Stäfa

Eine Klangwolke über dem Spittel

Die Lesegesellschaft hat ihr 200-Jahre-Jubiläum mit einem Bläser-Openair-Konzert im Quartier Spittel gefeiert. Danach folgte eine Tavolata im Rössli und einige launige Reden.

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Glücklicher hätte Richard Diethelm am späteren Samstagnachmittag nicht sein können. Der Präsident der Lesegesellschaft Stäfa, die an diesem sommerlichen Junitag mit einem kostenlosen Openairkonzert ihr Jubiläumsjahr mit der Bevölkerung zelebriert, ist sichtlich entspannt und mehr als zufrieden, dass die angekündigten Gewitter erst viel später einsetzen werden. Im Spittelquartier, das 1819, im Gründungsjahr der Lesegesellschaft, bereits ein lebendiges Zentrum des Dorfes war, hat sich eine grosse Menschenmenge in den Gassen versammelt.

In Gruppen wird geplaudert und gelacht, die meisten kennen sich. Dann erfüllen von einem Dach erste Alphornklänge die Luft. Es ist ein spezielles Modell, das der Bläser in den Händen hält und im Takt der Töne hin- und herschwingt. Da, diametral in der anderen Richtung, ertönt ein zweites Alphorn von einem Balkon, ein drittes fügt sich in den Melodiereigen ein. Das Trio gehört zum Echo vom Zürihorn, das das Quartier in eine erste Klangwolke hüllt.

Halsbrecherische Posen

Und schon drehen sich alle Köpfe zur Hausfassade, wo sich fünf Blechbläser in halsbrecherischen Posen in den offenen Fenstern installiert haben und mit baumelnden Füssen zu musizieren beginnen. Jazzig verspielt und mit schrägen Tönen sind die Einlagen dieses Quintetto Inflagranti, bis die Alphornbläser den Dialog wieder aufnehmen und weitertragen. Kaum verklingt der letzte Ton, nähert sich Marschmusik von der Bahnhofstrasse her. Dirigent Peter Künzli führt eine kleine Formation seiner Spielgemeinschaft der Musikvereine Verena Stäfa und Harmonie Hombrechtikon an und bahnt sich mit erhobenem Haupt und ernster Miene eine Passage durch die Menge.

Das mit überraschenden Klangeffekten gespickte Freiluftkonzert beschert dem Publikum ein ungewohntes Hörerlebnis in einer gewohnten Umgebung. Zu verdanken ist es der Experimentierfreude des Programmleiters der Lesegesellschaft, dem Flötisten Matthias Ziegler, der selber im Spittel zuhause ist.

Im Anschluss wird der Bevölkerung von der Gemeinde ein Apéro mit Tropfen aus dem Lattenberg offeriert, ebenfalls unter freiem Himmel auf einem kleinen Platz inmitten der Häuser. Überall fröhliche Gesichter, so belebt hat man diesen alten Teil Stäfa noch nie gesehen.

Gemeinsam an den Tisch

Für den nächsten Akt der Jubiläumsfeier begeben sich 170 Personen ins benachbarte Restaurant Rössli, wo der Kulturverein bewusst nicht zu einem Festbankett, sondern zu einer ungezwungenen Tavolata eingeladen hat: Die Gäste sitzen an langen Tischen und bekommen anstelle eines Tellerservices ein dreigängiges Menü in Platten und Schüsseln serviert, aus denen sich jeder selbst bedient. Den musikalischen Rahmen liefert das Stäfner Salonorchester Odeon, das bekannte Schlager des letzten Jahrhunderts aufleben lässt.

«Seit Wochen war auf unserer Webseite zu lesen, dass unsere Jubiläums-Tavolata ausverkauft war», lässt der sichtlich vergnügte Vereinspräsident in seiner Ansprache verlauten: «Ein schönes Geschenk zum 200. Geburtstag der Lesegesellschaft Stäfa.»

«Kultur vor der Haustür»

Richard Diethelms Dank und der brausende Applaus gebührt all jenen, die zum Gelingen der Jubiläumsaktivitäten beigetragen haben. Dann blickt er auf die Leistungen der Lesegesellschaft zurück: «Aus heutiger Sicht fehlte unter den damals revolutionären Forderungen an die Regierung nur die Einführung des Frauenstimmrechts», meint er und erntet einen Tag nach dem nationalen Frauenstreik Beifall. In seinem Blick in die Zukunft versichert der Festredner, dass der Vorstand sich bemühen werde, «die starke Stellung der Lesegesellschaft im kulturellen Leben von Stäfa» zu halten und ambitioniert weiterhin das Ziel zu verfolgen: «Kultur vor der Haustür».

Die Grussbotschaft des Gemeinderats übernimmt wegen Abwesenheit des Gemeindeoberhaupts der ihn vertretende Vizepräsident Andreas Utz (GLP). In einer Zeit, in der Nachhaltigkeit zum Schlagwort geworden sei, übernehme die Lesegesellschaft deren sozialen Aspekt, dies aber schon seit 200 Jahren. «Die Lesegesellschaft ist und bleibt Trendsetter», lobt Utz, zumal ihre Errungenschaften nachhallen – «und dies hoffentlich auch die nächsten 200 Jahre».

Erstellt: 16.06.2019, 16:36 Uhr

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