Herrliberg

Einst war er ein 68er, heute Millionär

Jürg Marquard war einst Teil der 68er-Bewegung, später wurde er zu einem erfolgreichen Verleger und Millionär. Mit der ZSZ sprach er über Macht, Politik und seine Zukunft.

Im Wohnzimmer der Villa Bella Vista hängt ein lebendgrosses Porträt von Jürg Marquard und Jimi Hendrix.

Im Wohnzimmer der Villa Bella Vista hängt ein lebendgrosses Porträt von Jürg Marquard und Jimi Hendrix. Bild: Moritz Hager

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Partylöwe, Jachtbesitzer, Jetsetter – der erfolgreiche Verleger Jürg Marquard gilt in den Medien als einer, der gerne zeigt, was er hat. Fährt man an seinem Domizil in Herrliberg vorbei, sieht man davon aber erstmal gar nichts. Einzig die Adresse und das massive Eingangstor lassen den Wohlstand erahnen, der hinter der uneinsehbaren Hecke verborgen liegt.

Marquards Villa «Bella Vista» thront hoch über dem Zürichsee und macht seinem Namen alle Ehre. In der perfekt gepflasterten Einfahrt parkt ein Rolls-Royce, in einem eigens für sie errichteten Glasanbau reihen sich schnittige Sportwagen aneinander. Trotz der anhaltenden Trockenperiode ist der Rasen vor der Terrasse tiefgrün.

Protagonist, kein Zaungast

Der Hausherr begrüsst die ZSZ in einem dunkelblauen Polohemd, weissen Hosen und Segelschuhen – nicht gerade so, wie man sich einen Alt-68er vorstellt. «Der junge Jürg würde mein heutiges Ich wohl als kapitalistischen Machtmenschen empfinden», sagt er, unterstreicht seine Worte mit einem trockenen Lachen. Ein Kommunist sei er nie gewesen, obwohl sein Vater ihn hin und wieder als solchen beschimpft habe. «Aber ich stand politisch schon weiter links als heute.»

Lebendgross blickt einem der junge Marquard von der Wohnzimmerwand an. Neben ihm kein Geringerer als Jimi Hendrix. Aufgenommen wurde das Bild 1968 als Hendrix im Hallenstadion gastierte. In Erinnerung geblieben ist das «Monsterkonzert» als Alptraum der bürgerlichen Autorität. Mit dem Magazin «Pop» hatte er zu jener Zeit den Grundstein für sein Verlagsimperium gelegt. Später sollten Zeitschriften wie «Cosmopolitan», «Shape» und «Joy» folgen und den Unternehmer in die Garde der Multimillionäre katapultieren.

«Meine Absicht war es damals nicht, reich zu werden», sagt er und ergänzt sogleich mit einem Augenzwinkern: «Mit der Zeit wurde ich natürlich schon ehrgeizig.» Marquard – das wird schnell klar – ist einer der sagt, was er denkt und vor keiner Frage zurückschreckt. «Man wirft mir heute gelegentlich vor, dass ich mich politisch zu wenig engagiere», sagt er und nimmt einen Schluck von seinem gespritzten Weisswein. Die Politik sei aber – bis auf die Liberalisierung der weichen Drogen – noch nie sein Hauptthema gewesen. Ganz im Gegensatz zur Musik: «Die 60er-Jahre waren für mich eine Befreiungsbewegung, ich war überzeugt von der revolutionären Sprengkraft der neuen Musikrichtung Pop.»

«Verdammt nochmal, das ist mein Leben – soll ich es verstecken, um anderen einen Gefallen zu tun?»Jürg Marquard

Seine ersten Artikel schrieb er als Lokalkorrespondent des Limmattaler Tagblatts für ein Zeilenhonorar von 30 Rappen. Später hatte er eine eigene Seite in der Frauenzeitschrift «Annabelle». Der Beruf des Journalisten genügte ihm aber auf die Dauer nicht. «Ich bin ein Mensch der nicht Zaungast sein möchte, ich stehe gerne in Mitten des Geschehens und will Dinge selbst gestalten.» Anfang 20 war er, als er mit «Pop» eine Marktlücke entdeckte – ohne sie bewusst gesucht zu haben. In «Pop», sagt er, steckte viel Herzblut. Die Zeitschrift sei ohne kommerzielle Hintergedanken entstanden – «weil ich mich der neuen Generation zugehörig fühlte und ihr eine Plattform geben wollte.»

