Küsnacht

«Es wäre anmassend zu sagen,dass wir immer richtig handeln»

Kurt Giezendanner ist Präsident der Kesb des Bezirks Meilen. Im Interview erzählt er, warum manche Eltern froh sind, wenn die Kesb ihre Kinder fremdplatziert.

Kurt Giezendanner leiter die in Küsnacht beheimatete Kesb des Bezirks Meilen seit ihrer Gründung im Jahr 2013. Er ist Sozialarbeiter und Jurist.

Kurt Giezendanner leiter die in Küsnacht beheimatete Kesb des Bezirks Meilen seit ihrer Gründung im Jahr 2013. Er ist Sozialarbeiter und Jurist. Bild: Michael Trost

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Vor drei Jahren haben die Gemeinden in dieser Zeitung die Höhe der Kosten für die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) kritisiert. Wie haben sich die Finanzen entwickelt? Kurt Giezendanner: Wir verzeichnen einen Anstieg an Fallzahlen. Die Kosten haben in den letzten Jahren kontinuierlich leicht zugenommen. Deswegen haben wir seit Anfang Jahr 100 Stellenprozent mehr.

Was läuft falsch, dass die Kosten steigen? Nichts. 2014 war es ein Thema, dass die Kesb mehr als das alte System der Vormundschaftsbehörde kostet. Zwischenzeitlich hat sich die Kesb etabliert und wird von den Gemeinden akzeptiert. Das gilt auch für die Kosten. Natürlich reagierten die Kommunen gerade im Hinblick auf die Budgets 2017 verhalten auf die neue Stelle. Offene Kritik gab es aber nicht. Im Bezirk Meilen haben wir den Vorteil, dass hier viele wohlhabende Personen leben. Die Entschädigung für einen von der Kesb eingesetzten Beistand wird aus dem Vermögen bezogen, sofern dieses gross genug ist. Erst wenn jemand nicht bezahlen kann, gehen die Kosten zulasten der Wohnsitzgemeinde. Das entlastet die Bezirksgemeinden.

Kurz nach Weihnachten 2014 brachte eine Mutter ihre Kinder um, um sie nicht wieder ins Heim bringen zu müssen. Haben die Leute nach diesem sogenannten Fall Flaach auch im Bezirk Meilen anders auf die Kesb reagiert? Ja. Die Reaktionen, die wir hatten, waren natürlich nicht so heftig wie in Winterthur, wo daraus Bedrohungssituationen gegen Mitarbeitende entstanden sind. Das gab es bei uns so nicht, aber die Zahl der Beschwerden stieg damals an. Das Misstrauen nahm zu, während der Respekt gegenüber der Behörde und ihrer Aufgabe sowie die Akzeptanz der Entscheide sank. Mitarbeitende kriegten zudem im privaten Umfeld zu hören: Was, du arbeitest bei der Kesb, suchst du etwas Neues? Es gab Leute, die teilweise im privaten Umfeld nicht mehr sagten, wo sie arbeiten. Kündigungen gab es deswegen nicht.

Haben Sie in der Kesb Meilen nach dem Fall Flaach etwas im Umgang mit Ihren Klienten geändert? Die Weisungen, die das Gemeindeamt nach der Veröffentlichung des Untersuchungsberichts herausgab, werden selbstverständlich vollumfänglich umgesetzt, beispielsweise bei den Kindesvertretungen. dass das Kind in den Verfahren einen eigenen Vertreter hat, hat mehr Gewicht bekommen: Man schaut genauer, wann ein Kind einen solchen braucht. Das hat aber auch Konsequenzen für die Kosten.

Wie beurteilen Sie die neue Anlaufstelle Kindes- und Erwachsenenschutz (Kescha), die Kesb-Betroffene unabhängig berät? Ich finde die Kescha als Beratungsstelle gut. Sie bietet Vermittlung an, wenn es darum geht, einen Rechtsanwalt einzuschalten, und erklärt die Funktionen und Aufgaben einer Kesb. So kann sie Konfliktsituationen durch Erklären entschärfen.

Sie haben im Vorfeld des Gesprächs von einer Anspruchshaltung der Kesb gegenüber gesprochen. Wie äussert sich diese? Es wird teilweise Druck ausgeübt, dass wir als Kesb eine Lösung finden müssen. In unserer Gesellschaft setzt sich immer mehr eine Haltung durch, dass jedes Problem eine Lösung braucht. dass etwas nicht optimal, aber auch nicht lösbar ist, wird immer weniger akzeptiert. Ein Beispiel: Leute fühlen sich etwa gestört durch einen Nachbarn, der laut ist und eventuell auch eine beginnende psychische Erkrankung hat, aber bei dem die Eintrittsschwelle, bei der die Kesb handeln muss, noch lange nicht erreicht ist. Da wird gelegentlich mit Nachdruck von uns verlangt, etwas zu tun.

