Feiern auf Zimmerlautstärke

Die Zürichsee-Schifffahrts­gesellschaft lud zur ersten Silent Party auf dem See ein. Gefeiert wurde auf dem MS Pfannenstiel – wider Erwarten ging es ganz leise zu und her.

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Die Begriffe «Leise» und «Feier» sind für mich nur schwer vereinbar und des­­wegen bin ich gespannt, was mich erwartet, als ich am Freitagabend das MS Pfannenstiel be­trete. Die Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) veranstaltet an die­sem Abend die erste Silent Party auf dem Zürich­see. Die heutige Veranstaltung ist die erste der neuen Traumschiff-Reihe «Silent-Party-Schiff» der ZSG. Vom Bürkliplatz aus geht die Fahrt bis auf Höhe Wädenswil/Männe­dorf und wieder zurück. Kurz nach acht werden die Türen geschlossen, und das Schiff legt ab.An Bord des Schiffes schaue ich mich erstmals um. Was die anderen Gäste anbelangt, könnte ich in einem x-beliebigen Club in Zürich sein. Rund 50 junge Leute sind anwesend, ein paar wenige Pärchen, die meisten sind mit ihren Freunden hier. Keiner meiner Mitpassagiere, mit denen ich ins Gespräch komme, wusste vor dem Betreten des Schiffes, was eine Silent Party genau ist. Felix Hess ist mit seiner Kollegin extra aus St. Gallen angereist: «Unter dem Begriff Silent Party konnten wir uns nicht wirklich etwas vorstellen. Die Idee von einer Party ohne laute Musik hat uns aber neugierig gemacht.»

Musik aus dem Kopfhörer

Auf dem MS Pfannenstiel wird, wie es scheint, an diesem Abend nicht nur auf laute Musik verzichtet; ich höre gar keine Musik. Und das, obschon die DJs bereits hinter den Mischpulten stehen. Da entdecke ich bei einigen Gästen ein spezielles Accessoire: farbig leuchtende Kopfhörer.

Die Geräte stammen von der Firma Silentparty.ch, einem auf Silent Partys spezialisierten Un­ter­nehmen. Auch ich be­komme ein Paar Kopf­hörer überreicht und das Konzept der Silent Party erklärt. Es funktioniert folgendermassen: Drei DJs spielen den ganzen Abend Musik verschie­dener Stilrichtungen. Die Musik dröhnt aber nicht wie sonst üb­lich aus Boxen in den gesamten Raum, sondern wird ausschliesslich an eben diese Funkkopfhörer weitergeleitet. Ich kann selber auswählen, welchen Kanal oder welchen DJ ich hören will, indem ich einen kleinen Schalter am Kopf­hörer bediene. Wechsle ich den Kanal, wechselt auch die Farbe meiner Kopfhörer. Gelb steht für House-, Weiss für Latin-Musik, und Violett verspricht Hits der vergangenen Jahrzehnte. Ausserdem kann ich die Laut­stärke selber einstellen.

Das Schiff wird zur Tanzfläche

Die Kopfhörer funktionieren in jeder Ecke des Schiffs, rein theoretisch ist also das ganze Schiff eine Tanzfläche. Die anderen Gäste sind sich schon am Aufwärmen. Zuerst wird mit dem Kopf genickt, dann ein bisschen auf der Stelle hin und her gewippt. Auf Höhe Kilchberg dreht das erste Paar schon Pirouetten, spätestens ab Horgen ist die Mehrheit der Gäste auf der Tanzfläche. Die Stimmung ist ausgelassen. Jetzt will auch ich mein Silent-Partying-Potenzial austesten. Nachdem ich meine anfängliche Angst, mich zu blamieren, überwunden habe, macht das Ganze sogar Spass. Ich drehe die Lautstärke auf. Die Kopfhörer halten alle anderen Geräusche von mir fern; aus­ser der Musik höre ich nichts, ein bisschen fühlt es sich an, als wäre ich in einer Blase. Erst nach einiger Zeit realisiere ich, dass ich beim letzten Lied laut mitgesungen habe.

Genug getanzt fürs Erste. Ich gehe zur Bar und beobachte das Treiben etwas aus der Ferne. Nimmt man die Kopfhörer zwischendurch ab, hat eine Silent Party auch für Schaulustige einiges zu bieten. Wie bis vor kurzem auch noch ich selber, bewegen sich die Passagiere zur Musik aus ihren Kopfhörern. Jetzt, ohne Kopfhörer, ergeben für mich aber keine dieser Bewegungen wirklich Sinn. Denn alles, was im Raum zu hören ist, sind das arrhythmische Stampfen der Ab­sätze auf dem Holzboden und das ruhige Geplauder der übrigen Gäste. Vor mir ist ein Paar ganz auf seinen Salsa-Tanz konzentriert. Doch anstelle von lateinamerikanischen Klängen er­klingt eine A-cappella-Version von «Everybody» der Back­street Boys, welches die Gruppe neben ihnen zum Besten gibt. Wie auf Kommando setzt ein Drittel der Anwesenden plötzlich zu einer Choreografie an. Anscheinend läuft auf dem violetten Kanal «Macarena».

Jeder entscheidet selbst, welche Musik läuft

DJ Petar und DJ Yvan von Swiss DJ feuern die Tanzwütigen weiter mit Hits und Latin-Rhythmen an. Für die House-Musik zuständig ist heute Abend DJ Mr. Da-Nos. An Silent Partys aufzulegen, sei eine andere Erfahrung, als in Clubs oder an Festivals zu spielen, erzählt mir der Win­ter­thu­rer. «Normalerweise be­stimmt der DJ den ganzen Abend lang, welche Musik läuft. Hier kann jeder selber entscheiden, was er wann und wie laut hören will.» Für ihn sei dieses Konzept aber eine willkommene Abwechslung, und er fühle sich zusätzlich angespornt, dem Publikum eine gute Show zu liefern, sagt Mr. Da-Nos.

Um halb elf neigt die Feier sich langsam dem Ende zu. Während das Schiff am Bürkliplatz einläuft, ertönt aus meinen Kopfhörern «W.Nuss vo Bümpliz» von Patent Ochsner. Nahezu alle meine Mitpassagiere setzen beim Refrain ein. Hie und da klingt es etwas schräg, nicht alle sind textsicher oder nüchtern, doch gesungen wird inbrünstig und aus voller Kehle. Mit der Zimmerlautstärke ist es jetzt vorbei.


Die nächsten Silent Partys der ZSG finden am 13. April und am 26. Oktober statt. Weitere Infos unter www.silent-party-schiff.ch. (zsz.ch)

Erstellt: 25.02.2018, 14:06 Uhr

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