Hombrechtikon

Ein Philosoph auf der Kanzel der Hombrechtiker Kirche

David ­Jäger ist katholisch ­auf­ge­wach­sen und hatte lange ein distanziertes Ver­hältnis zur Kirche – nun ist der 40-Jährige der neue Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Hombrechtikon.

Der gebürtige Aargauer David Jäger ist seit März der neue reformierte Pfarrer in Hombrechtikon.

Der gebürtige Aargauer David Jäger ist seit März der neue reformierte Pfarrer in Hombrechtikon. Bild: Michael Trost

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Im schwarzen Talar auf der Kanzel und im geschnitzten Pfarrstuhl posieren: Gar mancher Pfarrer, manche Pfarrerin würde dies eher als klischeehafte Inszenierung über sich ergehen lassen – die mit ihrem tatsächlichen Auftreten während der Gottesdienste indes kaum etwas gemeinsam hätte. Nicht so David Jäger.

Der 40-Jährige schlägt das Sujet gleich selber vor. Denn: «Ich donnere von der Kanzel her­unter und sage, was Sache ist», sagt er und wirkt gerade so, als würde er es tatsächlich ernst meinen. Dann ein entwaffnendes Lachen: «Natürlich nicht.» Aber der Haltung vieler seiner Kollegen könne er eben nicht gerade viel abgewinnen – nämlich, alltäglich gekleidet und beim Taufstein stehend sich auf gleicher Ebene mit der Gemeinde darzustellen. «Diese Gleichheit gibt es nicht.» Allein nur schon dadurch, dass der Pfarrer die ­Liturgie gestalte.

Jäger amtet seit Anfang September als Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Hombrechtikon. Die unkonventionelle und direkte, zuweilen ironische Meinungsäusserung fällt nicht nur im ­erwähnten Kontext auf. Sie zeigt sich überhaupt in seiner Wahrnehmung des Kosmos, in dem er sich als Pfarrer ­bewegt. Einer Wahrnehmung, die durch seinen mäandernden Lebens­lauf geprägt wurde.

Mit Kunst begonnen

Aufgewachsen ist Jäger in einer siebenköpfigen Familie im Aargau – als Katholik. «Ich war aber kein Kirchgänger.» Die Distanz zur Kirche wird gar noch grösser, als er in Luzern das Studium an der Kunstschule beginnt und 2003 abschliesst. Aber die grundlegenden Fragen, welche die Essenz des menschlichen Daseins betreffen, drängen sich ihm ­immer mehr auf. Jäger sucht die Antworten im Philosophiestudium. Und hört sich daneben mal die eine, mal die andere Vorlesung der Theologie an, nimmt dann und wann in der reformierten Münstergemeinde von Basel teil – um seine kritische Haltung gegenüber Kirche und Religion herauszufordern. Dann aber entdeckt er just in der Theologie,wie auf die Fragen, die ihn am meisten beschäftigen, für ihnam nachvollziehbarsten herangegangen wird.

«Ich muss erst herausfinden, was die Menschen hier brauchen.»David Jäger

So studiert er die reformierte Theologie aus diesem Ur-Inter­esse heraus. Ohne aber mit der konkreten Idee, dereinst als Pfarrer zu arbeiten – in einem Beruf, der eine gewisse Exponiertheit mit sich bringe. «Als Amtsperson ist man eine Projektionsfläche für verschiedenste Ansprüche», erklärt er. Das könne einem inder privaten Rolle mitunter ein Gefühl der Einsamkeit geben. Nichtsdestotrotz hat ihn sein Weg nun ins Pfarramt geführt. Denn: «Ich predige extrem gern.»

Seit März in Hombrechtikon

Erstmals ausleben kann er diese Begeisterung unter anderem während seines Vikariats im Basler Münster von 2015 bis 2016. An diese Zeit knüpft er eine längere Reise durch Südostasien und Australien mit Ehefrau Sabina und den gemeinsamen Kindern Lou und Jakob, heute neun und elf Jahre alt, an.

In Hombrechtikon nun hat ­Jäger seine erste Vollzeitstelle als ordinierter Pfarrer inne, dies mit dem Schwerpunkt Jugend und Familie. Bereits ab März hat er in der Nachfolge von Joke van Ek als Pfarrstellvertreter gewirkt. «Ich bin mich noch immer am Ein­leben», sagt er, «und muss erst her­ausfinden, was die Menschen hier brauchen.» Wichtig sei ihm, diese Suche mit den Gemeindemitgliedern und seinen Mitarbeitern anzugehen – statt blindlings neue Angebote oder Events zu kreieren. Letzteren steht er ohnehin skeptisch gegenüber, vor allem, wenn sie dazu dienen sollten, dem Mitgliederschwund der Kirche etwas entgegenzusetzen. «Was die Kirche anbietet, muss authentisch sein», sagt er. «Sie soll eine Schule sein für Leute, die interessiert sind, an den Fragen des Lebens zu arbeiten.» Und zwar für Leute aller Grade von Frömmigkeit. Dieser Lehrauftrag ist für Jäger zentrales Erbe der Reformation.

So, wie ihm das Predigen die Krönung aller pfarramtlichen Tätigkeiten bedeutet, so wichtig ist ihm der Gottesdienst am Sonntagmorgen. «Im Gottesdienst entsteht ein Raum, der das spirituell-besinnliche Sein anspricht.» Um diesem Raum seine Kontur zu ­geben, seien ihm die liturgischen Gesten denn auch so wichtig.

Individuum im Fokus

«Die Erfahrungen aus dem Kunststudium helfen mir, einen Ort des Erlebens zu gestalten.» Mit bewusst gesetzten Zeichen und Ritualen, mit Worten, die mit Bedacht gewählt würden. «Auf poetisch-ästhetische, teils auch auf provokative Weise will ich die Leute zum Hinterfragen und Nachdenken über sich, über Gott anregen.» Explizit auf das Weltgeschehen wolle er hingegen nicht fokussieren. «Da bin ich eher der Philosoph: Mir geht es darum, was den Menschen, das Individuum konkret betrifft.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 01.10.2018, 16:36 Uhr

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