Chemie Uetikon

Eine Fabrik, dem See abgerungen

Die Chemie Uetikon, wie sie das heutige Dorfbild prägt, entstand zum grössten Teil in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wachsen konnte die prosperierende Fabrik damals nur in eine Richtung: in den See hinaus.

Nach dem ersten grossen Ausbau: Das Bild eines unbekannten Künstlers zeigt die erweiterte Fabrik von 1862 mit neuer Bleikammer und Hochkamin.

Nach dem ersten grossen Ausbau: Das Bild eines unbekannten Künstlers zeigt die erweiterte Fabrik von 1862 mit neuer Bleikammer und Hochkamin. Bild: Schweizerisches Wirtschaftsarchiv

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Der Ausbau musste schnell gehen. Das legt zumindest ein Inserat nahe, das die Gebrüder Schnorf am 29. Dezember 1860 im «Wochenblatt des Bezirks Meilen» schalteten. In der Vorgängerpublikation der «Zürichsee-Zeitung» suchten die Patrons der Chemischen Fabrik Uetikon innert zwei Wochen Baufirmen für «Erd-, Maurer-, Zimmermanns- und Steinbauer-Arbeit». Denn die Schnorfs beabsichtigten Grosses: Es bestand zwar nicht der erste, aber der bisher bedeutendste Ausbau ihres Unternehmens bevor.

Sie seien Willens, schrieben sie in der Bauausschreibung, «eine Landanlage mit Umfassungsmauern und auf derselben ein grosses Fabrikgebäude zu erbauen.»Landanlage – das heisst nichts anders, als dass dem Zürichsee mit dem Einverständnis des Kantons Land abgerungen werden sollte. Denn das Unternehmen, 1818 von Heinrich, Kaspar, Rudolf und Elisabeth Schnorf als kleiner Gewerbebetrieb gegründet, konnte nur in eine Richtung wachsen: in den See hinaus. 1837, das zeigen alte Karten, befand sich die Uferlinie noch auf jener Höhe, auf der später die Seestrasse gebaut wurde. Die junge Chemiefabrik, die zu dieser Zeit gut zehn Arbeiter beschäftigte, bestand nur aus kleineren Gebäuden, die bergseitig der heutigen Kantonsstrasse lagen.

Ausbau in drei Etappen

Die Bauauschreibung, die im «Wochenblatt des Bezirks Meilen» publiziert wurde, war gewissermassen der Auftakt der Expansion. Zuerst wurde Land aufgeschüttet, und ab 1862 bis 1865 entstanden die Erweiterungsgebäude beim heutigen Hafen, darunter das markante Kammerofengebäude mit dem Parallelgiebel.

«Die Fabrik leistete einen beachtlichen Beitrag zur wirtschaftlichen Landesverteidigung».Dorfchronik von Uetikon

Zwischen 1893 und 1896 sowie von 1913 bis 1918 folgten die beiden nächsten Ausbauetappen. In dieser Zeit entstanden die grossen Lagerhallen im Westen des Areals, beispielsweise der geschützte Düngerbau von 1896. Für diese Bauten musste dem See erneut Land abgetrotzt werden. Vor genau 100 Jahren war das Gelände praktisch im heutigen Umfang aufgeschüttet und das neu gewonnene Terrain fast vollständig überbaut. Ein Wandgemälde um 1920 des Zürcher Landschaftsmalers Wilhelm Ludwig Lehmann im Treppenhaus der ETH ist nahezu identisch mit der Silhouette der heutigen Fabrik. Die Fabrik hat somit ihr Gesicht, wie wir es kennen, grösstenteils in den ersten hundert Jahren erhalten.

Wachstum dank Dünger

Dass sich die Chemiefabrik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts plötzlich rasant entwickelte, nachdem sie in der ersten Jahren nur langsam gewachsen war, lag zu einem grossen Teil an der Einführung der Düngermittelproduktion im Jahr 1881. Zuvor hatte sich die Fabrik auf die Herstellung von Schwefelsäure für die Textilindustrie konzentriert. Die Nachfrage nach Dünger für die Landwirtschaft war gross, und der Verkauf des Stoffs ein lukratives Geschäft. Davon zeugen zahlreiche Inserate, die Ende des 19. Jahrhunderts im «Wochenblatt des Bezirks Meilen» und in der «Neuen Zürcher Zeitung» erschienen.

Besonders stark stieg der Bedarf an chemischen Produkten während der Weltkriege, als die Schweiz wirtschaftlich vom Ausland abgeschnitten war. Die «Chemische», wie die Fabrik in Uetikon teils noch heute genannt wird, war massgeblich daran beteiligt, die Nachfrage der heimischen Industrie an Chemikalien zu decken. «Die Fabrik leistete damit einen beachtlichen Beitrag zur wirtschaftlichen Landesverteidigung», heisst es in der Uetiker Dorfchronik von 1983. Die Chemie Uetikon war damit zu einem wichtigen Glied in der Schweizer Kriegswirtschaft geworden – und somit zu einer Profiteurin der Krisenzeit.

Fabrik überdauerte die Zeit

Auch nach dem Krieg expandierte das Unternehmen – allerdings nicht in Uetikon. Hier konnte sich die Fabrik nicht mehr ausdehnen, weshalb sie 1948 mit einem Teil der Produktion im Aargau begann. Das dürfte einer der Gründe sein, dass die architektonische Veränderung – zumindest die von aussen sichtbare – praktisch aufhörte.

Die Bauten aus den ersten hundert Jahren überdauerten so die Zeit. Sie sind zu einem Wahrzeichen von Uetikon geworden. Der Bundesrat nahm das Fabrikareal 2012 sogar im Inventar der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung (Isos) auf. Und der Heimatschutz bezeichnete unlängst einige Gebäude feierlich als «Kathedralen der Industriegeschichte». (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.05.2018, 14:38 Uhr

200 Jahre Chemie Uetikon

Die Geschichte der CU

Die Gruppe CPH Chemie + Papier Holding AG feiert am 26. Mai in Uetikon ihr 200-jähriges Bestehen: 1818 gründeten die Gebrüder Schnorf die Chemische Fabrik Uetikon. Mit dem Verkauf des Areals an den Kanton und die Gemeinde zieht sich die Firmengruppe aus Uetikon zurück. Die ZSZ blickt aus diesem Anlass zurück. Nebst der baulichen Entwicklung geht es in der Serie unter anderem um die Produktion, die Bedeutung des Bahnverkehrs für die Firma und die Geschichte der Gründer­familie.

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