Infrastruktur

Finanzrisiko Gemeindesaal

Chränzli, Jahreskonzerte und Lottabende: Gemeindesäle waren früher die Treffpunkte eines vitalen Dorflebens. Heute bescheren sie den Gemeinden vor allem eines: finanzielle Verluste.

Einmal im Jahr ein grosses Konzert, dann wieder oft gähnende Leere: Die Gemeindesäle haben es finanziell schwer.

Einmal im Jahr ein grosses Konzert, dann wieder oft gähnende Leere: Die Gemeindesäle haben es finanziell schwer. Bild: Archiv Manuela Matt

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«Mit der Aula wird eine seit vielen Jahren bestehende Lücke im gesellschaftlichen und kulturellen Leben unseres Dorfes geschlossen.» Was nach einer Abstimmungspropaganda aus längst vergangenen Tagen klingt, ist die Abstimmungsempfehlung des Wollerauer Gemeinderats für die Gemeindeversammlung vom kommenden Mittwoch. Die Schwyzer Zürichsee-Gemeinde will seit Jahren ein neues Dorf- und Bildungszentrum für knapp 30 Millionen Franken realisieren. Das Projekt umfasst unter anderem Klassenzimmer und Gruppenräume für die Schule, einen Hort, ein Lernschwimmbecken und einen Saal mit 228 Sitzplätzen und einem Fassungsvermögen von 400 Personen.

Völlig überdimensioniert, zu teuer und ein zu grosses finanzielles Risiko für die Zukunft finden einige Stimmbürger und wollen deshalb die Reissleine ziehen. Sie reichten eine Initiative ein, um das Projekt zu kippen. Nun wird am 3. April an der Gemeindeversammlung konsultativ und im Mai definitiv an der Urne über den Projektstopp befunden.

Wollerau hat eine bewegte Vergangenheit mit Abstimmungen über Gemeindesäle. 2014 lehnte die Bevölkerung ein Projekt für einen Dorfsaal mit fast 1000 Plätzen ab. Deshalb betont Gemeinderätin Franziska Zingg (FDP) denn auch, dass der Saal im jetzigen Projekt nur ein kleiner Teil des neuen Dorf- und Bildungszentrums sei. Der laut Zingg für Konzerte und Chränzli gegnügend grosse Saal ausserhalb des Dorfzentrums muss aber ebenfalls in den kommenden Jahren erneuert werden. Das stört die Gegner des Projekts. Sie warnen vor langfristig ausufernden Bau- und Betriebskosten.

Kein Bedarf in Richterswil

Was drohen kann, wenn die Betriebskosten eines Saales die Einnahmen übersteigen, zeigt das Beispiel der Nachbargemeinde Richterswil. Die Gemeinde verkaufte 2017 das Hotel Drei Könige. Rauschende Feste würden in der «Chüngen» bereits seit Jahren nicht mehr gefeiert, argumentierte der damalige Gemeindepräsident Hans Jörg Huber (FDP). Viel Geld musste die Gemeinde jedes Jahr abschreiben. Ein Projekt für ein neues Kulturlokal in der Remise lehnten die Stimmbürger ab. Heute verfügt Richterswil zum Bedauern einiger Stimmbürger nur noch über einen grösseren Saal in Samstagern.

Aber auch dieser 250-plätzige Haaggeri-Saal schrieb 2017 ein Defizit von über 60'000 Franken. In Richterswil ist man sich dieser Situation bewusst: «Man muss sich heutzutage schon die Frage stellen, ob man grosse Säle in einer Gemeinde noch braucht», meint Gemeindeschreiber Roger Nauer. In Richterswil nutze man für Gemeindeversammlungen die Kirche «und wenn wir einmal mehr Platz bräuchten, dann würden wir die Versammlung einfach als Freiluftveranstaltung durchführen», fügt Nauer an. «Man muss einfach kreativ sein.»

«Man muss sich heutzutage schon die Frage stellen, ob man grosse Säle in einer Gemeinde noch braucht.»Roger Nauer, Gemeindeschreiber Richterswil

Im Juni befindet die Richterswiler Gemeindeversammlung über vier Varianten für eine Dreifachturnhalle. Eine Variante sieht nebst den Sporthallen auch eine Mehrzweckhalle vor. In Kürze will der Gemeinderat darüber informieren, welche Variante er bevorzugt. Roger Nauer lässt aber bereits jetzt durchblicken, dass der Gemeinderat keine zusätzliche Mehrzweckhalle realisieren möchte. «Ein Dorfsaal muss keinen Gewinn abwerfen, aber ein Nullsummenspiel müsste es schon sein.» Das wäre auch bei diesem Mehrzweckhallenprojekt nicht gegeben.

Wäre es nicht eine Möglichkeit, grössere Säle über die Gemeindegrenzen hinweg zu realisieren, um sie finanziell tragbar zu betreiben? Nauer winkt ab: «Ein Gemeindesaal ist etwas gemeindetypisches.» Er könne sich nicht vorstellen, dass die Bevölkerung für einen Richterswiler Anlass gerne nach Wädenswil oder Wollerau fahren würde.

