Demenz

Ein Nachmittag, der die Demenzerkrankung in den Hintergrund rücken lässt

Wöchentlich kommen Demenzkranke in Uetikon zu den so genannten Gipfeltreffen zusammen. Ein vielseitiges Programm soll ihr Selbstvertrauen stärken, aber auch dafür sorgen, dass die Teilnehmer nicht zu Hause vereinsamen.

Die Choreografie bei der Dalcroze-Rhythmik regt die Hirnleistung an: Im Kreis sitzend führen die Teilnehmer des Gipfeltreffens verschiedene Bewegungsabfolgen aus.

Die Choreografie bei der Dalcroze-Rhythmik regt die Hirnleistung an: Im Kreis sitzend führen die Teilnehmer des Gipfeltreffens verschiedene Bewegungsabfolgen aus. Bild: Manuela Matt

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Die Teilnehmer des Gipfeltreffens Zürichsee könnten unterschiedlicher nicht sein. Da ist der ehemalige Orchestermusiker, der mit seiner charmanten, sensiblen Art seinen Mitmenschen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Oder der pensionierte Anlageberater, der mit seinen träfen Sprüchen alle zum Lachen bringt. Aber auch die Meilemerin, die ihr Leben lang immer für andere da war und auch jetzt noch, nicht anders kann, als mit anzupacken.

So verschieden der Hintergrund dieser Menschen ist, eines haben sie alle gemeinsam: Sie leiden an einer Gedächtnisschwäche oder an einer Form von Demenz. Deswegen kommen sie einmal oder manche auch zweimal wöchentlich im Haus Wäckerling zusammen. Das Forum für angewandte Gerontologie geniesst im Uetiker Pflegeheim mit seinem Gipfeltreffen Gastrecht. Auch an einem Donnerstag im Juli trudeln die Senioren um 11.30 Uhr ein, um zum Auftakt des Gipfeltreffens ein Mittagessen einzunehmen. Die Stimmung ist gelöst. Es wird fröhlich geplaudert: etwa über den Sohn, der studiert oder die Fussball-WM. «Das ist doch keine WM, das ist Theater spielen», ereifert sich einer der Männer über die Schwalben am Turnier.

«Wir erleben es immer wieder, dass alte Erinnerungen geweckt werden.»
Frieda Oesch Parsons, Leiterin des Gipfeltreffens

Bei den Treffen, sind Teilnehmer und Betreuer per Du. «So ist es auch einfacher die Namen zu behalten», sagt Brigitte Gloor, Präsidentin der Uetiker Arbeitsgruppe 60plus und Mitinitiatin des Gipfeltreffens. Ziel des Anlasses ist es, durch das regelmässige Zusammensein das Wohlbefinden und Selbstvertrauen zu stärken. «Wir erleben es immer wieder, dass alte Erinnerungen geweckt werden», erzählt Frieda Parsons Oesch, Leiterin des Gipfeltreffens und Aktivierungstherapeutin. Das Kurzzeitgedächtnis gehe mehr und mehr verloren, aber das Langzeitgedächtnis sei bei vielen noch da.

Die Angst ums Portemonnaie

Begleitet werden Gloor und Oesch Parsons an diesem Nachmittag von zwei der etwa zehn Freiwilligen aus der Region, die das Gipfeltreffen unterstützen. Üblicherweise sind etwa zwei bis drei Betreuer vor Ort. Viele haben selbst in der Familie oder im Freundeskreis Erfahrungen mit Demenz gemacht und wollen deswegen helfen. «Meine Geschwister und ich haben unsere Mutter begleitet, die eine schwere Demenz hatte», erzählt etwa Brigitte Gloor. Wenn man die Krankheit im eigenen Umfeld erlebt habe, sei man sensibilisiert. Bei den Teilnehmern handelt es sich um sechs Frauen und Männer zwischen 71 und 83 – ein Teilnehmer ist in den Ferien. Voll besetzt ist die Gruppe noch nicht: zwei Betroffene könnte sie noch aufnehmen.

