Zumikon/Männedorf

Filmer Erich Schmid thematisiert Zürcher Polizeigewalt

Mit «Staatenlos» hat der Zumiker Regisseur Erich Schmid seinen neuesten politischen Dokumentarfilm geschaffen. Er zeigt das Leben des Pressefotografen Klaus Rózsa – im Spiegel der Zürcher Polizeigewalt. Am Sonntag läuft der Film in Männedorf.

Der Zumiker Erich Schmid arbeitet seit den 80er-Jahren als Filmschaffender.

Der Zumiker Erich Schmid arbeitet seit den 80er-Jahren als Filmschaffender. Bild: zvg

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Schreiende Menschen – da die Demonstranten, dort die Polizisten. Qualm, der sich durch die Strassen wälzt. Wasser, das im harten Strahl über Köpfe hinwegpeitscht. Knallereien: Das Zürich von heute erlebt selten solche Szenerien. Und doch waren sie eine Realität, vor noch nicht allzu langer Zeit.

Dass sich nun aber langsam die Patina des Vergessens über die Ereignisse rund um die Jugendunruhen legt – dem will der Zumiker Regisseur Erich Schmid mit seinem neuesten Film entgegnen. «Staatenlos» heisst dieser und zeigt, wie die Limmatstadt zwischen den späten Siebziger- und frühen Neunzigerjahren im Brennpunkt öffentlicher und politischer Auseinandersetzungen gestanden hat.

Aus Ungarn geflüchtet

Schmid, bekannt durch zahlreiche politische Dokumentarfilme («Surava», «Meier 19»), macht dies, indem er dem Zeitdokument ein persönliches Schicksal unterlegt. Inmitten des Strudels von Aufmärschen jugendlicher Aktivisten und Grosseinsätzen der Polizei hebt er den Pressefotografen Klaus Rózsa hervor. Auf ihn als Protagonist seines Films bezieht sich das titelgebende Adjektiv.

Aus Ungarn nach dem niedergeschlagenen Aufstand 1956 geflüchtet, blieb ihm in der neuen Heimat Zürich die Einbürgerung verwehrt. Er, der mit seiner Kamera die Polizeigewalt festgehalten hatte, war den Behörden ein Dorn im Auge. Am Sonntag nun präsentiert das Männedörfler Kino Wildenmann den Film in einer Matinee, in Anwesenheit von Schmid und Rózsa.

Aufwendige Bildmontage

«Rózsa steht für eine aussergewöhnliche Biografie, wie es sie heutzutage in der Schweiz nicht mehr viele gibt», erklärt Schmid. Jude mit ausländischen Wurzeln und politisch links denkend: Das sei ein dreifaches Handicap für den Fotografen im Zürich vor gut 40 Jahren gewesen, sagt der Zumiker. Der Umgang von Polizei und Behörden mit Rózsa sei rassistisch motiviert gewesen, ist der Filmemacher überzeugt. «Wäre er Schweizer, bürgerlich eingestellt, katholisch oder reformiert – ihm wäre nichts passiert.»

Passiert ist ihm aber eine ganze Menge. Davon, von den Konfrontationen mit der Macht in der Limmatstadt, erzählt der inzwischen 63-jährige Rózsa in dem Film. Oft sitzt oder steht er dabei an den Orten des Geschehens. Friedlich und unschuldig wirken diese heute. Doch die Montage der Bilder, welche die Interviewsituation von 2016 mit den Originalaufnahmen aus der Zeit der Unruhen parallel setzt, hebt den Schleier des Vergessens auf. Zitate aus Polizei- und Gerichtsakten fügen sich mit Rózsas Erzählungen zusammen. «Zwei Jahre hat die Montage im Schnittraum gedauert», erklärt Schmid die aufwendige Filmsprache.

Juristischer Streit um Film

Zugrunde liegen dem Werk unter anderem bisher unveröffentlichte Dokumente der Zürcher Stadtpolizei und 160 Manuskriptseiten Interview mit Rózsa. Letzteres hat sich nicht nur um die Zürcher Erlebnisse Rózsas gedreht, sondern auch um seine frühere Geschichte: so etwa um den Vater, der die Konzentrationslager Dachau und Auschwitz überlebt hat. Um die Quälereien im Internat, die der junge Klaus erlitten hat. Etwa 1978 lernten sich dann der Fotograf und der Filmemacher kennen – Letzterer damals noch als Journalist beim «Tages-Anzeiger» tätig.

Die Darstellung der Perspektive von Rózsa mag einseitig wirken. Indes zeige er mit den Polizeifilmen auch die andere Seite, sagt Schmid. Zudem war es seine Intention, alle Verantwortlichen von damals zu Wort kommen zu lassen. Doch er musste geharnischte Reaktionen erfahren – vorab vom ehemaligen Stadtpräsidenten Josef Estermann (SP). Dieser hatte die Ablehnung von Rózsas drittem Einbürgerungsgesuch unterzeichnet. Seine Stellungnahme hierzu liess er mittels richterlicher Verfügung aus dem Film schneiden. Ein Verhalten, das den 70-jährigen Schmid in seiner Heftigkeit überrascht hat. «Ich habe mit mehr Distanz zur eigenen Geschichte gerechnet.»


«Staatenlos» läuft am Sonntag, 30. April, 11 Uhr, im Kino Wildenmann in Männedorf; in Anwesenheit von Erich Schmid und Klaus Rózsa. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 29.04.2017, 09:56 Uhr

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