Männedorf

«Es ist eine Illusion, das Gesundheitswesen als Markt zu betrachten»

Die von der Clienia angekündigte Aufhebung des sozialpsychiatrischen Angebots in Männedorf hat heftige Reaktionen ausgelöst. Der ehemalige SP-Kantonsrat Markus Brandenberger aus Uetikon erklärt, warum der Entscheid so hohe Wellen wirft.

Markus Brandenberger hat am kantonalen Psychiatriekonzept von 1998 mitgearbeitet. Dessen Grundideen der Sozialpsychiatrie hält er auch heute für zeitgemäss.

Markus Brandenberger hat am kantonalen Psychiatriekonzept von 1998 mitgearbeitet. Dessen Grundideen der Sozialpsychiatrie hält er auch heute für zeitgemäss. Bild: Manuela Matt

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Die von der Clienia angekündigte Verlagerung der Tagesklinik und des sozialpsychiatrischen Angebots von Männedorf nach Wetzikon und Uster stösst auf grosse Kritik. Auch Sie haben sich bei uns gemeldet. Warum?
Markus Brandenberger: Seit meinem Rückzug aus dem Kantonsrat äussere ich mich nur noch punktuell öffentlich. Ich habe mich aus dem gleichen Grund gemeldet, der auch viele andere verstimmt hat: Die Behauptung, dass weiterhin sozialpsychiatrisch gearbeitet wird.

Aber der Standort wir ja nicht ganz aufgehoben. Statt der Tagesklinik und des sozialpsychiatrischen Ambulatoriums soll in Männedorf eine Gruppenpraxis entstehen.
Das hat die Clienia angekündigt. Mit einem medizinischen Angebot allein ist es aber nicht getan. Fakt ist, dass die Tagesklinik und das sozialpsychiatrische Ambulatorium ab Juni nur noch in Wetzikon und Uster angeboten werden sollen. Dabei ist eine gute Erreichbarkeit der gesamten Institution der wichtigste Bestandteil des sozialpsychiatrischen Konzepts überhaupt.

Warum aber ist die Erreichbarkeit der Institution so zentral?
Psychisch kranke Menschen leben oft ein enorm kompliziertes Leben. Wie sie den Alltag meistern, ist für Uneingeweihte meist schwer vorstellbar. Deshalb müssen die Hilfestellungen möglichst einfach erreichbar sein.

Was umfasst denn die Sozialpsychiatrie genau?
Man geht davon aus, dass psychische Erkrankungen nicht an einem Punkt festgemacht werden. Es ist immer ein Zusammenspiel von biologischen und psychischen Faktoren und dem sozialen Umfeld. In der Sozialpsychiatrie arbeiten deshalb Fachleute aus verschiedenen Disziplinen zusammen: Ärztinnen, Therapeuten, Sozialarbeiter, Arbeitsagoginnen. Gemeinsam wird versucht, für und mit den Kranken eine optimale Lösung zu finden. Dies muss gemeindenah, vernetzt erfolgen.

«Orientieren wir uns an den Stärksten, kommt es zu einer Ausgrenzung der Verletzlichsten.»

Sie kritisieren, dass die Gesundheitspolitik seit Jahren das kantonale Psychiatriekonzept nicht mehr in den Fokus stellt. Was meinen Sie damit?
Das Konzept, auf das heute noch referiert wird, stammt aus dem Jahr 1998. Es basiert auf den Grundideen der Sozialpsychiatrie. Der Kanton Zürich wurde in fünf überschaubare Regionen eingeteilt, wobei man sich auch an den bestehenden Kliniken orientierte. In den letzten Jahren wurden nun aber Regionen zusammengelegt. Im Raum Winterthur-Unterland etwa ist ein riesiges Gebiet entstanden. Da kann man nicht mehr von Sozialpsychiatrie sprechen.

Nun ist aber Männedorf in diesem Konzept bereits dem Oberland zugeschlagen. Also ist diese Konzentration auf Wetzikon nicht kreuzfalsch.
Wenn man von den Regionen redet, stimmt das schon. Aber man hat ursprünglich auch im Interesse der Nähe von einer weiteren Unterteilung in Sektoren gesprochen. In Anlehnung an diese ist zuerst das Psychiatriezentrum Wetzikon, dann dasjenige von Uster und zuletzt jenes von Männedorf entstanden. Die Idee dafür stammte übrigens von den damaligen Chefärzten des Oetwiler Schlössli und des Kreisspitals Männedorf.

