Oetwil

Erinnerungen an ein vielschichtiges Künstlerleben

Zeitlebens hat die Künstlerin Helen Dahm ihre Existenz in Selbstporträts hinterfragt. Diesen Porträts widmet das Helen-Dahm-Museum in Oetwil seine neueste Ausstellung.

Sandi Paucic (von links), Regula Tischhauser und Ingrid Städeli haben die neueste Ausstellung mit Werken von Helen Dahm kuratiert.

Sandi Paucic (von links), Regula Tischhauser und Ingrid Städeli haben die neueste Ausstellung mit Werken von Helen Dahm kuratiert. Bild: Michael Trost

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Die Museumsleiterin erinnert sich gut: Eine beeindruckende Per­son sei die Künstlerin Helen Dahm gewesen. «Nur schon wegen­ ihrer äusseren Erscheinung.» Tonfall und Gesichtsausdruck von Regula Tischhauser verraten aber auch einen Anflug von Distanziertheit und Furcht. «Ich hatte gemischte Gefühle in ihrer Gegenwart.» Und doch seien etwa die Momente jeweils im Advent unvergesslich gewesen, wenn die Künstlerin ihre Wohnzimmerfenster weihnachtlich bemalt hatte.

Die Erinnerungen der Oetwi­lerin an die eigenwillige Ehrenbürgerin ihres Heimatdorfes liegen Jahrzehnte zurück. Mittlerweile hat Tischhauser sich aber ein ganzes Stück an Dahm angenähert – oder zumindest an deren Hinterlassenschaft. Ist sie doch nicht nur Leiterin des Helen-Dahm-Museums in Oetwil, das seit zehn Jahren existiert. Sondern auch Präsidentin der gleichnamigen Gesellschaft, nachdem ihr Vater Christian Tischhauser, ein bedeutender Förderer der Künstlerin, diese 1986 begründet hatte. Nun hat sie als Co- Kura­torin neben Kurator Sandi Paucic und der zweiten Co-Kuratorin Ingrid Städeli die neueste Ausstellung organisiert.

Bezug zu Oetwil

Aus Anlass des 50. Todesjahres von Dahm findet diese zusammen mit dem Kunstmuseum Thur­gau statt: Jenes, in der Kartause Ittingen, besitzt viele und bedeutende Werke der Künst­lerin – einer gebürtigen Thurgauerin. So wird es ab morgen Sonntag eine umfassende Werkretrospektive von ihr zeigen.

In Oetwil hingegen fokussiert die gleichzeitig beginnende Ausstellung auf Selbstdarstellungen und biografischen Dokumenten der Künstlerin. Die Beschränkung auf diesen Ausschnitt des vielschichtigen Schaffens von Dahm ist zum einen den begrenzten Räumlichkeiten des Muse­ums in dem gut 500-jährigen Bauernhaus am Chile­rain geschuldet. Zum anderen habe man damit einen Bezug zu Oetwil herstellen wollen, erklärt Paucic. Hiesige Ausstellungsbesucher werden denn auch in den ausgelegten Zeitungsausschnitten und Fotografien die eine oder andere Dorfbegebenheit wiedererkennen, in welche die Künstlerin von der Aegertenwies involviert war.

Einbezug von Symbolen

Mit ihren gemischten Empfindungen gegenüber Dahm war Tisch­hauser offenbar nicht allein­. «Zu Kindern hatte Dahm ein heiss-kaltes Verhältnis», illus­triert Paucic. Möglicher­weise, weil sie selber nie geboren hat. Nichtsdestotrotz hat sie das Thema Mutterschaft durchaus beschäftigt – als künst­lerische Fragestellung, wie sich im Obergeschoss des Museums zeigt. Ein Selbstbildnis stellt sie da als Schwan­gere dar, umgeben von Lilien als Zeichen unbefleckter Empfängnis. «Symbolische Motive und Projektionen begegnet man häufig in ihrem Werk», erklärt Paucic. Auch Träume habe sie immer wieder verarbeitet.

Ihre Selbstporträts seien dar­um nicht als oberflächliche Wiedergabe eines Spiegelbildes zu ver­stehen, sondern als Reflexion über die eigene Existenz. Seelische Zustände würden sich Ausdruck verschaffen und den Porträts mitunter stark expressionistische Züge verleihen. Diese ständige Auseinandersetzung Dahms mit dem Ich und deren jeweils – je nach Lebensphase – verschie­dene Ausprägung macht ein Rundgang durch die beiden oberen Räume erfahrbar. «Besonders beeindruckend ist das Selbstbildnis, das neun Tage vor ihrem Tod entstanden ist», sagt Paucic zu dem Werk in der hintersten Ecke. In krakeligen Linien hat sich die damals 90-Jährige mit grünlichem und hohlwangigem Gesicht festgehalten.

Regional bekannt

Damit die Besucher die Ver­ortung der Bilder in der Biografie Dahms nachvollziehen können, bringen Briefe, Belege aus der Presse, persönliche Aufzeichnungen und weitere Dokumente aus dem Nachlass der Künstlerin eine zusätzliche Perspektive ein. In dieser Zusammenstellung lässt sich das künstlerische wie auch private Leben Dahms in seiner steten Suche nach dem Wesentlichen, aber auch in seiner Kompliziertheit und in seinem Aus­sen­sei­ter­tum erahnen. Letzteres hat nicht zuletzt mit Dahms bewusst gewählter Landflucht nach Oetwil zu tun. Der Rückzug sei auch ein Grund, weshalb die Künstlerin über die Grenzen des Zürcher Oberlands hin­aus kaum bekannt sei. Dies, obwohl sie sich bis ins hohe Alter mit den neuesten Kunstströmungen und dem Zeitgeschehen auseinandergesetzt hat. «Mit der Ausstellung wollen wir nicht zuletzt ihre Rolle neu beleuchten», erklärt Paucic.

Vernissage: Sonntag 16 Uhr. Die Ausstellung dauert bis Sonntag, 3. November 2019 (geschlossen wegen Winterpause von November 2018 bis 7. April 2019). Öffnungszeiten: samstags 13 bis 17 Uhr, sonntags 10 bis 13 Uhr. Chilerain 10, Oetwil. www.helen-dahm.ch. (zsz.ch)

Erstellt: 01.09.2018, 10:21 Uhr

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