Natur

Gärtnereien warnen vor Neophyten-Panik

Viele Gartengeschäfte am Zürichsee haben Neophyten aus dem Angebot genommen. Trotzdem wollen Gärtner verunsicherte Kunden beruhigen.

Gärtner Markus Raschle empfiehlt einheimische Pflanzen wie die Kornelkirsche statt einer Kirschlorbeere (Vordergrund).

Gärtner Markus Raschle empfiehlt einheimische Pflanzen wie die Kornelkirsche statt einer Kirschlorbeere (Vordergrund). Bild: Patrick Gutenberg

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Die Diskussion um Neophyten mit invasivem Potential und deren Bedrohungspotential für die heimische Pflanzenwelt hat Früchte getragen: Wer sich diesen Frühling in den Gärtnereien um den Zürichsee umschaut, wird lange die violetten Rispen des Schmetterlingsstrauch oder die glöckchenförmigen Blüten der Geissraute suchen müssen.Immer mehr Geschäfte haben solche Pflanzen aus ihren Regalen verbannt.

Die Gärtnerei Pflanzenschau in Hombrechtikon hat ihr Sortiment an Neophyten mit invasivem Potential immer mehr auslaufen lassen. «Was wir jetzt noch im Laden haben, wird nach strengen Vorschriften verkauft», erzählt Inhaber und Geschäftsführer Raphael Stirnimann. Jede Pflanze, die auf der Watchlist des Bundes steht, wird mit einer speziellen Etikette markiert, worauf der Kunde auf das Potential der Pflanze aufmerksam gemacht wird. «Danach informierenunsere Mitarbeiter die Kunden genau darüber wo das Schnittgutentsorgt werden muss.» Die Verkäufer würden auch danach fragen, wo die Pflanze eingegraben werden soll. Geschieht dies ausserhalb des Siedlungsgebiet,darf der potenziell invasiveNeophyt nichtherausgegeben werden.

Wandel länger absehbar

Auch Martin Rusterholz, Geschäftsführer von Rusterholz in Oberrieden hat in den vergangenen Jahren dasAngebot angepasst, nicht zuletzt wegen der veränderten Nachfrage.«Seit rund fünf Jahren bemerken wir, eine starke Sensibilisierung auf das Thema Neophyten hin, in erster Linie bei den Kunden.» Bei Grossprojekten und Neubauten würden seit einigen Jahren nur noch einheimische Pflanzen eingesetzt, sagt Rusterholz.

«Seit rund fünf Jahren bemerken wir, eine starke Sensibilisierung auf das Thema Neophyten hin, in erster Linie bei den Kunden.»Martin Rusterholz, Geschäftsführer von Rusterholz in Oberrieden

Oft liege das auch daran, dass der für die Baubewilligung entscheidende kommunaleGestaltungsplan nicht einheimischen Pflanzen verbietet. Ebenso verlangen immer mehr Hobbygärtnerexplizit nach einheimischen Stauden und Blumen. Das zumindest beobachtet Bernadette Rölli von der Gärtnerei Van Oordt in Stäfa. Und auch jene, die ohne Vorwissen in den Laden kämen, würdenverständnisvoll reagieren, wenn Rölli ihnen erklärt, dasssie keinen Kirschlorbeer führen.

Coop mit Kirschlorbeer

Wagt man einen Blick ins Angebot der Grossverteiler, erkennt man, dass Coop auch diesen Frühling noch eben jene Hecke verkauft, die viele Gärtnereien schon aus dem Verkehr gezogen haben.DieMigros verzichtet seit diesem Jahr zwar auf den Kirschlorbeer, hat aber weiterLupinen-Saatgut im Angebot. Auch diese bunten Blumen stehenauf der Watchlist des Bundes.

Darauf angesprochen antworten die beiden Verkaufsriesen, dass die Produkte mit einem Warnhinweis versehen sind und damit die gesetzlichen Rahmenbedingungen eingehalten seien. Man verzichte auf grossangelegte Werbeaktionen undarbeite laufend daran, die Pflanzen aus dem Sortiment zu nehmen, heisst es in den schriftlichen Stellungnahmen. Einen zeitlichen Rahmen nennen aber weder Coop noch Migros.

Neu Einheimisches pflanzen

Markus Raschle, Inhaber und Geschäftsführer der Gärtnerei Raschle in Langnau und Wädenswil warnt jedochvor vorschnellen Urteilen und unnötiger Panikmache: «Man sollte keine Gärtnerei verteufeln, bloss weil sie Pflanzen verkaufen, die auf der Watchlist stehen.» Auch bei Neophyten komme es stark darauf an, welche Sorte es ist und wo sie angepflanzt werden soll. Als Beispielnennt er die Tessinerpalme. Im Süden des Landes könne sie unkontrolliert gehalten durchaus die Natur gefährden, in der Zürichseeregionin einen Topf eingepflanzt sei sie aber längst keine Bedrohung.

«Und anstatt, dass man in einem Anflug von Panik den Kirschlorbeer aus dem Garten reisst, der dort seit 30 Jahre steht, ist es zielführendersich im Gartencenter von Fachpersonen über die richtige Pflege der Pflanze zu informieren.» Bei Neubepflanzungen vonGarten und Balkon empfiehlt der Experte, sichvon Anfang auf das vielfältige Angebot aus der einheimischen Pflanzenwelt zu konzentrieren.

Erstellt: 10.05.2019, 14:30 Uhr

Das gilt in der Schweiz gesetzlich für Neophyten

Seit 2008 ist in der Schweiz der Umgang mit invasiven Neophyten gesetzlich geregelt. Dabei handelt es sich um eingeschleppte Pflanzenarten, die sich hier stark ausbreiten und einheimische Arten verdrängen. Das wiederum wirkt sich auf das natürliche Gleichgewicht und den Lebensraum von einheimischen Tieren aus.

Verbotene Pflanzen dürfen nicht mehr in Verkehr gebracht, importiert, verkauft, transportiert und gepflanzt werden. Wer sich nicht daran hält, macht sich strafbar.

Verbotene Neophyten: Ambrosie (Aufrechtes Traubenkraut), Riesenbärenklau (Mantegazzis Bärenklau, Herkulesstaude), Drüsiges Springkraut, Essigbaum, Flutendes Heussenkraut, Grossblütiges Heusenkraut, Himalaya-Knöterich, Japanischer Staudenknöterich, Sachalin-Knöterich, Bastard-Knöterich, Schlingknöterich (Auberts Windenknöterich), Kanadische Goldrute, Hain-Goldrute , Spätblühende Goldrute, Schmalblättriges Greisskraut, Nadelkraut, Grosser Wassernabel, Nutalls Wasserpest.

Bei 42 weiteren Pflanzen (siehe www.neophyten-schweiz.ch) mit invasivem Potential sind beim Verkauf Informationen an die Kundschaft zum Umgang Pflicht. Auf Etiketten muss folgender Text angebracht sein: «ACHTUNG Unkontrolliert kann diese Pflanze die Natur gefährden. Darf nur unter Kontrolle im Siedlungsgebiet wachsen. Bestände pflegen: Zurückschneiden, Früchte und Samen entfernen. Nicht selber kompostieren; Schnittgut über Grünabfuhr oder Kehrichtabfuhr entsorgen.»

Bei 24 dieser 42 Neophyten besteht sogar eine Verkaufsverzichts-Vereinbarung mit den Kantonen. Wer diese Pflanzen dennoch in der Schweiz verkauft, hat mit Beanstandungen zu rechnen, schreibt der Dachverband der Grünen Branche, Jardin Suisse, auf seiner Website.

www.jardinsuisse.ch

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