Das Startkapital von 2000 Franken für die erste Ausgabe musste er sich von mehreren Freunden leihen. «Es gab viele Konkurrenzzeitschriften aber diese Verlagsprodukte hatten keine Seele.» Der Durchbruch gelang ihm, als er in den gesamten deutschsprachigen Raum expandierte und diese Konkurrenztitel aufkaufen konnte. Die ersten fünf Jahre habe er sich über den Erfolg von «Pop» gefreut. «Dann habe ich aber gemerkt, dass es mir nicht genügt eine Zeitschrift zu haben – ich wollte ein ganzes Zeitschriftenimperium.»

«Bescheidener Wohlstand»

Heute liegt der Schwerpunkt der Marquard Media Gruppe nicht mehr einzig im publizistischen Bereich. Marquard, der für seinen verlegerischen Ur-Instinkt bekannt ist, hat einige seiner Zeitschriften im richtigen Moment verkauft und das Unternehmen auf eine neue Basis gestellt. Statt den Ruhestand auf seiner Jacht zu geniessen, träumt der 73-Jährige aber davon, noch ein Unicorn, ein nicht börsenkotiertes Unternehmen mit einer Bewertung von einer Milliarde US-Dollar, auf die Welt zu setzen. «Das kann man nicht mit einer Zeitschrift oder einem Verlag erreichen – es könnte eine neuartige Applikation sein, die zum Beispiel etwas mit Gaming zu tun hat.»

Eine Expansion in den technischen Bereich: Marquard ist keiner, der sich auf seinen Lorbeeren ausruht. Seine Lebensleistung bezeichnet er als «okay», sein Vermögen aber als «nothing» im Vergleich zu Unternehmern wie Jeff Bezos (Amazon) oder Marc Zuckerberg (Facebook). Aber eigentlich möchte er sich nicht mit anderen vergleichen. «Das ist das beste Mittel um unglücklich zu werden.» Er brauche weder grössere Häuser noch grössere Jachten oder Flugzeuge. «Ich bin zufrieden, möchte einfach meinen bescheidenen Wohlstand geniessen», sagt der Mann dessen Vermögen das Wirtschaftsmagazin Bilanz auf 400 bis 500 Millionen schätzt.

Ein Leben im Luxus: Wie ist es, wenn man sich alles leisten kann? Fühlt sich der Kauf des zehnten Sportwagens noch gleich aufregend an wie beim ersten Mal? «Die Autos habe ich mir gekauft, als ich grosse Verluste einfuhr und mich finanziell einschränken musste», sagt er und da ist es wieder, das trockene Lachen. «Ich wollte eine grosse Jacht, musste mich dann aber mit dem Ferrari begnügen.» Dass er von den Medien häufig als Lebemann dargestellt werde, sei ihm egal. «Verdammt nochmal, das ist mein Leben – soll ich es verstecken um anderen einen Gefallen zu tun?»

«Ohnmacht ist mir zuwider»

Marquard lehnt sich im Ledersessel zurück, lässt den Blick nachdenklich durch den Raum schweifen. Seine Frau Raquel und er führen ein Jetset-Leben par excellence. Am Tag zuvor sind sie aus Sylt angereist, in wenigen Tagen geht es weiter nach Griechenland. Etwa einen Viertel seiner Zeit verbringe er am Zürichsee. «Ich wäre gerne mehr hier, ich liebe Herrliberg.» Einmal wurde er gar an einer Gemeindeversammlung gesichtet. Die Lust an der Politik sei ihm aber schnell wieder vergangen: «Es ging damals um eine neue Bauordnung, erst im Nachhinein habe ich erfahren, dass ich meine Stimme für etwas abgegeben habe, was eigentlich gar nicht so richtig in meinem Sinne war.»

Auch auf dem Meer, auf seiner Jacht fühlt er sich wohl. «Das Wertvollste was ich besitze, ist meine Unabhängigkeit.» Das Gefühl von Ohnmacht sei ihm zuwider. «Mir ist Macht insofern wichtig, dass ich nicht möchte, dass jemand Macht über mich hat.» Den Anker zu lichten und am nächsten Tag woanders aufzuwachen – diesen Luxus kann er sich als Self-made-man leisten. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 31.08.2018, 16:06 Uhr

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