Meilen

«Entscheiden ist eine eher überschätzte Tätigkeit»

Die Reformierte Kirche Meilen führt eine fünfteilige Veranstaltungsreihe zum Thema Entscheiden durch. Den Auftakt macht Peter Schneider. Die ZSZ hat dem Zürcher Psychoanalytiker dazu schon mal den Puls genommen.

Peter Schneider, Psychoanalytiker und Autor aus Zürich, ist der erste Gast der diesjährigen Meilemer Winterreihe.

Peter Schneider, Psychoanalytiker und Autor aus Zürich, ist der erste Gast der diesjährigen Meilemer Winterreihe. Bild: Archiv: Stefan Anderegg

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Warum haben Sie sich entschieden, an der Winterreihe der Reformierten Kirche Meilen teilzunehmen?
Peter Schneider: Weil ich schlecht Nein sagen kann, wenn mich ein Thema interessiert. In diesem Fall interessiert es mich wegen der Tatsache, dass Entscheiden eine in meinen Augen eher überschätzte Tätigkeit ist. Besonders einflussreiche Menschen nennt man «Entscheider». Entscheidungsschwäche, Zögern hält man für eine Schwäche. Entscheiden erscheint als ein Wert an sich.

Viele Entscheidungen fällen wir, ohne sie als solche noch wahrzunehmen. Mit anderen tun wir uns bewusst schwer. Geht das eigentlich allen so?
Vermutlich. Aber nicht jede Art von Entscheidung fällt allen gleich schwer oder gleich leicht. Darum kann es ja helfen, mit anderen Menschen über Entscheidungen zu diskutieren.

Die einen sind entscheidungsfreudig, andere weichen Entscheidungen aus. Wie lernt man, sich zu entscheiden?
Indem man sich ein digitales Denken in klaren Alternativen antrainiert, Komplexität möglichst reduziert und den Gedanken an unkontrollierbare Folgen ausblendet. Sie merken, ich bin nicht unbedingt der Meinung, dass man Entscheiden lernen muss. Natürlich muss manches entschieden werden und ist keine Entscheidung auch eine. Aber ich plädiere dafür, dem Zögern und der Ambivalenz ebenso einen Wert zu verleihen.

«Ich plädiere dafür, dem Zögern und der Ambivalenz ebenso einen Wert zu verleihen.»Peter Schneider

Inwiefern sind Entscheidungen in Ihrer Praxistätigkeit als Psychoanalytiker ein Thema?
In doppelter Hinsicht. Erstens: Freud hatte verlangt, dass der Patient während seiner Analyse keine lebenswichtigen Entscheidungen treffen sollte, die Analyse sollte in «Abstinenz» von Entscheidungen durchgeführt werden. Wegen der überschaubaren Dauer der damaligen Analysen war das eine durchaus machbare Forderung. Entscheidungen vereindeutigen ja, in der Psychoanalyse geht es aber um das Entdecken von Vieldeutigkeit. Zweitens: Die Psychoanalyse hat es in der Therapie unter anderem mit pathologischer Entscheidungsunfähigkeit zu tun, mit einer Lähmung der Entscheidungsfähigkeit selbst bei banalen Dingen, mit einer alles überschattenden Ambivalenz.

Welche Bedeutung messen Sie unbewusst gefällten Entscheidungen zu?
Eine grosse. Wir wären nicht lebensfähig, wenn unser Handeln die Folge von immerwährend gefällten bewussten Entscheidungen wäre. Aber es gibt eben auch das Phänomen, dass bewusst gefällt Entscheidungen unbewusst in einem, sagen wir; neurotischen Sinne beeinflusst sind. Man merkt das häufig daran, dass der Schuss nach jeder noch so gut gemeinten und vermeintlich sorgfältig abgewogenen Entscheidung regelmässig nach hinten herausgeht. Das könnte dann ein Fall für die Psychoanalyse sein.

Ein Entscheid von grösserer Tragweite kann zu einem bestimmten Zeitpunkt richtig sein, sich aber im Nachhinein als falsch herausstellen. Schön fies, nicht?
Ja, das ist uh gemein. Aber kaum zu vermeiden. Nicht nur die Situationen, in denen man ist, ändern sich, sondern auch unsere Interpretation der Situationen bleibt nicht dieselbe.

Entscheidungen sind ohne Bauchgefühl undenkbar - besonders, wenn es um Wichtiges geht. Warum?
Ich würde das Bauchgefühl nicht mystifizieren. Ich verstehe dieses Gefühl als den Ausdruck dessen, was der Philosoph Polanyi «implizites Wissen nennt». Ein Wissen, das man nicht kodifizieren kann. Es ist ein Wissen, das mit der Erfahrung wächst: Man weiss, dass etwas nicht gehen wird oder dass man etwas so und nicht so machen sollte, aber man kann dieses Wissen nicht auf angebbare Regeln oder klare Kenntnisse zurückführen.

Wann fällt man besser keine Entscheidungen?
Wenn der Computer einen fragt, ob man wirklich sicher ist, dass man dieses oder jenes nicht mehr rückgängig zu machende tun möchte. In einem solchen Fall sollte man am besten nur laut schreien und professionelle Hilfe holen.

Erstellt: 14.01.2019, 16:57 Uhr

Fünf Veranstaltungen

Ein Thema, von verschiedenen Seiten beleuchtet

Die Winterreihe der Reformierten Kirche Meilen widmet sich in fünf Veranstaltungen dem Thema Entscheiden. Den Auftakt bildet am Mittwoch, 16. Januar, das Gespräch mit Peter Schneider, das Pfarrerin Jacqueline ­Sonego Mettner mit ihm führt. Am Mittwoch, 23. Januar, geht es weiter mit dem Podium «Ethische Entscheidungen am Lebensende». Teilnehmer sind der Geriater Marcus Minder, Pflegefachfrau Christine Brandenberger und Pfarrerin Sonego Mettner. Das Podium leitet der Ethiker Matthias Mettner. Am Mittwoch, 30. ­Januar, ist der Alttestamentler Konrad Schmid von der Theologischen Fakultät der Universität Zürich zu Gast. Alle drei Veranstaltungen beginnen um 19.45 Uhr und finden im Meilemer Kirchen­zentrum Leue statt.

Am Samstag, 2. Februar, ­findet um 11 Uhr im Kunsthaus Zürich eine zum Thema passende Führung mit der Kunsthistorikerin Madeleine Witzig statt. An der letzten Veranstaltung, am 6. Februar, wird um 19.15 Uhr in der reformierten Kirche Meilen der Film «Le tableau noir» von Yves Yersin gezeigt. Anschliessend folgt ein Gespräch mit Kultur­journalist Christoph Schneider.

Weitere Informationen unter: www.kirchemeilen.ch

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