrer Maturazeit in Erinne­rung geblieben, sagte sie. Sie schätze die Verbindung von Musik und Literatur – dass es mit Hoffmanns Vorlage nicht die letzte Produktion dieser Art war, ist gut möglich. Denn, stellte sie fest, sie habe noch eine Menge Ideen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 16.04.2018, 16:53 Uhr

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