Zumikon

Eine Büro-WG am Dorfplatz soll Zumikon wachrütteln

Zumikon erhofft sich mit Gemeinschaftsbüros neue Impulse für das tagsüber verwaiste Dorfzentrum. Wie gross der Nutzen für die Berufstätigen, das Dorfleben und das Gewerbe tatsächlich ist, bleibt aber unklar.

Gemeinschaftliche Arbeitsplätze in der Gemeinde (im Bild die Crypto Valley Labs, ein Coworking Space in Zug) sollen verwaisten Dorfzentren wie in Zumikon neues Leben einhauchen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Sogwirkung der Stadt macht vielen Gemeinden am Zürichsee zu schaffen: Morgens pendeln Tausende Berufstätige nach Zürich, abends kehren sie zurück – und dazwischen geschieht in den Dörfern wenig. Eine Gemeinde, die dies in den vergangenen Jahren besonders stark zu spüren

bekommen hat, ist Zumikon. Der Dorfplatz wirkt zeitweise wie ausgestorben. Das hat eine Abwärtsspirale ausgelöst. Das lokale Gewerbe leidet. Grossverteiler und Migros haben an der Peripherie in Waltikon grosse Filialen eröffnet und damit die Kundenströme umgeleitet. Das Zumiker Dorfzentrum hat stark an Attraktivität eingebüsst.

Der Gemeinderat hat schon einige erfolglose Versuche unternommen, den Dorfplatz zu beleben. Ein paar Bäume und Sitzbänke hätten beispielsweise einst mehr Passanten anziehen sollen. Aus dem Projekt wurde allerdings nichts. Nun verfolgt die Gemeinde neue Ideen: Coworking Space heisst ein Zauberwort – oder, wie es die Gemeinde umschreibt, «eine Art Gemeinschaftsbüro». In einem solchen sollen sich verschiedene berufstätige Zumiker Arbeitsplätze teilen. Zum Beispiel Freischaffende oder Arbeitnehmer, die bei einem Unternehmen angestellt sind und eigentlich ein Büro am Firmensitz hätten, aber einige Tage pro Woche in ihrer Wohngemeinde arbeiten möchten.

Ein sogenannter Coworking Space soll Berufstätigen offenstehen – und dazu beitragen, dass die Gemeinde tagsüber nicht wie ausgestorben wirkt. Bild: Sabine Rock.

«Pendlerwahnsinn ist Stress»

Ob ein solches Projekt zustande kommt, ist noch unklar. Die Gemeinde will zunächst die Nachfrage klären. Um die Bevölkerung einzubinden, hat sie am Mittwochabend eine erste öffent­liche Informationsveranstaltung durchgeführt. Moderiert wurde sie von der Firma Village Office, einem genossenschaftlich organisierten Beraterunternehmen, das sich auf Coworking Spaces spezialisiert hat und ein Netzwerk aus solchen Büros unterhält.

Berater Remo Rusca machte den Anwesenden deutlich, was die Nachteile des traditionellen Arbeitsmodells sind, bei dem die meisten Personen an ihren Arbeitsplatz pendeln. «Unsere Verkehrsinfrastruktur – Strassen und Schienen – sind komplett überlastet», sagte er. Die Folgen: ein enormer Energieverbrauch, tonnenweise CO2-Emissionen und «ein Pendlerwahnsinn, der zu Stress führt». Sieben von zehn Personen würden morgens ihre Wohngemeinde verlassen. «Kein Wunder, dass dem lokalen Gewerbe das Potenzial davonläuft.»

Was das Pendeln für Zumikon mit seinen gut 5100 Einwohnern bedeutet, verdeutlichte Rusca anhand von Daten des Bundesamts für Statistik. 29 719 Kilometer pro Tag legen alle Zumiker zusammen zurück. Sie umrunden somit täglich zu drei Viertel die Erde. «834 Stunden Lebenszeit gehen täglich durch Pendeln verloren», sagte Rusca.

Zwischendurch zum Coiffeur

Die Vision der Firma, deren Mitarbeiter quer durch die Schweiz pendeln, um Unternehmen und Gemeinden zu beraten, ist folgende: Jedermann soll innert fünfzehn Minuten an seinem Arbeitsplatz sein. Bis 2030 soll es in der Schweiz 1000 Coworking Spaces geben. Jener in Zumikon wäre mit 10 bis 20 vorgesehenen Arbeitsplätzen verhältnismässig klein. Er soll sich zwar selber finanzieren, die Gemeinde würde aber unter Umständen nicht mehr benötigte Räumlichkeiten am Dorfplatz zur Verfügung stellen.

«834 Stunden Lebenszeit gehen den Zumikern täglich durch Pendeln verloren.»Remo Rusca, Village Office

Kindertagesstätte, Restaurant, Post und eine Coop-Filiale, die bald in ein Aldi-Geschäft umgewandelt wird, befänden sich daneben. Berufstätige könnten so zwischendurch ihre Einkäufe oder ihre Postgeschäfte erledigen, sich aber auch beim Coiffeur nebenan die Haare schneiden lassen oder im benachbarten Reisebüro ihre Ferien buchen. Dank flexiblen Arbeitszeiten, wie sie mittlerweile in vielen Firmen üblich sind, wäre dies problemlos möglich. Selbst ein stärkeres Engagement fürs Dorf- und Vereinsleben, so die Hoffnung der Gemeinde, wäre mit Berufstätigen vor Ort einfacher. Als Vorzeigebeispiel nannte Village Office unter anderem ein Projekt, das die Firma im toggenburgischen Lichtensteig betreut.

