Hombrechtikon

Er haucht Holzstücken Leben ein

Seit fast 40 Jahren arbeitet Thomas Meier als Drechsler. Er ist nach wie vor fasziniert von seinem Handwerk und will so lange wie möglich in der Werkstatt stehen. Dort stellt viele Dinge her – vom Notenständer bis zur Duftdose.

Drechsler Thomas Meier präsentiert in seiner Werkstatt in Hombrechtikon einen Holzstuhl – als Resultat seiner Arbeit.

Drechsler Thomas Meier präsentiert in seiner Werkstatt in Hombrechtikon einen Holzstuhl – als Resultat seiner Arbeit. Bild: Michael Trost

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Sorgfältig spannt er den viereckigen Holzblock in die Drechselbank ein. Als sein Meissel das rotierende Holz berührt, fliegt eine Salve aus Hobelspänen durch die Luft. Die Wolke legt sich auf die Holzlocken auf dem Werkstattboden und ergänzt sie um eine weitere Braunschattierung. Thomas Meier ist Drechslermeister. Seit bald 40 Jahren führt er auf dem elterlichen Hof in Hombrechtikon die Drechslerei Meier. Unter seinen Händen entstehen Stuhlbeine und Geländersprossen, Melkstühle und Notenständer, Pfeffermühlen und Spinnräder.

Es gibt fast nichts, was der bärtige Mann mit den weichen Händen im Laufe der Jahre nicht aus dem Rohstoff Holz geschaffen hätte. «Wir sind eine Adresse für besondere Wünsche.» Wir, das sind Thomas Meier sowie ein Lehrling.

Wie von Zauberhand

Der 61-Jährige wendet sich wieder seiner Arbeit zu. Behutsam hält er ein Werkzeug mit gewölbter Metallklinge ans mittlerweile abgerundete Holzstück: In Sekundenschnelle zieht sich eine Kerbe darum. Wie wenn ein Stein ins Wasser fällt und sich Kreis um Kreis ausbreitet erscheint Rille um Rille auf dem Holz. Fast liebevoll schabt Thomas Meier nun darüber, bis in der Mitte nur noch ein schmaler Stab übrig bleibt. Und wie von Zauberhand schält sich nach ein paar weiteren Handgriffen eine Form heraus, oben ganz schmal, und unten ausladend: ein Kreisel. Meier stoppt die Maschine, löst das Werkstück aus dem Holzklotz und schon dreht sich auf dem Tisch ein perfekt gleichmässiger Holzkreisel.

Echtes Handwerk: Meier bei der Arbeit an der Drehbank.

«Ich wusste schon früh, dass ich mit Holz arbeiten will», erzählt Thomas Meier. Der Rohstoff habe ihn fasziniert, weil er so vielseitig sei. Da er im Teenageralter bereits mit Rückenproblemen zu kämpfen hatte, kam eine Lehre als Schreiner oder Zimmermann aber nicht in Frage. Der Bauernsohn fand eine Lehrstelle bei einem Drechsler. Während der Ausbildung hätten sich hochspannende Zeiten mit repetitiven Phasen abgewechselt, erzählt Meier. Dennoch nahm es ihm den Ärmel rein: Schon wenige Jahre nach der Ausbildung richtete er auf dem Hof Breitlen in Hombrechtikon seine eigene Werkstatt ein.

Damals, Ende der 70er Jahre, waren Drechslerbetriebe noch sehr verbreitet. «Damals war Holz im Haushalt noch sehr gefragt.» Eine Firma etwa habe eigens für Franke-Küchen ein Holzrüstbrett angefertigt. «Andere drehten kubikmeterweise Teakholz zu Salatschüsseln.» Inzwischen sieht das anders aus: «Kunststoff ersetzte die Holzprodukte in der Küche», sagt Thomas Meier. Die Kunststofflobby habe Holz für unhygienisch erklärt. «Dabei weiss man heute, dass bestimmte Holzarten sogar antibakteriell wirken.» Meier schüttelt den Kopf.

Auch im Handarbeitsbereich schwand die Nachfrage nach gedrechselten Produkten in den letzten Jahrzehnten rapide: Spinnräder oder Holzknöpfe sind nicht mehr gefragt. Und Holzgeländer, wie sie früher von Drechslereien im Akkord hergestellt wurden, sind feuerpolizeilich meist nicht mehr erlaubt.

Doppelt so hoher Aufwand

Inzwischen gibt es in der Schweiz nur noch etwa 50 Drechslerbetriebe. Seit einiger Zeit ist das Handwerk aber wieder gefragter, sagt Meier. «Das zeigen die offenen Stellen.» Die Aufträge hätten wieder zugenommen. Es sind vermehrt solche von Privatkunden, die Sonderanfertigungen wünschen. Ein Rad für eine Holzliege. Gedrechselte Beine für ein Himmelbett. Holzgriffe für einen Handrasierer. Für das Opernhaus Zürich stellte die Drechslerei Meier kürzlich Cembalobeine her.

Aktuell arbeitet der Holzliebhaber an einem Zunftstab, den er exakt dem Original nacharbeiten muss. Zwar liebe er solche Herausforderungen, sagt der 61-Jährige. Aber der Aufwand dafür sei eigentlich zu hoch. «Ich arbeite für Aufträge oft länger, wie ich verrechnen kann.» Dennoch empfindet er seine Arbeit als sehr befriedigend: «Ich kann verschiedene Formen wählen, kreativ sein und abends habe ich oft bereits das Resultat meiner Arbeit in den Händen.»

Diese Freude am Beruf gibt der diplomierte Drechslermeister gerne weiter. Zum einen bildet er in seinem Betrieb Lehrlinge aus. Zum anderen unterrichtet er an der Berufsschule. Aktuell ist er zu etwa 15 Prozent an der Schule für Holzbildhauerei in Brienz angestellt. «Leider fehlt es uns an Nachwuchs», erzählt der Berufsschullehrer.

Derzeit befinden sich schweizweit nur fünf Personen in der Ausbildung zum Holzhandwerker Fachrichtung Drechslerei, wie der Beruf heute heisst. Noch in den 90er Jahren wurden vier Klassen mit 15 bis 20 Lehrlingen geführt. Ein Grund für den Rückgang seien wohl die mangelnden Weiterbildungsmöglichkeiten, vermutet Meier. Zudem gebe es nicht genügend Ausbildungsplätze. «Da einige der Betriebe nicht Vollzeit geführt werden, können sie allein keine Lehrlinge ausbilden.» Ein Modell, in dem mehrere Betriebe sich einen Lehrling teilen, soll Abhilfe schaffen.

Noch viele Ideen

Obschon die Zukunft seines Handwerks nicht rosig aussieht, lässt sich der Drechslermeister aus Hombrechtikon dadurch nicht die Freude an seinem Beruf verderben. Solange wie möglich wolle er noch in der Werkstatt stehen, erzählt er. «Ich habe noch viele Ideen.»

Und so wird er auch künftig an der Drehbank stehen, die Röhre ansetzen und Hobelspäne durch die Luft fliegen lassen.

Erstellt: 25.09.2018, 15:31 Uhr

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