Auch wenn am Mittagstisch eine fröhliche Stimmung herrscht, wird eine Dame von Minute zu Minute unruhiger: «Ich habe ja kein Geld», sagt sie. «Doch doch, es ist im Portemonnaie in der Handtasche», versucht Oesch Parson zu beruhigen. Erfolglos. So holt sie schliesslich das Portemonnaie und legt es vor ihr auf den Tisch. «Schau, da ist dein Geld und dein Billett drin.» Die ältere Dame mit dem sportlichen Kurzhaarschnitt greift sich an den Kopf und lacht erleichtert auf, ihre Züge entspannen sich. «Sigrid* sucht oft ihr Geld oder ihre Schlüssel», erklärt Gloor. «Nicht selten haben Menschen mit Demenz Angst, dass ihnen wichtige Sachen abhanden kommen könnten.»

Rhythmik regt Erinnerung an

Nach dem Mittagessen spaziert die Gruppe durch die Reben ins Franziskus-Zentrum. Mit dabei ist auch der pensionierte Musiker Damian. «Wenn ich ein Musikstück höre, studiere ich sofort, was es ist», erzählt er im Gehen. Auch wenn die Zeit der klassischen Konzerte für ihn der Vergangenheit angehört: die Liebe zur Musik ist geblieben. Und wie gefällt ihm das Gipfeltreffen? «Es ist ein schöner Moment», sagt der grauhaarige Herr. Sonst komme er nicht so unter Leute. Oesch Parsons ergänzt, dass viele Menschen mit Gedächtnisproblemen keinen Antrieb mehr hätten, sich zu verabreden. «Zudem schätzen die Angehörigen die wöchentliche Entlastung für ein paar Stunden.»

«Das Gipfeltreffen ist ein schöner Moment: Sonst komme ich nicht so unter Leute.»
Teilnehmer des Gipfeltreffens

Der Spaziergang ist nicht die einzige körperliche Betätigung an diesem Nachmittag. Inspiriert von der so genannten Dalcroze-Rhythmik werden anschliessend Bewegungsabfolgen geübt: Schultern werden gekreist, Arme gestreckt und Finger massiert. Immer wieder finden die Leiterinnen Worte des Lobes. «Harriet erfasst sogleich den Ablauf der Übungen», sagt Oesch Parsons und schenkt der Genannten ein aufmunterndes Lächeln. Dass die Bewegung den Senioren Freude bereitet, ist aber nur ein Aspekt. «Es gibt Erkenntnisse, dass die Kombination von Bewegung mit Rhythmik und Musik die Hirnleistung aktiviert und sogar das Sturzrisiko senkt», sagt Gloor.

Beim anschliessenden freien Tanz wird noch offensichtlicher, dass die Senioren den Plausch haben. Während Brigitte Gloor am Klavier für die Musik sorgt, drehen sie sich, wippen in den Hüften und zeigen sich für ihr Alter erstaunlich agil. Damian fordert sogar die ZSZ-Redaktorin mit einem verschmitzten Lächeln zum Tanz auf. Nicht immer nehmen Rhythmik und Musik solch grossen Raum ein: Anderntags stehen auch das Lösen von Rätseln, spielen, malen oder Geschichten erfinden auf dem Programm.

Es sind die kleinen Dinge, an denen man merkt, dass sich hier nicht einfach eine gewöhnliche Seniorengruppe trifft. So etwa daran, dass die Betreuer regelmässig durchzählen – als ein Teilnehmer auf der Toilette weilt, kommt kurzzeitig Unruhe auf, bis der Aufenthaltsort klar ist.

Tiefgründige Gespräche

Ein letztes Verschnaufen, aber auch die Gelegenheit für den einen oder anderen Gedankenaustausch, bevor die Teilnehmer um 16.30 Uhr von ihren Angehörigen abgeholt werden, bietet das gemeinsame Kaffeetrinken. Manchmal ergeben sich daraus tiefgründige Gespräche. Völlig unvermittelt erzählt etwa einer der Teilnehmer Frieda Oesch Parsons von seiner Kindheit in einem Kinderheim und dass er dieses jetzt nochmals besuchen wolle. «Diese Offenheit, dieses Vertrauen und dass er nun damit abschliesst, das hat mich bewegt», sagt die Leiterin.

*Alle Namen der Teilnehmer des Gipfeltreffens wurden geändert. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 07.08.2018, 14:20 Uhr

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