Stäfa

Es lebe der Quader – was einen das Geschenke-Einpacken lehrt

Nie gehen im Stäfner Spielwarengeschäft Prinzli so viele Geschenke über die Theke wie vor Weihnachten. Unser Autor versucht sich in der Kunst des Einpackens.

Autor Frank Speidel beim Geschenke-Einpacken im Spielwarengeschäft Prinzli in Stäfa.

Autor Frank Speidel beim Geschenke-Einpacken im Spielwarengeschäft Prinzli in Stäfa. Bild: Moritz Hager

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Voller Ehrfurcht bestaune ich den Bob, der über dem Eingang hängt. Wie ein Kletterer, der zum ersten Mal vor der Eiger-Nordwand steht, studiere ich das unförmige Spielgerät. Die Steilwand hat gefährliche Stellen, an denen der Bergsteiger aufpassen muss. Der Bob hat ein Lenkrad, an dem das Geschenkpapier reissen könnte.

Der Bob ist Teil des Sortiments des Stäfner Spielwarengeschäfts Prinzli. Dort wage ich einen Selbstversuch im Geschenke einpacken. «Ich kann jede Hilfe gebrauchen», sagt Geschäftsinhaberin Doris Kälin ein paar Tage zuvor am Telefon. «Sie können mir dann zeigen, wie man es richtig macht», schlage ich vor. Doch Kälin sagt: «Am besten werfe ich Sie ins kalte Wasser. Sie dürfen gleich zu Beginn selber Geschenke einpacken.»

Ein Werkzeug für Profis

Da stehe ich nun im Prinzli. Für den Sprung ins kalte Wasser hat mir Doris Kälin eine von den Dimensionen her grosse, vom Technischen her aber lösbare Aufgabe bereitgestellt: Eine Schachtel, 100 auf 80 auf 25 Zentimeter, schätze ich. Der Inhalt: Eine Autorennbahn. Um das Geschenk komplett einzupacken, muss das Papier aus zwei Bahnen zusammengesetzt werden. Das Zuschneiden, Zusammenfügen und Einpacken gelingt – ich gebe zu: auch dank Doris Kälins Hilfe.

Das Mäschlimachen mit der Schere erweist sich für den ZSZ-Redaktor anfänglich als schwieriges Unterfangen.

Ungeschickter stelle ich mich beim Mäschli an. Damit es sich kringelt wie eine Locke, ziehe ich die Schere mit der Aussenkante über die Innenseite des Bands. «Wenn Sie die scharfe Klinge der Schere dafür verwenden, wird diese stumpf», erklärt Kälin. Mehrmals bearbeite ich das Band bis es einigermassen gelockt ist. Es gelingt mir mehr schlecht als recht. Dann kommt das Werkzeug zum Zug, das einen Amateur, wie ich es bin, wie einen Profi aussehen lässt: Der sogenannte Spleisser. Er zerteilt das Mäschli in feine Streifen. Das Spleissen gelingt. Ebenso wie das Aufkleben des Mäschlis am Geschenk. Stolz betrachte ich mein Werk. Da schiesst mir plötzlich die Frage in den Kopf, ob ich denn überhaupt das Preisschild entfernt habe. Glücklicherweise habe ich. Aber die Frage wird mir an diesem Nachmittag noch ein paar Mal einen Schrecken einjagen.

Staunendes Göttimeitli

Als ich mit meiner zweiten Aufgabe beschäftigt bin – zwei Puppen in rosafarbenen Verpackungen sollen in ein Geschenk verwandelt werden –, sticht mir das Modell eines Tyrannosaurus Rex ins Auge. Er steht auf dem Regal gegenüber. Den muss ich mir später genauer ansehen, denke ich mir, bevor ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die beiden Puppen richte. Sie zeichnen sich durch eine ausserordentliche Haarpracht aus, die auf jede erdenkliche Weise frisiert werden kann. Als ich die Puppen gerade fürs Einpacken bereitlege, steht plötzlich mein Göttimeitli vor mir. Mit ungläubigem Blick schaut sie mich an. Irgendwie hat sie erfahren, dass ihr Götti im Prinzli gerade Geschenke einpackt. Das wollte sie mit eigenen Augen sehen.

«Wenn Sie die scharfe Klinge der Schere dafür verwenden, wird diese stumpf.»Geschäftsinhaberin Doris Kälin

Ein Globibuch und ein Zauberkasten werden mir später von Doris Kälins Mitarbeiterin Marianne Wegmann anvertraut. Sie zeigt mir einige Tricks, mit denen das Einpacken besser gelingt. So finde ich auch heraus, warum mir die Locken an den Mäschli nicht gelingen wollten: Ich habe sie mit zu viel Kraft bearbeitet. Der Druck zwischen Daumen und Schere muss nicht gross sein, damit sich das Band kringelt. Den Kniff werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Höchster Schwierigkeitsgrad

Inzwischen können sich meine Geschenke durchaus sehen lassen, denke ich in einer ruhigen Minute und will den T-Rex und vor allem seine Zähne genauer studieren. Da reisst mich schon die nächste Aufgabe aus der Träumerei heraus. Eine junge Kundin kauft einen Radiergummi und einen sehr weichen Spielball. «Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk?», frage ich. «Es ist fürs Wichteln», lautet die Antwort. Also wähle ich das richtige Papier mit entsprechenden Motiven drauf.

Im Stäfner Spielwarengeschäft Prinzli gibt es vor Weihnachten viel zu tun.

Eine Kundin wartet in der kleinen Schlange, die sich gebildet hat und schaut mir beim Einpacken zu. Ihr Blick ist milde. Als ich auch ihr Geschenk sorgfältigst verpackt habe, verabschiedet sie sich mit den Worten: «Schön gemacht.» Das Lob hebt meine Stimmung. Demütig macht mich aber sogleich wieder der Gedanke, dass ich an dem Nachmittag vor allem quaderförmige Geschenke eingepackt habe. Ich erinnere ich mich an den einpacktechnisch furchteinflössenden Bob, der über dem Eingang hängt, da erzählt mir Marianne Wegmann vom Spielzeug-Kinderwagen. Froh, dass dieser Kelch an mir vorbeigezogen ist, verlasse ich wenig später das Spielwarengeschäft.





Erstellt: 13.12.2019, 11:51 Uhr

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