Erlenbach

Einer, der nie stehen bleibt

Rund 3000 Werke hat der Künstler Hans Rudolf Weber in seinem Leben geschaffen. Und noch immer steht der 84-Jährige täglich in seinem Atelier.

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‹Chapf›. Die fünf stählernen Buchstaben stehen, zu einer Skulptur geworden, am Anfang der gleichnamigen Strasse in einem Wohnquartier hoch über Erlenbach. Schöpfer der Skulptur ist Hans Rudolf Weber. Nach ein paar Schritten öffnet sich der Blick auf ein Juwel zeitgenössischer Architektur, bestechend durch seine klare Formensprache. Zwei Maler sind gerade damit beschäftigt, eine Skulptur neben dem Eingang mit oranger Farbe anzustreichen. Hans Rudolf Weber tritt aus der Tür, bespricht sich kurz mit ihnen und führt dann ins Haus.

Das Haus hat der rumänische Architekt Alex Tirziu vor gut zwanzig Jahren für Weber gebaut. «Ich wollte ein Galerie- und Atelierhaus, in dem ich wohnen, arbeiten und ausstellen kann», erklärt der Hausherr. Im Keller befinden sich sein Atelier und die Lagerräume für seine Werke, die oberen Stockwerke sind eine Mischung aus Wohn- und Ausstellungsräumen. Immense Fensterflächen auf der Süd-und Ostseite geben den Blick frei in die Umgebung mit zahlreichen weiteren Skulpturen. So hat Weber gegen das Nachbargrundstück im Osten, das demnächst überbaut wird, eine der Natur nachempfundene, zwei Meter hohe Stahlhecke gebaut. Gegen Süden wiederum stehen zwei Figuren, eine in Schwarz, die andere in Gelb. «Man kann sich ein Paar vorstellen, das streitet», sagt Weber und lächelt ein wenig maliziös.

Plexiglas und Neon

Im Wohn-und Essraum hängen grossformatige Bilder, darunter ein Selbstporträt. Ocker, schwarz, weiss und grau sind die dominierenden Farben. Auch der Teppich, den Weber selber designt hat, ist in diesen Farben gehalten. Im Gang und im Wintergarten stehen und hängen schillernde Plexiglas- und knallige Neonskulpturen. Der Rechtsanwalt, der immer noch ein Büro und einige Mandate hat, setzt sich in einen Corbusier-Sessel und erzählt. Angeregt durch eine Ausstellung habe er anfangs der 1980er Jahre mit Aquarellieren begonnen und nach einigen Jahren auf Acryl gewechselt. Zwei Landschaftsansichten aus jener Zeit, eine vom Glärnisch und eine vom Hochmoor bei Rothenthurm, hängen im oberen Stock des Hauses.

Mit dem Fall der Berliner Mauer sei dann aber auch bei ihm eine Blockade gefallen und er habe angefangen, abstrakt zu malen.

Mit dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 sei dann aber auch bei ihm eine Blockade gefallen und er habe angefangen, abstrakt zu malen. Später kamen Skulpturen hinzu und neuerdings schafft Weber auch digitale Kunstwerke, zumeist ab selbst geschossenen Fotografien. Seine Kreativität habe sich langsam entwickelt, erzählt Weber. Als Anwalt sei er es gewohnt gewesen, genau zu arbeiten und ständig nach Lösungen für neue Fragestellungen zu suchen. Im künstlerischen Schaffen seien ihm diese Fähigkeiten zugute gekommen. «Man darf nie stehenbleiben, muss sich immer weiterentwickeln», beschreibt Weber den Antrieb seines Schaffens.

Nicht verewigen

Woher aber nimmt einer, dessen Werk eine so ungeheure Breite und Vielfalt aufweist, Ideen und Inspiration? Er habe ein grosses Bedürfnis, kreativ tätig zu sein, erklärt Weber. Und dann sei er viel in der Natur unterwegs, wo er sich entspannen und sich zu neuen Kreationen inspirieren lassen könne. Im Lauf der Jahre sind an die 3000 Werke entstanden, von denen Weber jetzt, mit 84 Jahren, einen Kernbestand festlegt: Rund 400 Werke, von denen er möchte, dass die Erben sie behalten. Doch der Künstler bleibt Realist: «Man kann sich nicht verewigen.» Zahlreiche, vor allem platzraubende Werke hat er denn auch übermalt, zerstört oder weggeworfen, manches verschenkt.

Aber noch immer ist Hans Rudolf Weber täglich am Kreieren neuer oder am Fertigstellen bestehender Werke. Dass der Anwalt zur Kunst fand, hatte seinen Grund auch in einer persönlichen Lebenskrise. «Eines Tages merkte ich, dass ich das bisherige Leben nicht mehr weiterführen konnte.» Sein Körper habe ihm signalisiert, dass Arbeitslast und Arbeitstempo ihm schadeten. Seine Bilder kann man in einer Handvoll öffentlicher Institutionen besichtigen, etwa im Altersheim Erlenbach oder im Kantonsspital Chur. In ein Museum hat es Weber bisher nicht geschafft, hierfür habe er wohl zu spät mit Malen angefangen und zu wenig Marketing in eigener Sache betrieben. Dafür hat er etwas, was nicht viele Künstler haben: Ein Museum als Zuhause.

Erstellt: 08.05.2019, 14:25 Uhr

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