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Ein italienisches Lokal mit langer Tradition ist wieder offen

Das «Centro» in Erlenbach ist nach vier Monaten Pause wieder geöffnet. Mit neuem Wirtepaar und altem Erfolgsrezept will das Lokal seine Erfolgsgeschichte weiterführen. Es ist in Erlenbach eine Institution, die wegweisend für die Integration italienischer Gastarbeiter war.

Anstossen auf eine erfolgreiche Zukunft: Aktuar und Kassier Benjamin von Niederhäusern, das Wirtepaar Domenico und Christine Guarnieri, Centro- Vereins­präsident Carmine Farrace und Centro-Forumspräsident Ferdy Arnold (von links) schauen zuversichtlich nach vorne.
Anstossen auf eine erfolgreiche Zukunft: Aktuar und Kassier Benjamin von Niederhäusern, das Wirtepaar Domenico und Christine Guarnieri, Centro- Vereins­präsident Carmine Farrace und Centro-Forumspräsident Ferdy Arnold (von links) schauen zuversichtlich nach vorne.
Tim Haag

Eine Mischung aus Pfadiheim-Flair und Italianità begrüsst den Besucher, wenn er die «Baracca» an der Kappelistrasse in Erlenbach betritt. Ein alter Flipperkasten steht in der Ecke, Bilder von schnittigen Autos und leicht bekleideten Damen hängen an den Wänden. Die Eingangstür schmückt das symbolträchtige Schild mit dem Ferrari-Hengst, der an der Tränke steht. Die Stühle an den einfachen Tischen sind wild zusammengewürfelt. Viel hat sich im «Centro» Erlenbach seit seiner Gründung vor über 50 Jahren und der Schliessung im Oktober nicht verändert.

Das Wirtepaar aber ist neu, genauso wie die Küche, WC und der Buffetbereich.Die Geschichte des Lokals reicht bis in die 1960er-Jahre zurück: Am 9. September 1965 fand die erste Sitzung des «Erlenbacher Forum zur Förderung der Gemeinschaft mit und unter Gastarbeitern» statt. Für die über 400 italienischen Gastarbeiter in Erlenbach sollte ein Gemeinschaftszentrum errichtet werden, um ihnen ein Stück Heimat zu bieten — und damit sie ihre Feierabende nicht mehr am Bahnhof verbrächten, wie Benjamin von Niederhäusern, Aktuar und Kassier des «Centro»-Vereins, erklärt.

Wie eine zweite Heimat

Gebaut wurde das «Centro» von den Gastarbeitern in Fronarbeit mit der Unterstützung der Gemeinde, den beiden Kirchgemeinden und dem Baugeschäft Gianesi, wo ein grosser Teil der Gastarbeiter angestellt war. Von Niederhäusern erinnert sich gut an die Anfangszeiten der «Baracca»: «Das ‹Centro› war für die Gastarbeiter, die kaum deutsch sprachen, wie eine zweite Heimat», erzählt er, «vor allem an den Wochenenden sah man sie beim Kartenspielen, Debattieren und nach einigen Correttos beim Singen von Heimwehliedern». Entsprechend zahlreich waren die Lärmbeschwerden der Anwohner, weshalb ein Schild vor der Baracke die Gäste noch heute auf deutsch, englisch und italienisch daran erinnert, auf dem Nachhauseweg leise zu sein.

Heimlicher Alkoholausschank

Es dauerte eine Weile, bevor sich auch Schweizer in die kleine italienische Enklave unter dem Restaurant Erlenhöhe wagten. Mit der Zeit entwickelte sich das «Centro» aber zu einem Geheimtipp für Intelektuelle und Alternative, die das gute, preiswerte Essen schätzten. Einen Teller Spaghetti mit einem Salat, dazu ein Glas Wein und dies zu einem fairen Preis, so beschreibt der Präsident des «Centro»-Forums und ehemalige Gemeindepräsident Ferdy Arnold das Erfolgsrezept.

«Bis die Polizisten im Lokal ankamen, hatten die Gäste längst alle Flaschen verschwinden lassen.»

Ferdy Arnold, Präsident Centro-Verein

Auf den Wein aber hätte eigentlich verzichtet werden müssen, weil das Wirtepatent, das zum Ausschank von Alkohol nötig war, fehlte. Einzig für spezielle Grossanlässe durfte mit einer entsprechenden Bewilligung Alkohol verkauft werden. Damit die Restbestände solcher Anlässe nicht weggeleert werden mussten, war es aber erlaubt, diese an den folgenden Tagen noch auszuschenken. Im «Centro» wollten aber die Restbestände mysteriöserweise einfach nicht zu Ende gehen, weshalb aus den folgenden Tagen bald die folgenden Wochen und Monate wurden. Schliesslich ignorierte man das Verbot gänzlich. «Dass im «Centro» Alkohol ausgeschenkt wurde, war ein offenes Geheimnis. Es gab zwar ab und zu Polizeikontrollen, doch bis die Polizisten im Lokal ankamen, hatten die Gäste längst alle Flaschen verschwinden lassen», erinnert sich Arnold mit einem Schmunzeln. «Ausserdem schauten die Polizisten jeweils nicht allzu genau hin».

Typisch italienisch

Heute ist der Ausschank von Alkohol im «Centro» natürlich legal. Daneben finden sich auf der Speisekarte auch saisonale italienische Spezialitäten, die der neue Wirt Domenico Guarnieri aus seiner Heimat Sizilien bezieht. Gerade sind Artischocken und die Cedro, eine Zitrusfrucht, die beispielsweise in Salaten gegessen wird, bei Guarnieri angekommen. Der neue «Gestore» leitet den Betrieb mit seiner Frau Christine seit der Neueröffnung im Januar, nachdem die «Baracca» während vier Monaten geschlossen war. Grund für die Schliessung war einerseits ein Wasserschaden, der grossflächige Sanierungsarbeiten zur Folge hatte sowie der gesundheitsbedingte Rücktritt des alten Wirtepaars, Lucia und Gennaro D’Orsi.

Das Ehepaar Guarnieri führte während den letzten zehn Jahren das Restaurant Turbinenhaus in Zürich. Betrieben wird das Lokal weiterhin vom «Centro»-Verein, zusammen mit dem «Centro»-Forum, das für die finanziellen und gesamtorganisatorischen Fragen verantwortlich ist. Forum-Präsident Arnold versichert, dass die «Baracca» auch mit dem neuen Wirtepaar dem alten Erfolgsrezept treu bleiben will: «Die Barracca wird auch künftig ungezwungen, familiär und typisch italienisch bleiben. Wer hier mit Abendkleid und Krawatte hineinkommt fällt eher auf als jemand, der seinen Hund mitbringt».

Auch Boccia spielen kann man in der Halle neben der «Baracca» noch immer, obwohl die glorreichen Tage des Boccia-Club Borussia Erlenbach, an die zahlreiche Pokale in der Baracke erinnern, längst gezählt sind. Wer im Voraus anfragt, der bekommt eine Einführung ins Bocciaspiel vom Gestore persönlich.

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