Stäfa

Ein Unglück, ein Schuh – aber die Leiche fehlt

Hobby-Archäologen haben vor Stäfa ein Wrack aus dem 19. Jahrhundert untersucht. Ihr Bericht gibt Aufschluss über das Unglück. Doch vieles bleibt rätselhaft – insbesondere ein gefundener Lederschuh, der wohl einem Besatzungsmitglied gehörte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dramatisches muss sich vor rund 100 Jahren vor dem Stäfner Lattenberg abgespielt haben. Vielleicht hat ein Sturm das Schiff überrascht, das sich rund 350 Meter vor dem Ufer befand. Vielleicht war der See aber auch ruhig, und es floss unbemerkt Wasser in den Motorenraum, weil die Planken nicht dicht waren. Fest steht jedenfalls: Das Ledischiff sank Heck voran, der hintere Teil ging also zuerst unter. Dabei rutschte ein Teil der geschätzten 90 Tonnen schweren Sandladung nach hinten und drückte die Wand des Motorenraums ein. Die starken Kräfte, denen das Schiff ausgesetzt war, rissen das Dach der Führerkabine weg. In einer Tiefe von 22 Metern kam das Transportschiff schliesslich zu liegen.

So zumindest haben Hobby-Archäologen um den Taucher Adelrich Uhr den Untergang eines Schiffs vor der Stäfner Badi Lattenberg rekonstruiert. Auf das 22 Meter lange und 5,4 Meter breite Wrack stiessen sie vor einem Jahr, und sie machten es sich zur Aufgabe, das Schiff zu untersuchen. Es ist bereits das siebte Projekt, das die Swiss Archeo Divers vorangetrieben haben.

Ein Ausflug in die Tiefen des Zürichsees – gefilmt mit der Unterwasser-Kamera. Quelle: Adelrich Uhr

Erst nach 1910 gesunken

Über Monate hinweg sammelten die Taucher Daten über das Schiff. 17 Taucher erkundeten das Wrack in 24 Tauchgängen. Zudem verbrachten die Hobby-Forscher 300 Stunden in Archiven. Insgesamt beteiligten sich 55 Helfer direkt oder indirekt am Projekt, denn die Gruppe erhielt Unterstützung aus den verschiedensten Bereichen – von den Seerettern bis hin zu Kuratoren der hiesigen Ortsmuseen, der Kantonsarchäologie und weiteren Experten.

Nun liegt der Abschlussbericht vor. Auch wenn er nur teilweise Aufschluss über das Unglück gibt, liefert er doch einige Fakten. Zum Beispiel lässt sich das Datum des Unglücks näher einschränken. Aufgrund des Bautyps vermuten die Freizeitforscher, dass das Schiff aus Tannenholz zwischen 1880 und 1890 gezimmert wurde. «Es ist aber erst nach 1910 untergegangen», sagt Adelrich Uhr.

Ein Puzzleteil aus Polen

Dafür gibt es mehrere Belege. Zum einen wurde das Schiff nachträglich vergrössert, vermutlich, um die Ladekapazität zu erhöhen. Nur der Unterbau stammt aus dem 19. Jahrhundert. Vermutlich im Jahr 1910 wurde die Bordwand mittels Stahlträger um 50 Zentimeter erhöht. Denn diese Jahreszahl ist in einer Planke eingraviert. Zu dieser Zeit wurde das Lastsegelschiff wohl auch motorisiert.

Die Taucher fanden einen Benzinmotor, der zu dieser Zeit den bis anhin üblichen Petroleummotor ablöste. Um ihn freizulegen, saugten sie in 13 Tauchgängen mit einem Rohr den Sand ab, der während des Sinkens in den Motorenraum gerutscht war – rund 16 Kubikmeter.

Ebenso konnte das Team zwei Petrolpositionslampen bergen. Anhand der Prüfnummer fanden sie heraus, wann und wo die beiden Lampen hergestellt wurden: 1909 beziehungsweise 1910 in einer Fabrik im polnischen Stettin, das damals zu Preussen gehörte.

Auch ein Metalldetektor kam zum Einsatz. Dank ihm fanden die Taucher einige Bruchstücke von Lampen sowie Eisenteile und einen Ringgabelschlüssel, ein Werkzeug, das vermutlich im Motorenraum gebraucht wurde.

Ein gefährlicher Beruf

Der unheimlichste Fund aber war ein Lederschuh. Er befand sich unter einer 10 Zentimeter dicken Sedimentschicht. Abklärungen beim Schuhmuseum in Lausanne und beim Bally-Museum im solothurnischen Schönenwerd brachten zutage, dass es sich um ein Modell handelt, wie es zwischen 1890 und 1930 verbreitet war. Adelrich Uhr ist sich deshalb sicher, dass der Schuh zum Wrack gehört.

Wem aber gehörte er? Kamen Menschen ums Leben, als das Ledischiff sank? Möglich wäre es. Denn oft genug kam es vor, dass sich die Besatzung nicht schnell genug retten konnte, wenn ein Schiff in Not geriet. Die NZZ befasste sich 1929 in einem Artikel mit Schiffsunglücken auf dem Zürichsee. «Jeder stärkere Sturm bringt ein Tiefladungsschiff, wie sie auf dem Zürichsee am meisten Verwendung finden, zum Sinken», schrieb damals die Zeitung. «Die Schiffsführer müssen mit den örtlichen Verhältnissen so vertraut sein, dass sie beim Ausbruch eines grossen Gewelles sofort in einen Hafen flüchten können.» Schafften sie dies nicht, seien sie verloren. Denn einige grosse Wellen, die in den Laderaum schwappten, könnten ein 100-Tonnen-Schiff in wenigen Sekunden zum Sinken bringen.

Es fehlt die Unglücksmeldung

In den Zeitungsarchiven haben Uhr und sein Team aber bisher keine Unglücksmeldung gefunden, die zum Wrack vor Stäfa passt – dies, obwohl die Blätter bis ins 20. Jahrhundert hinein häufig über Schiffsunglücke berichteten. Und auf dem Grund des Zürichsees haben die Taucher keine weiteren Spuren gefunden, die auf einen Todesfall hindeuten. «Es wäre jedoch vorstellbar, dass eine Leiche zumindest teilweise konserviert ist», sagt Uhr. Aber alle seine Geheimnisse gibt der See eben nicht preis. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 30.05.2018, 15:18 Uhr

Wracktaucher

Der Verein Swiss Archeo Divers, der 2005 von Freizeitarchäologen und Sporttauchern gegründet wurde, unterstützt archäologische Ämter der Schweiz. Das Wrack vor Stäfa ist das siebte Projekt, dem sich der Verein gewidmet hat. Im Zürichsee erforschten die Taucher zum Beispiel ein Schiff, das 1890 vor Obermeilen gesunken ist. Und im Stäfner Kehlhof, wo zwei 1885 gesunkene Schleppkähne liegen, richten die Swiss Archeo Divers in Zusammenarbeit mit der Zürcher Kantonsarchäologie ein kleines Unterwassermuseum für Taucher ein. Es soll im April 2019 eröffnet werden.

www.archeodivers.ch

Artikel zum Thema

Taucher dürfen Wrack untersuchen

Stäfa Vor der Stäfner Badi Lattenberg werden in den kommenden Wochen Taucher ein Ledischiff aus dem 19. Jahrhundert erforschen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben