Uetikon

Ein Gymnasium, das einem ganzen Dorf den Weg zum See ebnet

Vom Industrie- zum Mittelschulstandort: Für die Gemeinde Uetikon bricht ein neues Kapitel an. Die Bevölkerung soll beim Gestalten des begehrten Areals am See mitreden können.

Neue Perspektive für Uetikon: Gemeindepräsident Urs Mettler sieht in einer öffentlichen Nutzung des Industrieareals am See viel Potenzial.

Neue Perspektive für Uetikon: Gemeindepräsident Urs Mettler sieht in einer öffentlichen Nutzung des Industrieareals am See viel Potenzial. Bild: Manuela Matt

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Fast drei Jahre sind verstrichen von der ersten Ankündigung einer neuen Mittelschule am rechten Zürichseeufer bis zur Bekanntgabe ihres Standorts. Seit gestern ist es offiziell: Der Regierungsrat will das Gymnasium für rund 1000 Schüler in Uetikon auf dem Areal der «Chemischen» bauen.

Bis die Schule steht, wird es ­allerdings noch Jahre dauern. Ein aufwendiger Prozess, die sogenannte Gebietsplanung, steht bevor. Beteiligt sind daran der Kanton und die Gemeinde Uetikon. Fest steht, dass das gesamte Areal zwischen dem Hafen Uetikon und der Grenze zu Meilen im Gebiet Rotholz – 65 500 Quadratmeter – öffentlich zugänglich wird.

Kantonsrat entscheidet

Das Fabrikareal, auf dem seit 1818 unterschiedliche chemische Produkte hergestellt werden, ist seit einigen Jahren ein geschütztes Ortsbild von nationaler Bedeutung. Das heisst nicht, dass alle alten Gebäude stehen bleiben, wie Wolfgang Annighöfer, Leiter Finanzen und Bauten der Bildungsdirektion, erklärt. «Das Fabrik­gelände muss jedoch als solches erkennbar bleiben.»

Der Kanton erwirbt das Gelände für 52 Millionen Franken von der CPH Chemie + Papier Holding AG. Welche Kosten für den Bau des neuen Gymnasiums hinzukommen, lässt sich laut Annig­höfer noch nicht abschätzen. Dies werde der Architekturwettbewerb zeigen, der erst nach der Festsetzung der planungsrechtlichen Grundlagen stattfindet. Der Kantonsrat wird sowohl über den Antrag der Regierung zur Gründung der neuen Schule wie auch später über den Objektkredit entscheiden. Volksabstimmungen sind nicht vorgesehen.

Schule in Containern

Die Bildungsdirektion rechnet bis 2027 mit bis zu 4000 zusätzlichen Mittelschülern – ein Plus von 25 Prozent. Vom rechten Zürichseeufer pendeln bereits heute über 1500 Schülerinnen und Schüler in die Stadt Zürich. Mit dem neuen Seegymi werden die Kantonsschulen Stadelhofen, Hohe Promenade und Rämibühl in Zürich, aber auch die Kanti Wetzikon entlastet.

Um die steigenden Schülerzahlen aufzufangen, soll in Uetikon bereits im Sommer 2018 ein Provisorium in Betrieb gehen. Allerdings nicht auf dem Areal am See, sondern mitten im Dorf, auf der Wiese westlich des Riedstegzentrums. Sie ist im Besitz des Kantons und wird heute landwirtschaftlich genutzt. Eine Umzonung in die Zone für öffentliche Bauten wird nötig sein, um hier Schulcontainer zu errichten. Es handle sich um ähnliche Provisorien, wie sie seit längerem in Uster im Einsatz seien, sagt Wolfgang Annighöfer. Dort erfolgt Anfang April der Spatenstich für einen Neubau der Kantonsschule. Eine Prognose für den Baustart am See in Uetikon wagt Annighöfer nicht: «Dafür gibt es zum jetzigen Zeitpunkt zu viele Unwägbarkeiten.»

Richtplan gibt Ziele vor

Die Unwägbarkeiten hängen auch mit dem demokratischen Prozess zusammen, der in Uetikon ansteht. Der Gemeinderat beabsichtigt, dem Kanton etwa die Hälfte der Landfläche am See für 26 Millionen Franken abzukaufen. Die nötige Altlastensanierung ist in diesem Preis nicht enthalten – was ein Risiko birgt. Gemeindepräsident Urs Mettler (parteilos) hält dieses aber für vertretbar: «Der Boden dort ist sehr gut untersucht. Wir wissen ziemlich genau, was wo in welcher Kon­zen­tra­tion liegt.»

Die Verhandlungen mit dem Kanton laufen noch. Über den Kaufvertrag wird eine ausser- ordentliche Gemeindeversammlung im Herbst entscheiden. Auf die Frage, was die Uetiker Politik mit der Perle am Ufer vorhat, hält sich Urs Mettler bedeckt. Man wolle nun die Reaktionen aus der Bevölkerung abwarten und Schritt für Schritt vorgehen. «Der Gemeinderat macht sicher keine Planung im stillen Kämmerlein», sagt Mettler. «Die Stimmbürger werden sich dazu äussern können.»