Die Zeiten wandeln sich, und damit auch die Konzepte. Ist die Sozialpsychiatrie überhaupt noch zeitgemäss?
Der Sozialpsychiater Klaus Dörner hat einmal gesagt, dass wir uns am Schwächsten und nicht am Stärksten orientieren müssen. Ich teile diese Einschätzung. Orientieren wir uns am Stärksten, kommt es zu einer Ausgrenzung und Konzentration der Verletzlichsten – eine für alle Beteiligten unerträgliche Situation. Die Idee der Sozialpsychiatrie bleibt zeitgemäss.

Noch einmal: Bringt es wirklich etwas, wenn sich x-Fachleute mit einem einzigen Erkrankten auseinander setzen?
Es geht darum, gemeinsam Hilfestellungen zu suchen, Ressourcen zu erschliessen, die ein gutes Leben möglich machen. Eine gute Begleitung hilft mit, eine allfällige nächste Krise besser zu bewältigen. Das spart auf allen Ebenen Kräfte.

«Ich finde die Schlussfolgerung des Regierungsrats ein wenig perfid.»

Der Regierungsrat argumentiert in seiner Antwort zur Anfrage des Meilemer SP-Kantonsrat Hanspeter Göldi, dass die Auslastung der drei heutigen Tageskliniken Männedorf, Uster und Wetzikon mit knapp 80 Prozent zu gering sei. Er folgert daraus, dass der Bedarf am tagesklinischen Angebot zu klein sei. Was sagen Sie zu dieser Schlussfolgerung?
Ich finde sie ein wenig perfid. Die Realität ist, das für tagesklinische Angebote – bedingt durch Schwankungen in der Nachfrage, Halbtagesaufenthalte und die Fluktuation – die Belegung nicht das einzig entscheidende Kriterium sein kann. Das sagt noch wenig aus über den Bedarf. Mindestens ebenso wichtig ist die Erreichbarkeit. Vergleiche mit dem stationären Bereich sind nicht angebracht. Das Problem ist die Leistungsabgeltung durch die Sozialversicherungen. Der Regierungsrat spricht es in seiner Antwort indirekt an, indem er auf den hohen Subventionsbedarf für den psychiatrischen Vorsorgebereich hinweist.

Worin besteht für Sie das Hauptproblem?
Es ist eine Illusion, das Gesundheitswesen als Markt zu betrachten. Spitäler reagieren auf ökonomischen Druck oft mit Mengenausweitungen. Sie schaffen sich zum Beispiel ein Gerät an und behandeln mehr Patienten. Dieser Wettbewerbsgedanke stört mich. Er mag bei einem Halux-Wahl-Eingriff funktionieren. Aber in Notsituationen funktioniert er nicht. Kranke Menschen in einer akuten Krise können die Angebote nicht auswählen.

Was wäre die Alternative?
Den Verantwortlichen in Spitälern und Gesundheitseinrichtungen zugestehen, dass sie eine gute Leistung erbringen. Von sich aus, und nicht aufgrund einer künstlich erzeugten Wettbewerbssituation.

Nun gibt es aber mit dem Bund, den Krankenkassen und den Sozialversicherungen noch ganz andere Akteure als den Regierungsrat.
Ich sehe die ganze Komplexität. Es ist schwierig, hier den Durchblick zu erhalten. Aber man muss sich bewusst sein, dass es primär darum geht, Gesundheitsleistungen zur Verfügung zu stellen. Das ist ein Solidarakt und darf nicht rein über kommerzielle Überlegungen gesteuert werden.

Kommen wir zurück zum tagesklinischen Angebot. Bei welcher Auslastung würden Sie einen Schlussstrich ziehen?
Ich weiss nicht, ob man das mit einem Prozentsatz zum Ausdruck bringen kann. Die Clienia ist hier nicht allein. Massgebend sind die Bedürfnisse jener, die sich nicht als Kundinnen und Kunden das passgenaue Angebot aussuchen können, sondern schlicht auf professionelle Hilfe angewiesen sind, die niederschwellig zugänglich ist.

Erstellt: 26.01.2018, 16:38 Uhr

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