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«Es ist meine Pflicht, mich mit der Politik zu beschäftigen»

Lukas Bärfuss, preisgekrönter Autor, hat auf Boldern gelesen und mit dem Publikum diskutiert. Er beleuchtete unterschiedlichste Erfahrungen – von der Lektüre Robert Walsers über die Liebe zum Theater bis zum Selbstverständnis als Zeitgenosse.

Der Schriftsteller Lukas Bärfuss gab in Männedorf auf Boldern Einblick in seine Biographie.
Der Schriftsteller Lukas Bärfuss gab in Männedorf auf Boldern Einblick in seine Biographie.
Manuela Matt

«Plumpe Verwechslungskomödien, grob gezimmerte Schwänke», dargeboten auf den Bühnen ländlicher Gasthöfe: Es war eine bescheidene Welt des Theaters, mit welcher der Schüler Lukas Bärfuss in Berührung kam. Heute, 45-jährig, ist er einer der bedeutendsten Schriftsteller der Schweiz – nicht zuletzt dank zahlreichen Theaterstücken. Ob und wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, davon handelt sein Essay «Offenbarung».

Am Donnerstagabend hat er es in Männedorf auf Boldern vorgetragen. Dies im Rahmen der Veranstaltungsreihe «literarisch boldern». Die Spurensuche zu Bärfuss‘ Liebe für das Theater führte indes weg von den Volksbühnen. Deren Milieu, geprägt von Auftritten der Jodlerchöre, von Stumpenqualm und Tombolas, bei denen es «Schinken im Brotteig und Brezeleisen zu gewinnen gab», schilderte der gebürtige Thuner in langen, atemlosen Sätzen – und in einer geradezu filmischen Präzision. Sie führt den Zuhörer auch zielsicher in das unmittelbare familiäre Milieu des Protagonisten.

Die Rolle der Mutter

Dort nämlich vermutet der heutige Theaterautor und Träger des Schweizer Buchpreises 2014 den Grund für sein Streben zum Drama. Genauer gesagt, «in jenen Nachmittagen kurz vor vier Uhr», wenn sich bei der Mutter eine Metamorphose vollzog. Glitzernde Kostüme, Schminke und Givenchy-Parfüm machten aus der Hausfrau und Mutter die «Königin der Nacht» aus der «American Bar». Just aber der letzte Schritt der Verwandlung blieb dem betrachtenden Sohn verwehrt: Die Mutter am Tresen stehen – das durfte er nicht sehen. Zur Offenbarung ist es nicht gekommen – eine Erfahrung, die sich ihm im Schaffen für das Theater wiederhole.

2015 ist dieser Text erschienen, vereinigt mit 23 weiteren Essays aus dem Band «Stil und Moral». Bei den Kritikern fand insbesondere das dem Buch den Titel gebende Essay Beachtung. Bärfuss spricht darin den Leser direkt an, seine Lektüre sei eine «moralische Sauerei». Angesichts des Elends auf der Welt gehe es nicht an, sich mit der schönen Literatur zu beschäftigen. Diese schonungslose Adressierung an den Leser sorgte für Kontroversen.

Schock durch Walser

«Stil und Moral» hat Bärfuss am Donnerstag nicht gelesen, dafür zum ersten Mal öffentlich «Der Augenblick der Sprache». Darin zeigt er auf, wie essenziell für ihn selber die Literatur ist: Nichts Geringeres als der Schlüssel zu den Geheimnissen der Welt. Und so sollte auch Robert Walsers Roman «Räuber» 1994 sein Wissen vermehren. Nach zwölf Seiten Lektüre der Schock: «Es gibt Leute, die aus Büchern Ansatzpunkte fürs Leben herausheben wollen», stand da. Für diese Sorte Leute schreibe er, Walser, nicht. Da habe er sich persönlich angesprochen gefühlt, gestand Bärfuss, als würde er die Fassungslosigkeit von damals von Neuem durchmachen. Da es bei Walser offenbar nichts zu Lernen gab, habe er sich den 1956 verstorbenen Dichter im Erleben erschlossen.

Die Aussage, dass man von Walser nichts lernen könne, finde er schockierend, sagte einer der gut 30 Anwesenden, nachdem Moderator Hans Strub die Diskussion eröffnet hatte. «Walsers Liebesgedichte, die Erfüllung im Unerfüllten suchen, haben mich fasziniert», begründete der Zuhörer seine Sicht. Bärfuss stimmte zu und präzisierte, dass Walser kein anwendbares Wissen vermittelt habe. Hingegen könne man im begehrenden Schreiben viel von ihm lernen.

«Friede als Gnade»

Bärfuss wäre nicht Bärfuss, würde er nicht seine Meinung zur Lage der Welt und zur Schweizer Politik einbringen. Er tat dies auch am Donnerstag, jedoch erst nach Aufforderung von Strub. «Nur wer seine Freiheit gebraucht, ist frei», zitierte er aus der Präambel der Bundesverfassung. «Es ist meine Pflicht als Bürger, mich mit der Politik zu beschäftigen.» Zudem sei geschichtliches Bewusstsein wichtig, resümiert er. «Denn Friede ist eine Gnade.»

Nächster Anlass von «literarisch boldern» mit Leta Semadeni, Trägerin des Schweizer Literaturpreises 2016. Sonntag, 18. Juni, 17 Uhr.

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