Im kommunalen Richtplan aus dem Jahr 2010 hat Uetikon festgehalten, welches die öffentlichen Interessen für das Gebiet der «Chemischen» sind. Demnach soll es hier eine Mischnutzung mit Wohnen, Gewerbe und Dienstleistung geben. Grossläden und Fachmärkte sind nicht erwünscht – dafür eine «grössere Freihaltefläche» in Verbindung mit einem Seeuferweg. Explizit genannt wird auch eine «gross­zügige Badeanlage im westlichen Teil des Areals».

Freude und Wermutstropfen

Dass die Vorgaben des Richtplans nun umgesetzt würden, dar­auf pocht der Verein Uetikon an den See in einer gestern verschickten Medienmitteilung. Für das Gelände sieht er «grossartige Möglichkeiten». Der lange Kampf für den öffentlichen Zugang am See habe sich gelohnt. Der Verein kündigt an, die bevorstehenden Planungsschritte begleiten zu wollen.

Auch Gemeindepräsident Urs Mettler sprach gestern von einem «Meilenstein». Er sei «erfreut und ein bisschen stolz». Gleichwohl gibt es für ihn einen Wermutstropfen in der Geschichte: den Verlust von rund 100 Arbeitsplätzen in der Chemischen Fabrik. «Es wird zwar mit dem Gymnasium viele neue Arbeitsplätze geben – aber das ist für jene, die ihren Job durch die Schliessung der Fabrik verlieren, nur ein schwacher Trost.»

Erstellt: 23.03.2016, 08:39 Uhr

Nachgefragt

«Ich stelle mir die Schule nicht fabrikmässig vor»

Ein «Fabrikgymi» mit Seeanstoss ist etwas ganz Neues für den Kanton Zürich. Darf man sich ausmalen, dass die künftigen Schülerinnen und Schüler im Sommer direkt von der Mensaterrasse ins Wasser springen?

Silvia Steiner: Sie wecken bei mir gerade eigene Mittelschulerinnerungen – ich ging nämlich in Oerlikon in Baracken zur Schule, die in einem ehemaligen Schrebergarten standen. Aber zurück zur Frage: Nein, so stelle ich es mir nicht vor. Der Standort am See ist sicher einmalig, doch den Ausschlag für Uetikon gaben andere Faktoren, etwa die gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr.

Welche Visionen haben Sie denn für die neue Mittelschule?

Ich habe eher Ziele als Visionen. Ein Ziel ist, dass die neue Schule die ganze Zürcher Mittelschulszene beleben wird. Wenn nun ausserhalb des Bildungszentrums Zürich etwas Neues entsteht, kann das viele Impulse
geben und die Entwicklung der einzelnen Schulen beleben. Es ist auch ein Signal, dass wir trotz Spardruck in neue Mittelschulen investieren.

Wird der klassische Bildungsauftrag einer Mittelschule an diesem speziellen Standort breiter gefasst? Im Raum steht etwa die Idee einer «Laborschule» mit enger Verbindung zu Industrie und Forschung.

Dieser Vorschlag würde eine sehr frühe Spezialisierung auf die sogenannten Mint-Fächer bedeuten, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Das halte ich nicht für sinnvoll. Es soll eine ganz normale Mittelschule entstehen. Eine Mittelschule hat als erstes Ziel, den Jugendlichen eine gute, breite Allgemeinbildung zu vermitteln und sie zur Hochschulreife zu führen. Das ist in Uetikon nicht anders.

Auf das Areal konzentrieren sich auch viele Begehrlichkeiten der Uetiker Bevölkerung. Welche Chancen und Probleme sehen Sie darin?

Der Gestaltungsplan wird zeigen, wie sich die verschiedenen Bedürfnisse vereinbaren lassen. Aus meiner Sicht gibt es dabei aber nur Chancen. Der öffentliche Seezugang wird in jedem Fall gewährleistet sein.

Als der Regierungsrat vor drei Jahren bekannt gab, dass er ein neues Gymnasium am rechten Seeufer bauen will, sagte Ihre Vorgängerin Regine Aeppli: «Man könnte die Chemische Fabrik Uetikon in eine Mittelschule umbauen lassen.» Zeichnete sich das damals schon ab – oder war Aeppli einfach visionär?

Das müssen Sie sie selber fragen. Aber Achtung: Wir bauen nicht einfach eine Mittelschule in ein Fabrikgebäude hinein. Wir versuchen Bestehendes mit Neuem zu verbinden, so wie wir das bereits bei anderen Projekten gemacht haben, zum Beispiel bei der Bibliothek der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in einer ehemaligen Industriehalle in Winterthur. Ich stelle mir die Schule auch nicht «fabrikmässig» vor. Am rechten Seeufer gibt es das Bedürfnis nach einer ganz normalen Mittelschule. Dass jetzt die Standorte für den Neubau und die Provisorien feststehen und die Planung beginnen kann, ist ein riesiger Meilenstein – und es ist eine Chance für die ganze Region. (amo)

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