Produktiver als im Homeoffice

Aber nicht nur die Gemeinde soll profitieren, sondern auch jene Arbeitgeber, die einzelne Mitarbeiter in einem solchen Coworking Space arbeiten lassen. Einerseits ersparen sie ihnen den Pendlerstress. Andererseits, so das Argument, seien Mitarbeiter in einem solchen Büro oft produktiver als am Firmensitz selber, wo die eigenen Kollegen sie von der Arbeit ablenken würden. Auch würden sie mehr Ruhe finden als im Homeoffice, wo sie sich mitunter nebenbei um ihre Kinder kümmern müssten.

Die Verfechter von Coworking Spaces führen überdies gerne an, dass im Gemeinschaftsbüro der Kontakt mit anderen Berufsgruppen einen fruchtbaren Austausch ermögliche. Unter den 30 Anwesenden, die sich am Anlass über das neue Arbeitskonzept informieren liessen, stiess diese Sicht aber auch auf Skepsis. «In meiner Branche geschieht Innovation ausschliesslich innerhalb der Firma», fand etwa eine Zumikerin, die in der Maschinenindustrie arbeitet. Zudem sagte sie: «Als Arbeitgeberin bin ich nicht un­bedingt daran interessiert, dass meine Mitarbeiter Wissen an Personen ausserhalb des Unternehmens weitergeben.» Wenn der Wissenstransfer einseitig verlaufe, habe die Firma nichts davon.

Zum Kochen nach Hause

Ein anderer Zumiker warf ein, dass er genauso gut nach Zürich pendeln könne, statt im Dorf zu arbeiten. «Mit der Forchbahn bin ich in 18 Minuten in der Stadt.» Dies liessen aber einige nicht als Argument gegen einen Coworking Space gelten. «Mag sein, aber von dort kannst du nicht rasch nach Hause, um den Kindern das Mittagessen zuzubereiten», konterte eine Bekannte von ihm. Bei vielen der Anwesenden stiess die Idee grundsätzlich auf Wohlwollen. Gemeinsam mit ihnen will die Gemeinde nun prüfen, ob in Zumikon das Interesse an einem solchen Angebot gross genug ist.

Erstellt: 17.01.2019, 21:01 Uhr

Coworking – von Adliswil bis Zug

Unternehmen, die sich innovativ geben möchten, schmücken sich gerne mit einem Coworking Space. Die Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft etwa bietet in den nächsten Wochen an drei Terminen 24 temporäre Arbeitsplätze auf der MS Limmat an. Sie stehen nach Anmeldung jedem offen.

Ob PR-Gag oder langfristiges Projekt: Die Zahl der Coworking Spaces nimmt zu. Wie viele es in der Schweiz gibt, ist unklar. Der Verein Coworking Switzerland spricht von rund 170 Angeboten, je nach Quelle ist die Zahl auch höher. Letztlich hängt sie von der Definition ab: Mancherorts wird bereits einer Bürogemeinschaft mit drei Arbeitsplätzen der Titel Coworking Space verliehen. Darüber hinaus existieren aber auch grössere Bürokomplexe, in denen sich Berufstätige verschiedener Sparten den Arbeitsalltag teilen.

Eine Idee aus den USA

Das Konzept stammt aus den USA. 2005 wurde in San Francisco auf Initiative eines Programmierers der erste Coworking Space eröffnet. Da dank der Digitalisierung viele Angestellte nicht mehr vom Standort ihrer Firma abhängig sind, stiess die Idee auch in anderen Ländern auf Interesse. In der Schweiz machte 2007 Citizen Space auf dem Zürcher Steinfels-Areal den Anfang. Auch in Zug gibt es mehrere Gemeinschaftsbüros, etwa die Crypto Valley Labs.

Mancherorts holen sich Firmen externe Start-ups ins Haus. In Adliswil etwa hat Generali Schweiz eine sogenannte Innovationsgarage für die Bereiche künstliche Intelligenz und Cybersicherheit eingerichtet. Junge Firmen erhalten dort vom Versicherer einen festen Arbeitsplatz samt notwendiger Infrastruktur wie Strom und Internet.

Ein Coworking Space, der aus ähnlichen Überlegungen wie in Zumikon ins Leben gerufen worden ist, befindet sich im Städtchen Lichtensteig im Toggenburg. Die Gemeinde hatte die Liegenschaft zunächst kostenlos interessierten Berufstätigen zur Verfügung gestellt, um etwas gegen die Abwanderung zu tun. Seit Anfang Jahr hat sich nun die Genossenschaft Macherzentrum Toggenburg darin eingemietet. Im Gemeinschaftsbüro arbeiten ortsansässige Angestellte und Selbstständige aus der Werbung, der Finanz- und der Technologiebranche sowie aus dem Beraterbusiness.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben