Stäfa

Die Revoluzzer vom Zürichsee

Der Name wirkt altbacken. Da unterschätzt man die Lesegesellschaft Stäfa. Sie hat einen Funken ausgelöst, der auf Kanton und indirekt auch auf die Schweiz übersprang. In diesem Jahr wird die Lesegesellschaft 200 Jahre alt.

Auf diesen Seiten ist die Gründung der Lesegesellschaft Stäfa vom 6. Juni 1819 niedergeschrieben. Präsident Richard Diethelm (links) und der ehemalige Leiter des Ortsmuseums, Werner Liechti, haben das kostbare Vereinsbuch aus dem Archiv geholt.

Auf diesen Seiten ist die Gründung der Lesegesellschaft Stäfa vom 6. Juni 1819 niedergeschrieben. Präsident Richard Diethelm (links) und der ehemalige Leiter des Ortsmuseums, Werner Liechti, haben das kostbare Vereinsbuch aus dem Archiv geholt. Bild: Michael Trost

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Lesen ist die Befreiung aus der Unmündigkeit. Volksbildung ist Volksbefreiung. Diese Schlachtrufe des Pädagogen und Schriftstellers Heinrich Zschokke aus der Aufklärung zu Beginn des 19. Jahrhunderts trafen in Stäfa auf fruchtbaren Boden. Am 6. Juni 1819 gründeten 26 Männer die Lesegesellschaft Stäfa.

Im Gegensatz zur Erstgründung ein Vierteljahrhundert zuvor erstickte diesmal keine politische oder gar militärische Macht die Vereinigung im Keim. Das hatte Folgen – für den Kanton Zürich, zum Teil auch für den späteren Bundesstaat Schweiz, ganz sicher für Stäfa: seit 200 Jahren.

Viele Leute mit Bildung

Für Richard Diethelm, seit 2012 Präsident der Lesegesellschaft, war Stäfa der ideale Boden für die Vereinigung. Nicht nur war das Weinbauerndorf mit rund 3000 Menschen gross, wenn man bedenkt, dass die Stadt Zürich damals nur 10'000 Einwohner zählte. Vielmehr sprach die gesellschaftliche Zusammensetzung für einen geistig-kulturellen Aufbruch. In Stäfa lebten nämlich nicht nur Bauern, sondern auch Ärzte, Handwerker, Wirte und frühe Formen von Unternehmern sowie ein Landschreiber und ein Untervogt. «Im Gegensatz zu manchen anderen Landschaften im Kanton Zürich waren hier häufig Leute anzutreffen, die gebildet, belesen und gut situiert waren», sagt er.

1819 war die Zeit der Restauration nach dem Zusammenbruch von Napoleons Reich. «Da gab es Kräfte, die das Rad der Geschichte zurückdrehen und die alte Machtverteilung wiederherstellen wollten», erklärt Diethelm. Das liessen jene nicht zu, die bereits beim Stäfner Memorial 1794 aktiv waren. Es gärte zwar während der Restauration in der ganzen Landschaft. «In Stäfa jedoch am intensivsten.»

«Sie hatten etwas zu sagen»

Die 26 Gründungsmitglieder der Lesegesellschaft waren beseelt von der Aufklärung. Sie forderten gleiche Rechte für Bürger auf dem Land wie in der Stadt. Sie setzten sich ein für die Bildung – «eine echte Volksbildung mit der Förderung des Lesens und mit kulturellen Veranstaltungen», wie der Präsident betont. Und sie wollten etwas unternehmen, damit der Wohlstand in der breiten Bevölkerung etabliert wird. Wesentlich war auch ihr Bestreben, das kulturelle Erbe von Stäfa zu pflegen, was später in der Stäfner Chronik mündete.

Die 26 Gründer und die ersten Mitglieder der Lesegesellschaft bezeichnet Diethelm als Leute, die der ländlichen Oberschicht angehörten. «Sie hatten etwas zu sagen und sie waren von der Aufklärung, vom Liberalismus getragen.» Vier vor- und nachmalige Regierungsräte gehörten zu den Gründern. Die Lesegesellschaft abonnierte Zeitungen, die durch viele Hände gingen, aus denen auch öffentlich vorgelesen wurde. Aus diesem Kreis entsprang 1845 das «Wochenblatt vom Zürichsee», aus dem später die «Zürichsee-Zeitung» herausging. Diese Aura der Oberschicht hielt sich in der Lesegesellschaft bis in die 1970er-Jahre. «Die rund 130 Mitglieder vor fast 50 Jahren waren bürgerliche Leitfiguren im Dorf, unter ihnen Lehrer und Lehrerinnen, Pfarrer, Geschäftsleute und Weinbauern», erklärt Diethelm.

«Es gärte während der Restauration in der ganzen Landschaft. In Stäfa am 
intensivsten.»
Richard Diethelm, Präsident Lesegesellschaft Stäfa

Dann setzte der Wandel ein zu einem breit in der Bevölkerung verankerten Verein. Das sei Walter Kobelt zu verdanken. Der damalige Präsident begründete eine Konzertreihe, die durch Theateraufführungen ergänzt wurde. Die Lesegesellschaft wuchs auf über 1000 Mitglieder. Dazu kam der Aufbau der öffentlichen Bibliothek, auch ein Werk von Kobelt. Das machte aus einem elitären Verein einen Publikumsverein ohne politische oder konfessionelle Ausrichtung. Oder, wie es der Stäfner Alt-Nationalrat und Historiker Christoph Mörgeli einmal zusammenfasste: «Die Lesegesellschaft hat sich vom ideologischen Gesinnungsverein zum ideellen Kulturträger entwickelt.» Heute ist die Lesegesellschaft ein Verein aus allen Gesellschaftsschichten mit rund 850 Mitgliedern.

Was bleibt nach 200 Jahren von den Ideen der Gründerväter? Richard Diethelm hält inne. Es ist einer der Momente, in denen er sich bewusst wird, Teil einer Ahnengalerie zu sein, in der jeder Präsident zwei Verantwortungen trägt: Das Bisherige bewahren und das Kommende ahnen. Jetzt spricht er langsamer. «Die Lesegesellschaft hat sicher zur Demokratisierung beigetragen und zwar kantonsweit.» Heute seien zwar die politisch-demokratischen Anliegen erfüllt. Aber die Förderung des Lesens bleibe ein ewiger Auftrag, manifestiert durch die Bibliothek.

Kultur vor der Haustüre

Wichtig bleibe ein Grundanliegen: Den heranwachsenden Generationen müsse vermittelt werden, wie die Menschen hier früher lebten. Darum führt die Lesegesellschaft seit 1947 ein Ortsmuseum. Die Herausgabe des 2007 erschienenen Buchs «Stäfa wohnen, arbeiten, mitreden leben» sei eine moderne Fortsetzung der Stäfner Chronik. «Das zeigt, wie stark wir uns nach wie vor den Gründungsgedanken verpflichtet fühlen», sagt Diethelm. Stäfa wiederum habe, nicht zuletzt dank der Lesegesellschaft, den Geist von der Aufklärung und Chancengleichheit bewahrt. «Typisch liberale Anliegen haben hier bis heute einen guten Nährboden gefunden.»

Er glaubt, dass die Lesegesellschaft zum guten Image, zur Lebensqualität und zur Eigenständigkeit von Stäfa beitrage . «Wir bieten solide Kultur von professionellen Künstlern vor der Haustüre. Das ist wichtig, wenn man mit der S-Bahn in nur 25 Minuten im Kulturzentrum der Schweiz ist.» Nebst der Pflege des geschichtlichen Erbes schaffe die Vereinigung mit ihren Anlässen immer wieder Begegnungen im Dorf. «Das wird gerade im Agglomerationsgürtel immer wichtiger als Mittel gegen die Anonymisierung der Gesellschaft.»

Auf die Menschen zugehen

«200 Jahre Lesegesellschaft Stäfa» sei ein Grund zum Feiern, obwohl für Diethelm Jubiläen nicht mehr dem Zeitgeist entsprächen. Aber sich einfach nur auf die Schultern zu klopfen und zu jubeln, «hey, wird sind 200 Jahre alt», sei ihm zu wenig für all den Aufwand, der betrieben werde. Da spürt er wieder die Verantwortung, als ob ihm die Ahnen die Hand auf die Schultern legten und ihn mahnten, ein gesellschaftliches, kulturelles und politisches Meisterwerk nicht erschlaffen zu lassen.

Die Lesegesellschaft werde in diesem Jahr zu den Menschen gehen. Ein musikalisches Freilichtspektakel im Spittel oder ein Rockkonzert für Kinder und Familien beim Gemeindehaus sowie ein interaktiver historischer Spaziergang durchs Dorf sollen die Lesegesellschaft im Jubiläumsjahr unübersehbar machen für jene, die sie für so selbstverständlich halten, dass sie kaum von ihr Notiz nähmen. Diethelm wirkt beinahe eindringlich, wenn er sagt: «Durch unser Jubiläumsprogramm wollen wir der Bevölkerung bewusst machen, was und wie viel ihr die Lesegesellschaft bietet.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 01.03.2019, 13:49 Uhr

Der Aufstand gegen die Stadt

Geschichte wiederholt sich, manchmal zum Guten, manchmal zum Schlechten. Im Fall der Lesegesellschaft Stäfa war es gut. Das erklärt, weshalb in diesem Jahr das 200-jährige Bestehen gefeiert wird obwohl es die Lesegesellschaft schon einmal zuvor gab. 1793 formierte sie sich in der Unzufriedenheit der Landschaft, die von der Stadt Zürich dominiert wurde. Ihr Ruf nach Gleichberechtigung, Handels-, Handwerks- und Bildungsfreiheit gipfelte 1794 im Stäfner Memorial. Diese Bittschrift passte der von den Zünften geprägten Herrschaft in der Stadt nicht. Sie liess die Initianten und den Verfasser des Memorials festnehmen und verurteilte sie im Jahr darauf zu mehrjähriger Verbannung oder hohen Bussen. Später befahl die Zürcher Obrigkeit gar die militärische Besetzung Stäfas. Die Lesegesellschaft wurde verboten.

Schon 1798 wendete sich das Blatt als Truppen von Napoleon die alte Ordnung stürzten und die Stäfner «Patrioten», die vom Geist der Französischen Revolution beseelt waren, befreiten. Die nachfolgende Staatsordnung der Helvetik verwirklichte die meisten Grundrechte, welche die mutigen Stäfner zuvor eingefordert hatten. Die Lesegesellschaft wurde jedoch erst wieder neugegründet, nachdem Napoleon von Preussen, Österreich, Russland und England militärisch besiegt war und der Wiener Kongress 1815 Europas Grenzen neu zog. Das rief Vertreter der alten Ordnung auf den Plan, um im Kanton Zürich wieder die aufmüpfige Landschaft in den Senkel zu stellen. Das war der Nährboden für die Neugeburt der Lesegesellschaft am 6. Juni 1819. (di)

Serie

200 Jahre Bildung und Kultur

Die Lesegesellschaft Stäfa feiert dieses Jahr ihren 200. Geburtstag als Verein. Sie hat mit ihrem gesellschaftlichen und kulturellen Wirken wesentlich die politische Entwicklung der Region und des Kantons Zürich beeinflusst. Die ZSZ begleitet das Jubiläum mit einer Artikelserie. (red)

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