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Eine Stunde Weihnachten feiern als grösster Wunsch

Weihnachten ist ein herausforderndes Fest – auch oder gerade für Patienten mit schwerer Diagnose. So verbindet eine Küsnachterin Weihnachten mit ganz unterschiedlichen Gefühlen – und einem innigen Wunsch.

Für Edith Klein* auf der Palliativstation des Spitals Zollikerberg hat Weihnachten keinen grossen Stellenwert mehr. Trotzdem würde sie gerne mit ihrer Familie feiern.
Für Edith Klein* auf der Palliativstation des Spitals Zollikerberg hat Weihnachten keinen grossen Stellenwert mehr. Trotzdem würde sie gerne mit ihrer Familie feiern.
Michael Trost

«Und danach zufrieden ins Spital zurück.» Edith Klein* sagt es mit leiser Stimme. Sie hält inne, lässt in Gedanken ihre Worte wirken. Da wechselt die eben noch glückliche Miene in einen sorgenvollen Gesichtsausdruck. «Vielleicht wird es aber auch schwierig. Vielleicht bekomme ich dann Heimweh.» Die 83-Jährige spricht über die baldige Weihnacht. Kleins Situation ist eine besondere: Sie ist eine der zehn Patienten, die derzeit auf der Spezialisierten Pflegestation des Spitals Zollikerberg liegen.

Hier werden schwere Krankheiten in nicht mehr heilender Absicht, sondern sogenannt palliativ behandelt. Die Linderung der Symptome steht im Zentrum. Klein leidet an einem Geschwür des Zwölffingerdarms. Dass sie palliativ versorgt wird, liegt an ihrem Wunsch, keine weitere Operation mehr über sich zu ergehen lassen. Bricht das Geschwür wieder auf, bedeutet dies demnach, dass der möglicherweise lebensrettende – aber auch risikoreiche – Eingriff nicht vollzogen wird. Doch ihr Aufenthalt auf dieser Abteilung muss nicht mit dem Tod enden. «Rund ein Drittel der Patienten verstirbt hier», sagt Katja Albrecht, Oberärztin und Palliativmedizinerin. Die anderen zwei Drittel würden in ein Pflegeheim oder nach Hause verlegt werden, wenn die Symptome gut eingestellt und erträglich seien.

Hoffen und Bangen

Sie fühle sich, als hätte sie das Damoklesschwert über sich, sagt Klein. Dass für die Küsnachterin Weihnachten eine andere Dimension erhält, versteht sich von selbst: Wo das Fest für viele Menschen Momente der Fröhlichkeit und der Geselligkeit bereithält, ist es für Patienten wie Klein mit widersprüchlichen Gefühlen verbunden.

Eigentlich, stellt sie nüchtern fest, habe Weihnachten keinen grossen Stellenwert. Zu viel Kommerz werde damit betrieben. Zu viel Scheinheiligkeit zelebriert, wo sonst auf der Welt so viel Schlimmes vor sich gehe. Und doch, in ihrer Familie sei das Fest immer schön gewesen. Da kippt ihr die Stimme. Das Persönliche, das wie eine Rückschau wirkt, lässt sie nicht unberührt. Ihr grösster Wunsch sei, «nur ein Stündli mit der Familie zu feiern.» Sie sagt es so, als würde sie diese eine Stunde dem Schicksal abbitten. Zufrieden wolle sie sein, wenn sie danach wieder ins Spital zurückzukehre – oder würde es doch schwer? Die Zerrissenheit zwischen Hoffen und Bangen ist ihr anzusehen.

Starker Wille

Das Zusammensein mit der Familie sei ihr so wichtig, weil sie vor kurzer Zeit erst mit der älteren Tochter Frieden schliessen konnte. Krankheiten und Schmerzen haben Klein ihr Leben hindurch begleitet. Da habe sie nicht immer eine liebevolle Mutter sein können.

Lange habe sie mit ihrem Schicksal gehadert. Dann aber, vor etwa zehn Wochen, «ging ein furchtbarer Prozess in mir los.» Eine Gürtelrose und eine Blasenentzündung machten ihr zu schaffen. Sie habe getobt, sich aufgelehnt. Bis sie das Bild auf einer Postkarte gesehen habe: Zwei Spuren im Sand, eine von grösseren, die andere von kleineren Füssen. «Jedes Mal, wenn meine Kraft nachgelassen hat, hast du mich getragen, und dabei sind deine Spuren tiefer geworden» habe es dazu geheissen. Warum gerade diese Karte sie beruhigt habe, kann Klein nicht erklären. Aber es sei ihr klar geworden, dass das Erlebte auch eine Lehre sei, dass sie die Menschen so annehmen müsse, wie sie seien.

Und immer wieder wirft sie ein, dass sie nicht auf dieser Station sei, um zu sterben. Tatsächlich assoziieren viele Aussenstehende die Palliativpflege mit der Dienstleistung eines Sterbehospizes – selbst ihre Schwester. Das machte Klein zu schaffen. Sie habe den starken Willen, wieder gesund zu werden. Ihr Weihnachtswunsch trägt sie hoffnungsvoll durch die Tage. Dennoch zeigt sich, dass ihr Optimismus nicht auf festen Mauern steht. Etwa, wenn sie doch noch aufs Sterben zu sprechen kommt und obwohl sie sagt, keine Angst mehr zu haben. Sie wisse sich in guten Händen, wenn es noch hier sein müsse, erklärt sie, und lobt das Pflegepersonal. Dann taucht ihr plötzlich eine Erinnerung auf: Das Eisfeld beim Hotel Sonne in Küsnacht. «Das möchte ich nochmal sehen.» Ihr Tonfall verrät jedoch, dass sie diesen Wunsch für unerfüllbar hält.

* Name von der Redaktion geändert

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