Mit Gefährdungsmeldungen kann die Bevölkerung die Kesb auf Menschen aufmerksam machen, die im Leben nicht mehr zurechtkommen. Werden diese in Nachbarschaftsstreitigkeiten als Mittel der Diffamierung missbraucht? Nicht als Diffamierung. Nachbarn meinen eine solche Meldung häufig wirklich ernst.

Es ist also nicht Böswilligkeit? Nein, Menschen wenden sich an die Kesb aus Sorge um ihre Mitmenschen. Aber es gibt anonyme Gefährdungsmeldungen, die aus Boshaftigkeit eingereicht werden. Zum Glück ist das selten, bisher vielleicht viermal.

An der Goldküste leben viele Menschen in Führungspositionen. Hat die fordernde Haltung damit zu tun? Verglichen mit anderen Bezirken werden oft Anwälte beigezogen, die die Leute vertreten. Das ist mit ein Grund, weshalb gegen unsere Entscheide öfters Beschwerde erhoben wird. Das hat im Gegensatz zur Zeit vor der Kesb leicht zugenommen. Durch die Anwälte werden die Verfahren aufwendiger, teilweise wird erbittert gestritten.

Wie gross ist die Angst vor Obhutsentzügen bei den Eltern? Wenn Eltern das erste Mal in Kontakt mit uns sind, ist die Angst, dass das Kind weggenommen wird, oft ein Thema. Dies wird im Gespräch thematisiert und erläutert, wann ein Kind weggenommen werden muss. Die Eltern erkennen dann, dass die Voraussetzungen nicht erfüllt sind, und atmen auf.

Wann gibt es denn einen Obhutsentzug? Im neuen Recht sprechen wir vom Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts. Dieses muss den Eltern entzogen werden, wenn sie ihr Kind nicht so betreuen und fördern können, dass es sich gut entwickelt. Häufig sind es mehrere Faktoren. Bis es so weit kommt, müssen alle weniger schwerwiegenden Massnahmen versucht worden sein. Platzierungen sind für mich die letzte Lösung. Denn wenn die Familie nicht wirklich dahintersteht und mitwirkt, ist es schwierig, erfolgreich zu sein. Und es sind hohe Kosten damit verbunden, die es ebenso zu berücksichtigen gilt. Manchmal sind die Eltern aber auch mit einer Platzierung einverstanden.

Was sind das für Fälle? Am häufigsten müssen wir Jugendliche platzieren, meist nur für kurze Zeit. Dies kann sechs oder zwölf Monate dauern und dann heben wir die Massnahme wieder auf. Es sind Fälle, in denen die Kinder beispielsweise morgens nicht aufstehen, die Schule nicht mehr regelmässig besuchen, für die Eltern nicht mehr führbar sind und sich aggressiv verhalten. Dann sagen Eltern teilweise: Es geht nicht mehr.

Die Kesb Meilen hat 336 private Mandatsträger eingesetzt. Wie können Sie sicherstellen, dass diese qualifiziert sind? Im Erwachsenenschutz werden private Mandatsträgerinnen eingesetzt, es handelt sich vor allem um Familienmitglieder, etwa Nachkommen, die für ihre Eltern die Beistandschaft führen. Wir holen Betreibungsregisterauszüge ein und verlangen einen Strafregisterauszug. In einem Eignungsgespräch legen wir den Leuten ihre Aufgabe dar. Sechs Wochen nach Einrichtung der Beistandschaft müssen sie ein Inventar über das vorhandene Vermögen einreichen. Schon daran, wie ein solches Inventar erstellt wird, sehen wir, ob die Person geeignet ist, die Aufgabe pflichtbewusst zu erfüllen. Zudem müssen die Beistände jährliche Berichte einreichen, die vom Revisorat der Kesb geprüft werden.

Wie hoch sind denn die Vermögen, die Sie im Bezirk Meilen verwalten? Insgesamt werden etwa 500 Millionen Franken durch Beistände verwaltet. In Einzelfällen können es hohe zweistellige Millionen­beträge sein.

Solche Summen können Begehrlichkeiten wecken. Wie reagieren Sie bei einem Verdacht? Im Falle eines begründeten Verdachts auf Missbrauch wird der Beistand sofort seines Amts enthoben und soweit gerechtfertigt nach eingehender Prüfung angezeigt.

Gibt es solche Fälle? Die Fälle, die wir haben, sind in der Familie passiert. Das ist schade, weil das heutige Erwachsenenschutzrecht die Familie stärken will. In einem Fall konnten wir durch sofortiges handeln Schaden verhindern.

Angesichts der weitreichenden Kompetenzen der Kesb bewegen Sie sich auf einem schmalen Grat. handeln Sie immer richtig? (denkt nach) Wir handeln und entscheiden immer so, wie wir es mit dem jeweiligen Kenntnisstand für richtig halten und wir es rechtlich und moralisch vertreten können. Es wäre anmassend zu sagen, dass wir immer richtig handeln. Ob es richtig war, zeigt sich manchmal erst im Nachhin­ein. ()

Erstellt: 25.02.2017, 09:08 Uhr

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