Stäfa

Ein Medizinspektakel mit tollen Figuren

Das Statttheater nimmt sich mit «Der eingebildete Kranke» der berühmtesten Komödie von Molière an. Obwohl vor rund 350 Jahren uraufgeführt, ist der darin thematisierte Gesundheitswahn aktueller den je.

Permanent behandelt und scharf beobachet: der eingebildete Kranke. Das Stäfner Statttheater verlegt Molières Komödie ins Hier und Jetzt.

Permanent behandelt und scharf beobachet: der eingebildete Kranke. Das Stäfner Statttheater verlegt Molières Komödie ins Hier und Jetzt. Bild: Moritz Hager

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Dass es Argan nicht gut geht, muss er nicht sagen, er demonstriert es mit einer Verbissenheit, die an Wahn grenzt. In der Rolle von Molières Hypochonder wälzt sich Paul Schwyter keuchend und mit schmerzverzerrtem Gesicht auf seinem Bett, das die in Schwarz gehaltene Bühne dominiert.

Schon im ersten Szenenbild versetzt einen die von Michael Schwyter inszenierte Komödie in die Welt des eingebildeten Kranken. Argan wird umringt von mehreren Kittelträgern in Weiss, die in nervöser Aktivität alle an ihm herumwerkeln. Und ihm obendrein zu verstehen geben, allen voran sein Hausarzt Dr. Purgon (Cyrill Kutter), dass es schlecht bestellt sei um seine Gesundheit.

Kein Wunder lässt sich Argan auf Aderlässe und Klistiere ein, um sich fauliger Säfte zu entledigen oder der chronischen Verstimmung der Eingeweide beizukommen. Trotz dem kränklichen Zustand entgeht seinem scharfen Geist nicht, dass er für die Ärzteschaft «eine wahre Kuh zum Melken» ist und dass diese ihm gerne auch 300 Franken für einen Furz verrechnet, wenn er dann mal die Luft raus lassen kann.

Gespielt im Hier und Jetzt

Regisseur Schwyter, im wahren Leben der Sohn des den Titelhelden mimenden Schauspielers, liebt Klassiker wie diesen. «Sie haben eine absolute Gültigkeit, die bis in die heutige Zeit fortdauert», sagt er nach der Aufführung . Das gilt besonders beim eingebildeten Kranken: Molière karikierte schon 1673 bei der Uraufführung den damaligen Hype um die zwanghafte Erhaltung der Gesundheit, koste es was wolle. Auch heute treiben Spitzenmedizin, Gesundheitswahn und der damit verbundene Anti-Aging-Kult die Gesundheitskosten in die Höhe. Schwyter hat das Stück denn auch ins Hier und Jetzt verlegt. Sein zehnköpfiges Ensemble interpretiert die temporeiche Handlung mit lustvoller Hingabe.

Ein Mediziner in der Familie

Argan fürchtet sein baldiges Ableben. Da kommt ihm gelegen, dass seine Tochter Angélique (Samantha Hofmann) im heiratsfähigen Alter ist. Diese gedenkt er mit dem ehrgeizigen Arzt Thomas Diafoirus (Jürg Girschweiler) zu vermählen, um sich einen Mediziner in der Familie zu sichern. Der steife Junggeselle passt weder Angélique, die heimlich Cléante (Gerhard Möstl) liebt, noch dem Dienstmädchen Toinette, die Mitleid mit den Verliebten hat.

Dieses aufgeweckte und etwas vorlaute Dienstmädchen in kurzem Röckchen und klappernden Schuhen ist im Geschehen eine clowneske Figur, die von der talentierten Alexandra Gerlof mit witziger Frische gespielt wird. Die Sympathien im Publikum und dessen Gelächter sind ihr sicher. Obwohl Gerlof erst zum zweiten Mal auf der Stäfner Bühne steht, ist ihr Auftritt brillant.

Toinette hat nicht nur das Herz auf dem rechten Fleck. Sie durchschaut auch die egoistischen Interessen von Argans zweiter Ehefrau Béline, überzeugend dargestellt von Diana Trinkner, der reformierten Pfarrerin Stäfas. Die blau angemalten Lippen, der kalte Blick und ein fieses Lächeln unterstreichen den Ehrgeiz von Béline, die nur darauf wartet, dass Argan endlich das Zeitliche segnet, um ihn zu beerben.

«Die Menschen sterben wegen der Heilmitteln, nicht wegen der Krankheiten.»Béralde

Wie aus heiterem Himmel taucht der quietschfröhliche und vor Kraft strotzende Béralde (Harry Voigt) auf. Es ist Argans Bruder, in Hawaiihemd und kurzen Hosen, der vergeblich versucht, den Kränkelnden von seiner Gesundheit zu überzeugen: «Die Menschen sterben wegen der Heilmitteln, nicht wegen der Krankheiten», erklärt er. Der Bruder solle doch endlich die Aderlasse und Einläufe sein lassen, das nütze nur dem Geldbeutel der Mediziner.

Da hat Toinette die blendende Idee, um alle aus ihrer Zwickmühle zu retten: Argan soll sich tot stellen und schauen, wie Frau und Tochter reagieren. Es kommt, wie es kommen muss. Argan wendet sich von Béline ab und überlässt Cléante seiner Angélique, unter der Bedingung, dass dieser den Arztberuf erlerne. Cléante wirft den Ball zurück und meint, Argan selber solle Medizin studieren. Das wird gefeiert mit Musik, die der Regisseur liefert. Von überall stürmt das ganze Ensemble ins Rampenlicht, wie zu Beginn des Stücks in weissen Kitteln.

Weitere Spieldaten im Statttheater, Bahnhofstrasse 52, Stäfa: 23.,25., 27., 30. Januar und 1./2. Februar jeweils um 20 Uhr. Reservationen unter 077 423 52 40. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 21.01.2019, 16:39 Uhr

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