Zollikon

Für immer Schauspieler

Mit 83 Jahren steht Schauspieler Vincenzo Biagi aus Zollikon immer noch auf der Bühne. Der Hotzenplotz-Mime erzählt, weshalb er gern für Kinder spielt, dass er als Schneemann fast erstickte und wie er im Märchentheater Zeuselverbot erhielt.

Vincenzo Biagi schwimmt jeden Tag einen Kilometer, hier im Zumiker Hallenbad Juch.

Vincenzo Biagi schwimmt jeden Tag einen Kilometer, hier im Zumiker Hallenbad Juch. Bild: Michael Trost

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Mit 83 leben einige Menschen bereits im Altersheim. Sie stehen derzeit 6 bis 7 Mal pro Woche auf der Bühne. Wie schaffen Sie das?

Vincenzo Biagi: Ich treibe Sport, das bringt es einfach. Wenn möglich schwimme ich täglich einen Kilometer. Aber schön ruhig und konzentriert, «nöd jufle». Sport war stets wichtig für mich, ich brauche Bewegung. Auch zuhause bin ich immer tätig, etwa im Garten.

Spüren Sie keine Ermüdungserscheinungen?

Eigentlich nicht. Ich kann Texte noch gut auswendig lernen. Aber nie im Sitzen, ich muss immer gehen und die Rolle laut aufsagen, damit ich sie höre. Am besten klappts am Abend vor dem Einschlafen, dann sitzt am Morgen bereits einiges. Ich merke allerdings schon, dass ich älter werde: Bei ersten Proben bieten mir Junge jeweils einen Stuhl an (lacht).

Wollten Sie bereits als Kind Schauspieler werden?

Nein. Der Wunsch kam erst auf, als ich mit 13 im Internat den Rübezahl spielen durfte. Mit 11 hatte ich noch einen hohen Sopran und sang wie ein Wiener Sängerknabe. Mit 13 dann hatte ich den tiefen Bass von heute. Wie ging es weiter? Mit 17 absolvierte ich die Theaterschule in Zürich. Ich hatte das Glück, dass meine Mutter mich unterstützte. 1952, mit 20 Jahren, bekam ich mein erstes Engagement. Dann ging es immer weiter.

Sie spielten in unzähligen Theaterproduktionen, sprachen in Hörspielen und traten in Fernsehen und Kino auf. Welche Rolle bedeutet Ihnen besonders viel?

Nathan der Weise war grandios. Allerdings gab es unglaublich viel Text zu lernen. Unter anderem musste ich einen dreiseitigen Monolog halten. Das Publikum ganz allein zu fesseln war ein besonderes Erlebnis. Einmal jedoch verlor ich fast den Faden. Ein zugedröhnter Mann im Publikum schnarchte derart laut, dass ich den Text nur mit viel Konzentration zu Ende brachte. Souffleusen gab es damals noch nicht.

Wo spielen Sie am liebsten, im Theater, Kino oder Film?

Im Theater, das ist das Schönste, das es gibt! Live zu spielen, auf die Bühne zu treten und zu wissen, «jetzt gilts ernst», ist ein tolles Gefühl. Beim Fernsehen dauert es immer so lange, bis alles vorbereitet ist. Die Wartezeit ist länger als die Spielzeit. Dafür bin ich zu ungeduldig (lacht).

Was gibt Ihnen das Theater?

Es ist schön, die strahlenden Gesichter der Zuschauer zu sehen, ihnen Freude zu bereiten und ihre Reaktionen zu erleben. Aber auch die Zusammenarbeit in einem Ensemble ist fantastisch. Ich habe in der Schweiz nur nette Kolleginnen und Kollegen getroffen.

Sie spielten in vielen Märchenproduktionen für Kinder. Was bedeuten Ihnen Kinder?

Sehr viel. Ich komme wahnsinnig gut aus mit Kindern! Die Jungen und Mädchen aus der Umgebung kamen immer zu mir. Eigene Kinder habe ich beruflich bedingt nicht, aber zu meinen Nichten hatte ich eine enge Beziehung.

An die 1000 Mal haben Sie den Räuber Hotzenplotz gemimt und gesprochen. Ja, das war toll, Potz Pulverdampf und Pistolenrauch (lacht). Der Hotzenplotz ist ja «echli en Tubel», kein Böser. Deshalb mochten ihn auch die Kinder. Das Zusammenspiel mit ihnen war fantastisch. Manchmal wurden sie ein wenig vorwitzig, und wenn der Räuber Hotzenplotz sie dann bös anguckte, verstoben sie wieder.

