Oetwil

Ein Mann mit Hornissen im Schlafzimmer

Seit Mitte Mai beherbergt der Oetwiler Hans Luder in seinem Schlafzimmer ein wachsendes Volk von Hornissen. Dabei haben die Tiere ihr schlechtes Image in keiner Weise bestätigt.

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Hornissen: Viele Menschen denken bei diesem Begriff an stechwütige Insekten. «Drei Hornissenstiche töten einen Menschen, sieben ein Pferd» – der Spruch ist weit verbreitet, aber unwahr. Hans Luder weiss aus eigener Erfahrung, wie harmlos die Tiere aus der Familie der Faltenwespen sind. Der Pensionär aus dem Oetwiler Ortsteil Gusch teilt seit dem Frühling dieses Jahres sein Schlafzimmer mit zahllosen Hornissen. «Mitte Mai habe ich zum ersten Mal beobachtet, wie eine Hornisse an der Decke über dem Fenster ein zapfenartiges Gebilde angebracht hat», erzählt Luder. «Kurze Zeit später war dieses zu einem kleinen gräulichen Schirm angewachsen.»

Unablässig sei die Hornisse darum herumgeschwirrt und habe den Rand des entstehenden Nestes Millimeter um Millimeter verbreitert. «Besonders faszinierend war, dass die Hornisse auf einmal mit weissem Baumaterial weiterarbeitete und so ihrem Werk unbewusst ein kunstvolles Streifenmuster verlieh», sagt der Oetwiler. Da habe er entschieden, dem Treiben seinen Lauf zu lassen und das Nest nicht zu entfernen, wie er und seine Frau Nelly dies zuvor noch im Sinn gehabt hatten.

Holzfasern als Baumaterial

Hornissen – genauer gesagt die Königinnen dieser Insektenart – bauen ihre Nester aus einem Gemisch von abgenagten Holzfasern und Speichel. Die weisse Musterung des Nestes in Luders Schlafzimmer ist wahrscheinlich entstanden, weil in der Umgebung viele Birken stehen, deren Stämme helle Rinden tragen.

Die Hornissenköniginnen beginnen die Suche nach einem geeigneten Platz für ihr Nest und den Bau desselben im Frühling. «Bevorzugte Stellen sind in der freien Natur in Baumhöhlen», sagt Thomas Hänsch, Feuerwehroffizier und in dieser Funktion Wespenverantwortlicher der Gemeinde Oetwil. Alternativ nisten sie aber auch gerne in Storenkästen, in Schuppen oder in anderen abgeschlossen Räumen. Luders Schlafzimmer wurde wohl deshalb als Nistort entdeckt, weil die Tiere durch das gekippte Fenster stets Zugang in das Innere des Zimmers hatten.

Bald Hunderte von Eiern

«Schon bald konnten wir die ersten Waben sehen, in die die Königin ihre Eier gelegt hat. Ein Gewirk aus Seidenfäden verhinderte, dass das Gelege zu Boden fiel», erzählt Luder weiter. Nach etwa acht Tagen schlüpften Larven aus den Eiern. Dann, ab Ende Juni, habe das Nest mit einer zweiten Etage von Waben eine neue Grössendimension angenommen.

War zuvor die Anzahl Eier und Larven mehr oder minder überschaubar gewesen, ging es nun schnell in die Hunderte: Eier, Larven und geschlüpfte Tiere, alles war gleichzeitig an dem Nest zu beobachten. Bis anhin waren nur Arbeiterinnen geschlüpft, deren Aufgabe es war, an dem Nest weiterzuarbeiten. Nach drei bis vier Wochen ist ihr Leben bereits wieder zu Ende. «Anfang September begannen sie dann aber, grössere Waben für die Drohnen und die Königinnen zu bauen», erklärt Luder. Mit ihren 28 beziehungsweise 35 Millimetern Körperlänge sind diese deutlich grösser als die zwischen 18 und 25 Millimeter langen Arbeiterinnen.

Kaum gestochen worden

Kaum waren die Hornissen bei ihm sesshaft geworden, hat sich Luder im Internet intensiv über die Tiere informiert, über die er zuvor kaum etwas wusste. Die unerwartete Wohngemeinschaft machte ihn dann aber rasch zum Interessierten und schliesslich zum Kenner der Spezies. Fast täglich hat er Fotos und Videofilme seiner ungewöhnlichen Haustiere gemacht, am Ende sind es rund 200 Aufnahmen geworden. Luder hat sie auf seinem Computer unter dem Dokumentennamen «Hausgäste» abgelegt – eine Bezeichnung, die viel über das Verhältnis des Oetwilers zu den gestreiften Tieren in seiner Wohnung aussagt. «Ich hatte nie Angst, und gestochen worden bin ich lediglich zweimal», sagt er. Die Stiche seien kaum schlimmer wie jene von Wespen gewesen.

Starr überwintern

Auch seine Frau Nelly, die anfänglich Vorbehalte gegen das Nest in der Wohnung gehabt habe, sei bald von den Hornissen fasziniert gewesen. Tatsächlich nimmt Nelly Luder es mit Gelassenheit hin, wenn die Schlafzimmertüre zu lange offen steht und die Hornissen in die Küche und in die anderen Räume des Hauses ausschwärmen. Im September paarten sich die jungen Königinnen mit den Drohnen. Letztere sterben ab, während die Königinnen einen Unterschlupf suchen, in dem sie in einem Zustand der Starre überwintern. «Minustemperaturen machen ihnen nichts aus, kritisch ist aber ein Kälteeinbruch während der Eiablage», sagt Feuerwehroffizier Hänsch. Larven, aus denen keine Königinnen geworden sind, fallen aus dem Nest und verenden. Dies sei die unangenehmste Phase, da es auch zu Gerüchen komme, meint Luder.

Zukunft des Nestes ungewiss

Bald wird das Nest verlassen sein. Was er dann damit mache, wisse er noch nicht. «Ein Hornissenvolk benützt kein gebrauchtes Nest», sagt Hänsch, es könne aber gut sein, dass dieselbe Stelle dereinst wieder für ein neues Nest ausgewählt werde. Mehr als 60 Zentimeter hoch und 50 Zentimeter breit ist das Nest in Luders Schlafzimmer geworden. Hornissenexperte Hänsch ist erfreut über dessen Engagement. «Wir empfehlen den Menschen immer, Hornissen zu schützen und kein Gift zu verwenden.» In der Schweiz stehen diese Insekten auf der Roten Liste der bedrohten Arten – nicht zuletzt wegen ihres zu Unrecht schlechten Images. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 27.10.2015, 08:52 Uhr

Hans Luder hat sich mit seinen Hornissen angefreundet - und ihr Leben per Video dokumentiert. (Video: Hans Luder)

Ihm sind faszinierende Aufnahmen der Tiere gelungen. (Video: Hans Luder)

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