Herrliberg-Feldmeilen

Eine musikalische Annäherung an einen ungewöhnlichen Komponisten

Der erste musikalische Anlass der Saison in der Kulturschiene widmete sich Joseph de Boulogne, der im 18. Jahrhundert als «schwarzer Mozart» gefeiert wurde.

Spielten Werke von beiden Mozarts: Noelle Grübler (Violine) und Andrea Wiesli am Flügel.

Spielten Werke von beiden Mozarts: Noelle Grübler (Violine) und Andrea Wiesli am Flügel. Bild: Patrick Gutenberg

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«Hätten wir nicht handfeste Beweise, dass es ihn tatsächlich gegeben hat, diesen Joseph de Boulogne, man würde ihn als ein Phantasiegebilde bezeichnen, ein Hirngespinst, vielleicht eine Romanfigur von Alexandre Dumas – oder einen Filmhelden des frühen Hollywood-Kinos.»

Mit diesen Worten führten Graziella Rossi und Helmut Vogel am Donnerstagabend in die Welt- und Klangchronik ein, die Armin Brunner rund um die schillernde Figur des Joseph de Boulogne verfasst hat. Etwa 100 Personen haben sich dazu in der Kulturschiene beim Bahnhof Herrliberg-Feldmeilen eingefunden, um Näheres über einen Menschen zu erfahren, der im 18. Jahrhundert nicht nur eine einmalige Musikkarriere hinlegte, sondern auch ein ausgezeichneter Degenfechter, Eisläufer, Schwimmer und Schütze war. Mit seinem charmanten Auftreten und den gepflegten Manieren galt er in der Pariser Gesellschaft zudem als Frauenschwarm.

Kind einer Sklavin

Zwischen den historischen Auszügen der beiden Sprecher spielten Noëlle Grüebler (Violine) und Andrea Wiesli am Flügel aus Werken dieses Joseph de Boulogne. In seinem Leben, er wurde nur 54 Jahren alt, reifte dieser zu einem gefeierten Geigenvirtuosen, der unter anderem 14 Violinkonzerte, zwei Sinfonien und sechs Opern komponierte und daneben auch als Dirigent wirkte. Die vorgetragenen Musikstücke offenbarten einen sensiblen und höchst begabten Komponisten aus der Frühklassik, dem die beiden Musikerinnen mit ihrem wunderbaren Spiel alle Ehre erwiesen. Wer diese Musik hört, heisst es, vermutet nicht selten Mozart – geniale Fähigkeiten also, die ihn zum «schwarzen Mozart» machen.

Denn dieser Joseph war ein Mulatte: Er kam 1745 in Guadeloupe zur Welt, als Kind eines wohlhabenden Plantagenbesitzers und einer Sklavin. Als er noch klein war, floh die Familie nach Paris, weil der französische Vater angeblich in einem Duell seinen Gegner tödlich verletzt hatte. In der Metropole geniesst Joseph jene hervorragende Erziehung und Ausbildung, die ihm als Mischling den Weg in die weisse Aristokratie der damaligen Zeit ebnen. Zumal er gross gewachsen, kräftig und von geschmeidiger Statur ist, kurz: blendend aussieht.

An dieser Stelle stimmen die Musikerinnen de Boulognes Rondo «Les Caquets» an, das von der Violinistin eine stupende Fingerfertigkeit abverlangt. Das ungewöhnliche Stakkato, die lang anhaltenden hohen Töne, der schon fast tänzerische Rhythmus, der fliessend und leicht daherkommt, reisst das Publikum zu Bravo-Rufen hin.

Musiker als Revolutionär

Seine Hautfarbe wird Joseph zum ersten Mal zum Verhängnis, als er 1776 als neuer musikalischer Direktor der Académie Royale de musique diese reformieren soll. Weil sich einige Sängerinnen weigern, sich von einem Mulatten belehren zu lassen, wird die Berufung zurückgezogen. Ein Vorfall, der ihn politisiert und schliesslich zum Revolutionär werden lässt.

Während der Französischen Revolution ist de Boulogne Hauptmann in der Nationalgarde und leitet die Legion Saint-Georges, dem zu dieser Zeit einzigen schwarzen Regiment Europas. Dieses Amt als Feldherr trägt ihm den Beinamen Chevalier de Saint-Georgs ein. Er nutzt ihn aber auch für seinen Kampf für ethnische Gleichberechtigung und kehrt nach Guadeloupe zurück, um den Traum von der Befreiung aller Sklaven zu verwirklichen. Verarmt stirbt er 1799 in Paris.

Um die Zeit, in der Joseph de Boulogne musikalisch Erfolge feiert, aber auch um dessen Stil zu reflektieren, werden dem Publikum noch Werke von Mozart und Christoph Willibald Gluck vorgetragen. Mit Letzterem war der schwarze Mozart befreundet und beide tauschten sich aus. Und weil man schon damals de Boulognes Musik nicht von derjenigen Mozarts unterscheiden konnte, gibt es in der Kulturschiene zum Schluss noch ein Rätselraten: Das Publikum muss zwei Musikpassagen dem einen oder dem anderen zuordnen. Der Versuch zeigte: Auch im 21. Jahrhundert vermögen die Zuhörern nicht, den einen vom anderen Komponisten zu unterscheiden.

Im Unionsverlag Zürich ist 2018 der Roman «Joseph – der schwarze Mozart» des Holländers Jan Jacobs Mulder erschienen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 05.04.2019, 17:23 Uhr

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