Wieviel Biagi steckt im Hotzenplotz?

Etwa 50 Prozent (lacht). «Echli Poldere» braucht es einfach.

Hauen Sie auch privat mal auf den Tisch?

Schon mal, aber nur wenns nötig ist (lacht).

Werden Sie oft auf diese Rolle angesprochen?

Ja. In Griechenland wurde ich gar auf einem Floss im Meer von Kindern als Hotzenplotz erkannt. Es ist unglaublich!

Nervt Sie das manchmal?

Nein, ich erlebe es nicht als Belästigung. Die Schweizer sind freundlich und unaufdringlich.

Nach welchen Kriterien nehmen Sie eine Rolle an?

Ich schaue, dass sie meinem Typ entspricht, glatt ist und Spass macht. Ich spiele jede meiner Rollen gern, ob sie klein oder gross ist. Wenn ich einmal ablehnte, lag es meist nicht an der Rolle, sondern am Regisseur. Aber das kam selten vor.

Hatten Sie in all den Jahren je eine Auszeit? Einmal während vier Monaten, als ich gerade keinen Auftrag hatte. In dieser Zeit malte und malte ich – 135 Fensterläden (lacht). Nach dem 135. bekam ich einen Tennisarm.

Wie oft fehlten Sie bei Auftritten?

In 63 Jahren kein einziges Mal. Und ich habe manchmal monatelang jeden Tag an einem anderen Ort gespielt. Aber eine Absage kommt gar nicht in Frage. Einmal habe ich während einer Woche mit 40 Grad Fieber gespielt.

Welche Episode bleibt Ihnen in besonderer Erinnerung?

In einer Hotzenplotz-Produktion spielte ich einmal den Zauberer. Um Lichtblitze zu produzieren, präparierte ich mit Schwarzpulver meine Requisiten. Ich nahm immer ein bisschen mehr Pulver, bis eines Tages die Funken meinen Korb in Brand setzten. Danach durfte ich nicht mehr zeuseln. Ich habe aber auch viel Lustiges erlebt!

Zum Beispiel?

Als jemand Ines Torelli einen Streich spielte und etwas in den Suppentopf schüttete, den sie auf die Bühne tragen musste. Als sie damit herauskam, schäumte die Suppe derart, dass es den Deckel hob. Es hörte nicht mehr auf zu schäumen, und wir konnten nicht mehr vor Lachen.

Welche Pannen erlebten Sie?

Vor Jahren spielte ich in einer Aufführung der Zauberorgel den Schneemann. Ich hatte einen runden Schneemannkopf an, der mit Klettverschluss an meinem Kostüm befestigt war. Um den Hals war ein Schal geschlungen. Einmal nahm die Garderobiere das falsche Halstuch. Fünf Minuten vor meinem Auftritt begann es mich zu würgen, weil der Schal sich bei Wärme zusammengezogen hatte. Die Garderobiere musste mich in Windeseile auswickeln, ich konnte mich nicht selbst befreien.

Sie leben seit 1957 in Zollikerberg. Weshalb gerade da?

Die Lage ist ideal für mich. Ich bin schnell in Zürich oder Winterthur und lebe trotzdem ländlich. Im Dorf engagiere ich mich allerdings nicht so, es fehlt die Zeit.

Wie lange spielen Sie weiter? Solange alles funktioniert. Ich habe bereits ein nächstes Engagement in Aussicht.

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Erstellt: 07.02.2016, 15:55 Uhr

Infobox

Zur Person

Vincenzo Biagi kam am 3. April 1932 in Hünenberg zur Welt. Mit 17 absolvierte er eine Schauspielschule, mit 20 erhielt er sein erstes Theater-Engagement. Seither hat Biagi in zahlreichen Produktionen für Theater, Film und Kino gespielt und in unzähligen Hörspielen – darunter Globi und Kasperli – gesprochen. 20 Jahre lang war er Ensemblemitglied des Theaters für den Kanton Zürich und spielte in über 60 Produktionen mit. Bekannt wurde er mit seiner Rolle als Räuber Hotzenplotz und als Dominik Dachs in der Marionetten-Serie des Schweizer Fernsehens «Dominik Dachs und die Katzenpiraten». Aktuell ist Biagi im Lustspiel «Stägeli uf Stägeli ab» sowie dem Märchenmusical «Die Zauberorgel» im Zürcher Bernhard Theater zu sehen. Vom 6. Oktober bis zum 6. November wird «Stägeli uf Stägeli ab» wieder aufgeführt. Biagi ist seit 24 Jahren mit der Schauspielerin Ruth Bannwart verheiratet.?mbs

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