Hoffen auf Aula Uetikon

Der Uetiker Gemeindepräsident Urs Mettler (parteilos) ist ein Verfechter einer überkommunalen Nutzung von Sälen – Konkurrenz ist für ihn in dieser Sache fehl am Platz. Die zukünftige Aula der Kanti Uetikon böte sich als Gelegenheit dazu an. Diese ist für 500 bis 700 Plätze konzipiert. Allerdings ist noch nicht klar, wer diese Aula bauen und unterhalten wird. Tatsache ist für Mettler, dass Uetikon unbedingt einen grösseren Versammlungsort benötigt als den heute genutzten Riedstegsaal, der bereits bei 300 Besuchern an seine Kapazitätsgrenzen stosse. «Das Bevölkerungswachstum verlangt nach einem Saal, in dem grössere Veranstaltungen und Konzerte durchgeführt werden können».

Was ein gemeinsames Projekt mit Uetikon auf dem Chemie-Areal am See betrifft, hat der Meilemer Gemeindepräsident Christoph Hiller (FDP) Vorbehalte. Eine Aula der neuen Mittelschule in der angedachten Grösse sei für eine solche Kooperation zu wenig. Aber bei einem grossen Dorfsaal wäre eine Kooperation mit Nachbargemeinden denkbar – mit einer Ausnahme: «Wir könnten unmöglich in Uetikon eine Meilemer Gemeindeversammlung abhalten.»

Saal soll nicht leer stehen

Meilen möchte im Zuge seiner Dorfkernentwicklung einen Saal bauen. Er soll bei Konzertbestuhlung 800 Besuchern Platz bieten. «Das entspricht dem Bedürfnis in einer 14'000-Einwohner-Gemeinde, die auch Bezirkshauptort ist», sagt der Gemeindepräsident. Derzeit verfügt Meilen nur über den Jürg-Wille-Saal im Gasthof zum Löwen mit maximal 320 Sitzplätzen. Die Gemeinde wolle dieses private Angebot nicht konkurrenzieren – im Gegenteil «Aus der Optik des Löwen könnte der Saal mit Banketten lukrativer genutzt werden als mit Generalversammlungen von Vereinen und anderen Veranstaltungen.»

Für das kulturelle Angebot, für Bedürfnisse der Vereine und auch für politische Versammlungen würde Meilen ein eigener Dorfsaal hingegen gut zu Gesicht stehen, sagt Hiller. Der Kostenproblematik bei der Bewirtschaftung sei er sich aber sehr wohl bewusst. «Ein Gemeindesaal soll nicht zwei-, dreimal im Jahr voll sein und sonst leer stehen.» Darum habe sich der Gemeinderat bereits viele Säle in der Schweiz angesehen und Betriebskonzepte geprüft.

Dasselbe wie ein Hallenbad

Einen eigenen Gemeindesaal hat Männedorf seit 2011. Finanziell ist das Projekt aber alles andere als rosig. Die Gemeinde schrieb 2017 ein Defizit von 235'000 Franken – keine Ausnahme in den vergangenen Jahren. «Der Saal trägt wesentlich zum lebhaften kulturellen Leben in unserer Gemeinde bei», sagt Gemeindepräsident André Thouvenin (FDP). Zum Defizit meint er: «Ein kommunaler Saal kann meines Erachtens – wie ein kommunales kleineres Hallenbad – keine volle Kostendeckung erreichen.»

Auch Hombrechtikon weist in der Jahresrechnung von 2017 für seinen Gemeindesaal Blatten ein Defizit von fast 200'000 Franken aus – und das obwohl sich hier auch die Kirchgemeinde an den Kosten des Saals mit fast 30'000 Franken beteiligt und die Gemeinde über die Kulturförderung noch über 10'000 Franken querfinanziert.

Neubau aus der Neuzeit: Gemeindesaal Männedorf. Foto: Christian Dietz

Ein Modell, das man auch ihm Sihltal verfolgt: Mit gar 100'000 Franken von Schule und Kultur querfinanziert wird die «Schwerzi» in Langnau. Dank der internen Verrechnung verbucht ­dieser Saal für 2018 ein Defizit von «nur» knapp 120'000 Franken. Die roten Zahlen erstaunen hier besonders deshalb, weil das benachbarte Adliswil seit vielen Jahren – und ebenso vielen Diskussionen – über keinen eigenen Stadtsaal mehr verfügt und manch ein Veranstalter deshalb, wenn auch nur ungern, nach Langnau ausweicht. «Wir wollen am Schwerzi-Saal als wichtigen Begegnungsort aber festhalten», sagt Christian Kruse, Leiter Liegenschaften der Gemeinde Langnau. Diese Funktion werde höher gewichtet als das Defizit. Die Gemeinde investiert in kleineren Tranchen regelmässig Geld, um den ordentlichen Unterhalt der Infrastruktur sicherzustellen. In diesem Jahr werden für 90'000 Franken die Eingangsfronten ersetzt und energetisch saniert.

Millioneninvestition nötig

Was es bedeutet, wenn die Infrastruktur eines Stadtsaals richtig in die Jahre kommt, erlebt Rapperswil-Jona. Für den «Kreuz»-Komplex aus den 1980er Jahren mit einem Restaurant, Seminarräumen und dem 580-plätzigen Hauptsaal musste die Stadt 2006 7,5 Millionen Franken in die Hand nehmen. Das reichte nur für knapp zehn Jahre. Eine «Pinselrenovation» wurde deshalb 2016 angedacht – doch diese artete in eine weitere grundlegende Erneuerung aus. Wieder verschlingen die Sanierungsmassnahmen 2019 fast eine Millionen Franken. In Rapperswil-Jona hat sich eine Redewendung deshalb längst eingebürgert: Die Stadt hat ein Kreuz mit dem Kreuz. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 29.03.2019, 21:27 Uhr

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